Zum Hauptinhalt springen

Beim Urwaldmonster auf Ebola-Suche

Forscher wollen dem tödlichen Virus auf die Spur kommen und fangen mitten im Dschungel der Republik Kongo Hammerkopf-Flughunde.

Der Virusforscher Vincent Munster untersucht einen Hammerkopf-Flughund.
Der Virusforscher Vincent Munster untersucht einen Hammerkopf-Flughund.
Kai Kupferschmidt
Die Forscher Vincent Munster und Sarah Olson untersuchen in einem improvisierten Labor im Urwald im Kongo eine Fledermaus.
Die Forscher Vincent Munster und Sarah Olson untersuchen in einem improvisierten Labor im Urwald im Kongo eine Fledermaus.
Kai Kupferschmidt
Der gefährlichste Teil der Untersuchung. Aus einer Vene im Flügel des Hammerkopfes nimmt Munster eine Blutprobe.
Der gefährlichste Teil der Untersuchung. Aus einer Vene im Flügel des Hammerkopfes nimmt Munster eine Blutprobe.
Kai Kupferschmidt
1 / 10

Es ist Neumond, und im Urwald ist es so finster wie in der Tiefsee. Vier Männer sitzen auf Plastikstühlen und warten. Die Nacht ist heiss, doch sie tragen langärmlige Kleidung, Handschuhe und Atemmasken. Über ihren Köpfen hängt ein riesiges Netz in der Dunkelheit zwischen den Bäumen. Die Männer lauern auf ihre Beute wie Fischer der Lüfte.

Sie lauschen und horchen auf das kurze, heisere Bellen der Hammerkopf-Flughunde. Auf diese Tiere haben die Männer es abgesehen. Nacht für Nacht versammeln sich Dutzende Hammerköpfe in diesem Waldstück im Zentrum der Republik Kongo. Mit einer Flügelspannweite von bis zu einem Meter sind es die grössten Fledertiere Afrikas. Und sie könnten die Lösung sein für ein düsteres Rätsel der Virusforschung: Wo versteckt sich der tödliche Ebolaerreger?

Video: Kai Kupferschmidt

Die Frage beschäftigt Forscher seit mehr als 40 Jahren. 1976 brach das damals unbekannte Virus einige Hundert Kilometer nordöstlich von hier nahe dem Fluss Ebola plötzlich aus dem Urwald hervor und breitete sich in einem kleinen Missionskrankenhaus aus. 318 Menschen erkrankten, 280 starben. Dann verschwand das Virus wieder. Seither taucht es ab und zu auf, meist in Zentralafrika, doch manchmal auch an unerwarteter Stelle. Bei dem grössten Ausbruch aller Zeiten starben zwischen 2014 und 2016 in Westafrika mehr als 11 000 Menschen. Im Mai mel­dete die Regierung der Demokratischen Republik Kongo einen neuen Ausbruch mit Ebola, den achten. Bisher sind 19 Menschen erkrankt, 4 davon sind gestorben.

Wissenschaftler haben das Ebolabvirus in Hochsicherheitslabors auf der ganzen Welt untersucht. Sie haben die Eiweisse erforscht, aus denen es aufgebaut ist, und das Erbgut entschlüsselt, das als Bauanleitung dient. Sie haben von Tausenden Patienten Daten über den Verlauf der Krankheit gesammelt. Sie haben in Westafrika einen Impfstoffkandidaten getestet, der offenbar gut funktioniert – und mehrere Medikamente, die offenbar kaum funktionieren.

Plötzlich ein leises Flattern in der Dunkelheit

Doch zwei der wichtigsten Fragen sind bis heute offen: Warum taucht das Virus ab und zu aus dem Urwald auf? Und wo versteckt es sich, wenn es gerade keine Menschen tötet? «Wir wissen fast alles über den Replikationszyklus dieses Erregers, aber verdammt wenig darüber, wo er herkommt und wie er Ausbrüche verursacht», sagt Vincent Munster vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in den USA.

Munsters normaler Arbeitsplatz ist ein Hochsicherheitslabor in den Rocky Mountains. Bei den meisten Infektionskrankheiten gehe es um mehr als Menschen und Mikroben, sagt er. Der Virusökologe redet in seinen Vorträgen über Bäume, die gefällt werden, und Tiere, die gejagt werden, über Menschen, die immer weiter in unberührte Natur vordringen und dabei mit neuen Erregern in Berührung kommen. Er redet über Urbanisierung, Mobilität und Globalisierung und wie das den neuen Erregern erlaubt, sich schneller auszubreiten als je zuvor. Jede Krankheit sei ein kompliziertes Puzzle, sagt Munster. Um es zu verstehen, brauche es beides: das Labor und die Feldarbeit. Darum ist Munster nun schon zum achten Mal in dieses Waldstück im Kongo gereist, um Flughunde zu fangen. «Das hier ist der grösste Ebolaherd der Welt», sagt er.

