Boygroups unter Wasser

Delfine leben in komplexen Gemeinschaften. In der australischen Shark Bay tun sich Männchen zusammen, um einander zu helfen.

Indopazifische Grosse Tümmler: Gegenüber Weibchen können sie rabiat werden. Foto: Getty Images

Indopazifische Grosse Tümmler: Gegenüber Weibchen können sie rabiat werden. Foto: Getty Images

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Das Leben in einer Gruppe ist äusserst vielfältig. Das ist nicht nur beim Menschen so, sondern offenbar auch bei Delfinen – zumindest in der westaustralischen Shark Bay. Dort forscht Michael Krützen vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich seit über 20 Jahren. «Wenn wir mit dem Boot hin­ausfahren, sehen wir immer Delfine», sagt der Biologe. Kein Wunder, denn in der Region sind weltweit die meisten Indopazifischen Grossen Tümmler heimisch. Krützen beobachtet zwei Populationen, eine im östlichen Teil der Bucht und eine im westlichen mit je über 1000 Tieren.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Meeressäuger dort sehr komplexe Gemeinschaften ausgebildet haben – ähnlich uns Menschen – mit wechselnden Gspäändli, oder im Fachterminus: mit offenen Netzwerkstrukturen.

Während die Delfinweibchen häufig zusammen mit ihren Jungtieren eine Gruppe mit variabler Grösse und Zusammensetzung bilden, sondern sich die erwachsenen Männchen schnell ab. Sie ziehen gemeinsam mit sieben bis zwölf Geschlechtsgenossen meist in Küstennähe umher. «Die Männchen finden sich bereits am Ende der Kindheit zu den Gruppen zusammen», sagt Krützen. «Diese Gemeinschaften halten oft ein Leben lang.» Interessant sei, dass dabei kleine Gruppen aus je drei Männchen ausscherten. Der Biologe ­erforscht unter anderem diese Dreierallianzen, die in eleganten Bögen synchron durchs Wasser gleiten.

Männchen entführen empfängnisbereite Weibchen

Wichtig werden die Dreierallianzen erst nach dem Teenageralter der Tümmler, also mit rund 10 bis 12 Jahren (Grosse Tümmler werden 34 bis 45 Jahre alt). Der Grund dafür, dass sich die Männchen zusammenschliessen, sind die Weibchen. «Die Strategie der männ­lichen Delfine ist, ein empfängnisbereites Weibchen von dessen Gruppe zu isolieren und quasi zu entführen.» So ganz freiwillig scheinen die Delfindamen sich also nicht einer Boygroup anzuschliessen. Und falls eine Gekidnappte zu flüchten versucht, werden die Männchen rabiat. Die Tiere treiben die Weibchen mit körperlichem Einsatz und Warnlauten zurück zur kleinen Gruppe. So bleibt das Weibchen 30 bis 40 Tage bei den Männchen, während sich alle mit ihm paaren.

Von «Vergewaltigung» möchte Krützen aber nicht sprechen. «Die Männchen üben eher Druck aus», sagt der Biologe. Das Verhalten sei evolutionsbiologisch durchaus sinnvoll: «Paarungsbereite Weibchen sind selten», sagt Krützen. Ohne Allianzpartner hätten einzelne Männchen bei den Delfinen in der Shark Bay wohl keine Nachkommen, vermutet er. Denn die Konkurrenz der Männchen bei der Fortpflanzung ist gross.

Wenig überraschend ist daher, dass eine Dreierallianz öfter versucht, einer anderen das Weibchen abzujagen. Krützen beobachtet mit seinem Team und Partnern von der University of Western Australia das Verhalten der Delfine ­jeweils im australischen Winter. Denn zwischen September und Dezember sind geschlechtsreife Delfinweibchen, die gerade keine Kälber säugen, empfängnisbereit.

Mehrfach beobachteten die Forscher, wie bei dem Gerangel um ein Weibchen plötzlich andere Delfinmännchen aus der angestammten grösseren Gruppe der angegriffenen Dreierallianz zu Hilfe kamen. «Wir haben uns gefragt, wie die herbeieilenden Tiere wussten, dass sie benötigt wurden», sagt Krützen. So entstand ein neues Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse das Team vergangene Woche in der Fachzeitschrift «Current Biology» veröffentlicht hat.

Die Delfinmännchen betasten sich mit den Flossen

Kurz gesagt: Die Dreierallianz pfeift ihre Freunde herbei. Das klingt zwar simpel, widerspricht aber der These, dass Gruppenmitglieder ihre Laute einander angleichen – also so etwas wie einen eigenen Dialekt entwickeln, um die Zugehörigkeit zu stärken. Die einzelnen Mitglieder wären dann nicht mehr individuell voneinander an den Tönen zu unterscheiden. Derartige gruppeneigene Dialekte sind beispielsweise bei Papageien, Fledermäusen, Elefanten oder Primaten bekannt.

Die Delfine in der Shark Bay behalten aber offenbar ihre individuellen Pfeiftöne, die sie von klein auf erworben haben. Das hat Stephanie King herausgefunden, die dank eines ETH-Stipendiums an der University of Western Australia forscht. In Zusammenarbeit mit Krützen hat die Akustikerin die Pfiffe von 17 Delfinen mit­hilfe von Unterwassermikrofonen ausgewertet. Die Forscherin nutzte langjährige Verhaltensdaten von Krützens Team und konnte so die charakteristischen Laute den einzelnen Mitgliedern verschiedener Gruppen zuordnen.

Synchron schwimmende Delfinmännchen. Video: Universität Zürich

Bei den Delfinen sei es wohl wichtiger, dass sich die Tiere individuell an den Lauten erkennen, vermuten die Forscher. Der Grund dafür ist, dass sie eben nicht wie etwa Primaten in weitgehend abgeschlossenen Gruppen leben, sondern in offenen Netzwerken.

Den Zusammenhalt in den Dreierallianzen bilden die Del­fine demnach nicht über gleiche Dialekte. Für die Gruppenbindung seien vielmehr die absolut synchronen Schwimmbewegun­gen verantwortlich und dass die Tiere sich häufig gegenseitig berührten, vermutet Krützen. Die Delfinmännchen betasten sich ständig mit den Flossen. «Manchmal sieht es so aus, als hielten sie unter Wasser Händchen», sagt Krützen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2018, 15:51 Uhr

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