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Bin ich ein St. Galler?

Was braucht es, um einer Stadt zugehörig zu sein?

Im Jahr 1990 sass ich in der ersten Reihe im St. Galler Stadttheater, als Niklaus Meienberg den Kulturpreis der Stadt erhielt. Meienberg nutzte die Preisverleihung für einige unsensible Scherze, aus den Worten des Mannes, der in Zürich, Paris und den USA gelebt hatte, sprach aber auch die tiefe Liebe zur Stadt seiner Kindheit. Neben mir in der ersten Reihe sass mein Grossvater, Dino ­Larese, der im Gegensatz zu Meienberg eher konservativ war. Er hatte Martin Heidegger und Thomas Mann in die Ostschweiz geholt und die «St. Galler Sagen» verfasst, die wir in der Primarschule lasen. Und trotzdem war mein Grossvater ein Freund von Niklaus Meienberg, zusammen unternahmen sie lange Spaziergänge. Eine Konstellation, die heute wohl kaum mehr denkbar wäre: Mein Grossvater war ein früher SVP-Wähler, Meienberg für damalige Verhält­nisse linksradikal. Aber es waren die 90er-Jahre, und sogar meine ­heute leider als eher verbohrt ­bekannte Heimatstadt war damals so ­liberal, dass sie dem Weltbürger Meienberg ihren Kulturpreis zuerkannte.

Nun lese ich im «St. Galler Tagblatt», dass sich der Stadtrat gegen die Entscheidung der Kulturkommission gestellt hat, mir den gleichen Preis zu verleihen. Der «Bezug zur Stadt» sei «nicht gegeben», so begründet Stadt­präsident Thomas Scheitlin die Annullierung des Jurybeschlusses. Nun wird gemäss Statuten der ­ St. Galler Kulturpreis Menschen ­zugesprochen, die «entweder in St. Gallen aufgewachsen sind oder das Bürgerrecht der Stadt besitzen». Von der Tatsache mal abgesehen, dass meine Familie seit mehreren Generationen das Ortsbürgerrecht von St. Gallen besitzt und ich mein halbes Leben vor Ort verbracht habe: Was will mir der Stadtrat damit sagen?

«Meine ­heute leider als eher verbohrt ­bekannte Heimatstadt war damals so ­liberal, dass sie dem Weltbürger Meienberg ihren Kulturpreis zuerkannte.»

War mein – zugegeben kritisches – Theaterprojekt am Stadttheater zum «St. Galler Lehrermord» nicht «st.-gallisch» genug? War der «Bezug zur Stadt» meiner Texte im Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten», wo meine Kolumnen viele Jahre lang erschienen, zu lose? Waren meine Seminare an der St. Galler Universität zu wenig auf die Belange der Stadt fokussiert? Oder hatte ich gar schon in meiner Grundschulzeit am Hadwig-Schulhaus oder später an der örtlichen Kantonsschule un-st.-gallischen Kosmopolitismus gezeigt?

Klar, man sollte solche Vorgänge nicht zu ernst nehmen. Aber ich frage mich, was wohl mein Grossvater dazu gesagt hätte, für den es selbstverständlich war, als Sohn italienischer Einwanderer die ­Sagen der Stadt aufzuschreiben. Oder seine Frau, meine Grossmutter, der gestrenge Spross einer der grossen (und in der Weltwirtschaftskrise ruinierten) St. Galler Textilfamilien. Was hätten sie wohl von der Aussage des Stadtpräsidenten gedacht, der «Bezug zur Stadt» ihrer Familie sei «nicht gegeben»? Ja, im Grund ist einem die Heimat wohl recht gleichgültig – bis sie einem aberkannt wird.

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