Plötzlich ein leises Flattern in der Dunkelheit. «Licht», ruft jemand. Die Stirnlampen blitzen auf und durchsuchen wie Suchscheinwerfer das Netz, 9 Meter hoch und 18 Meter breit. Weit oben hat sich ein Flughund verfangen. Die Männer lassen das Netz herab, und der Tierarzt Alain Ondzie tritt ­heran. Ondzie ist Kongolese, er arbeitet für die Wildlife Conservation Society (WCS), eine NGO, die weltweit Artenschutzprojekte betreibt. Ondzie ist ein grosser Mann, der bei allem, was er tut, eine Seelenruhe ausstrahlt. Mit einigen Handgriffen befreit er das Tier aus dem Netz und steckt es in einen grauen Sack.

Ein anderer Mann trägt den Sack ein paar Hundert Meter durch den Wald zum Zeltlager der Forscher und hängt ihn dort an ein ­rotes Seil, das zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Im Laufe der Nacht sammelt sich eine Reihe grauer Säcke. In einem von ihnen könnte das Ebolavirus stecken. Es wäre ein ungemein wichtiger Fund.

Ebola ist eine Zoonose. Das bedeutet, dass der Erreger eigentlich in Tieren zu Hause ist. Springt er aus diesem Reservoir auf den Menschen über, kommt es zur Krankheit. Die meisten Seuchen sind Zoonosen. Im Süden Chinas übertragen Wasservögel immer wieder gefährliche Grippeerreger auf den Menschen. Im Nahen Osten sind es Dromedare, die das Mersvirus beherbergen. Es gibt Tollwut, Rindertuberkulose, Affenpocken.

Der Hammerkopf ist «herzerwärmend hässlich»

Die Hauptverdächtigen für das Reservoir von Ebola sind Flughunde. Forscher haben in ihnen Antikörper gefunden, Anzeichen einer überstandenen Infektion. Aber das sind Schmauchspuren, nicht die Tatwaffe. Um sicher zu sein, dass die Tiere das Reservoir für Ebola sind, müssten Forscher das lebende Virus in ihnen finden, sagt Kevin Olival, Forscher bei der Eco Health Alliance in New York.

Selbst wenn Flughunde das Reservoir sind, bleiben viele Fragen: Warum ist das Virus so schwer zu finden? Infizieren sich junge Tiere und tragen das Virus nur kurze Zeit, eine Art Kinderkrankheit für Flughunde? Oder ist es einfach eine seltene Infektion, die nur wenige Tiere betrifft? Wenn ja, welche? Das alles sei wichtig, um zu verstehen, wann und wo Ebola am ehesten auf den Menschen überspringe, sagt Olival. «Dafür sind Langzeituntersuchungen nötig.»

Zwei Stunden nach Mitternacht beginnt der Arbeitstag von Munster und seiner Kollegin, der Epidemiologin Sarah Olson. Sie trägt zwei Lagen Plastikhandschuhe, die mit Klebeband an ihrem Schutzanzug befestigt sind, darüber ein paar Lederhandschuhe, ausserdem eine Atemmaske und einen Schutzschirm. Ihre Arbeit beginnt dort, wo die von Ondzie aufhört: Sie bindet einen der Säcke los, die zwischen den Bäumen hängen, und trägt ihn in das Zelt, das als improvisiertes Labor dient. Dort sitzt Munster, gleich gekleidet.

Über dem Brummen des Generators ist das Bellen der Hammerköpfe zu hören, die Rückwand des Zelts besteht aus Bananenblättern. Im Licht der Stirnlampen arbeiten die zwei Forscher so konzentriert und stumm wie in einem Hoch­sicherheitslabor. Olson versucht, in dem geschlossenen Sack den Kopf des Tieres zu finden, dann nimmt sie das Genick mit Daumen und Zeigefinger durch den Sack in die Zange und schält den Rest des Tieres heraus. Munster drückt auf die Blase des Tieres und sammelt eine winzige Urinprobe in einem Plastikröhrchen.

Dann packt Olson das Tier ganz aus, Munster beginnt es zu mustern und zu messen, ein weiterer Forscher schreibt alles auf. «Hypsignathus monstrosus», sagt Munster. Monströs ist am Hammerkopf aber eigentlich nur der Name. Der riesige Kopf, mit dem er das Bellen erzeugt, die Glupsch-Augen, das gespaltene Kinn und die nach unten geschälte Unterlippe erregen eher Mitleid als Furcht. «Herzerwärmend hässlich», sagt Olson.

Olson arbeitet wie Ondzie für den WCS. Sie interessiert sich vor allem für die Menschenaffen, ein weiteres Teil des Puzzles. Die meisten Ebolaausbrüche konnten auf Menschenaffen zurückgeführt werden. Jäger töteten die Tiere oder fanden sie tot im Wald, die Familie verspeiste sie. Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Erst wurde einer von ihnen krank, dann die Familie, dann das Dorf.

Die Hälfte der Gorillas sind an Ebola gestorben

Doch die Menschenaffen sind nicht das Reservoir, sie sterben selbst an dem Virus. «Ebola ist neben der Wilderei die grösste Bedrohung für Gorillas», hatte die Primato­login Emma Stokes ein paar Tage zuvor im Büro der WCS in Brazzaville erklärt. Schätzungen zufolge sei die Hälfte der Tiere in dem Land zwischen 2005 und 2012 an Ebola gestorben. Das hat enorme Bedeutung, denn etwa 60 Prozent aller Gorillas weltweit leben hier. «200 000 bis 300 000 Tiere, die höchste Dichte an Gorillas auf der ganzen Welt», hatte Stokes gesagt und dabei auf den Norden des Kongos auf der grossen Wandkarte gezeigt.

Mitten in diesem Gebiet sitzen Olson und Munster nun und begutachten einen Flughund. Munster nimmt ein Lineal aus Metall zur Hand und hält es an den Schädel des Tieres: «Kopflänge: 42, Körper: 97, Unterarm: 95 Millimeter.» Die Masse sollen helfen, später vielleicht ein Muster in den Daten zu erkennen: Tragen eher kleine Tiere oder grosse Tiere das Virus, junge oder alte? Munster nimmt Proben aus Mund, Nasenlöchern und After. Plötzlich zuckt das Tier, und eine der scharfen Klauen streift seinen Handrücken. «Handschuhe», sagt er. Obwohl kein Riss erkennbar ist, streift er die oberste Lage ab und zieht ein neues Paar Gummihandschuhe darüber. Dann kommt der gefährlichste Teil. Während Olson das Tier festhält, führt Munster eine Nadel in eine Flügelvene des Tieres ein und zieht langsam Blut. Er muss das mit einer Hand machen, weil er mit der anderen den Flügel festhält. «Da muss man äusserst vorsichtig sein, schliesslich geht es hier um Ebola», sagt er.

Munster kennt sich mit tödlichen Viren aus und weiss, dass ihre gefährlichste Waffe ihre Fähigkeit ist, sich zu verändern. In Rotterdam hat der Niederländer zunächst die Vogelgrippe erforscht. Er hat an den umstrittenen Versuchen mitgearbeitet, bei denen eine Virusvariante namens H5N1 so verändert wurde, dass sie leichter von Frettchen zu Frettchen übertragen wird und damit vermutlich auch von Mensch zu Mensch – Experimente, die als so gefährlich eingestuft wurden, dass ihre Publikation zunächst untersagt wurde.

Was die Forscher im Labor künstlich erzeugen, kann in der Natur von ganz allein passieren. Jede Infektion eines Menschen ist eine Chance für den Erreger, sich so anzupassen, dass er leichter von Mensch zu Mensch übertragen wird. Was das bedeutet, zeigt die Geschichte von HIV. Nicht weit von hier auf der anderen Seite der Grenze mit Kamerun ist das Virus vermutlich vom Schimpansen auf den Menschen übergesprungen. Das war um 1900. Es passte sich an, wurde von Menschen den Sangha-Fluss entlang nach Süden getragen und gelangte nach Léopoldville, dem heutigen Kinshasa. Von dort breitete es sich in Afrika und dann auf der ganzen Welt aus. 80 Millionen Menschen haben sich seither mit dem Virus infiziert, 35 Millionen sind daran gestorben.

Was heute in Brazzaville ist, ist morgen in Boston oder Basel

Die meisten Ebolaausbrüche sind klein geblieben. Sie betrafen ein Dorf oder ein paar Dörfer, höchstens einige Hundert Menschen. Dann hat das Virus eine Sackgasse erreicht. So scheint es auch bei dem jüngsten Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo zu sein. Doch der Ausbruch in Westafrika hat gezeigt, wie gefährlich das Virus sein kann, wenn es in eine grössere Stadt gelangt. «Wir haben das Virus unterschätzt», sagt Munster. Er will den gleichen Fehler nicht noch einmal machen.

Nicht nur das Virus ändert sich ständig. Auch der Kongo ändert sich rasant. Das Zeltlager der Forscher befindet sich etwa 100 Meter Luftlinie von einer Strasse entfernt, die einmal von Norden nach Süden durch den Kongo führt, 800 Kilometer geradeaus nach Brazzaville. Als Munster vor einigen Jahren das erste Mal herkam, war hier eine rote Erdpiste, jetzt ist die Strasse asphaltiert. Wenn das Virus heute noch einmal hier aus dem Urwald hervorbricht, kann es morgen in Brazzaville sein, sagt Munster. Und was morgen in Brazzaville ist, ist übermorgen in Boston, Mumbai oder Basel.

Gegen 5 Uhr morgens ebben die Rufe der Hammerköpfe ab. Die Forscher messen das letzte Tier, dann nimmt Olson den Flughund und hängt ihn kopfüber an ein Seil. Einen Augenblick zögert das Tier. Als überlege es, den Forschern noch ein Geheimnis zu verraten. Dann breitet es die Schwingen aus und fliegt davon in den Urwald.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch