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Die Hitze macht die Menschen aggressiv

Hohe Temperaturen fördern aggressives Verhalten – schuld daran ist unter anderem ein spezielles Hormon.

«Bei Hitze erhöht sich unser Aggressionspotenzial», sagt der Mediziner Hanns-Christian Gunga, Professor am Institut für Physiologie der Berliner Charité. Illustration: Kornel Stadler
«Bei Hitze erhöht sich unser Aggressionspotenzial», sagt der Mediziner Hanns-Christian Gunga, Professor am Institut für Physiologie der Berliner Charité. Illustration: Kornel Stadler

Nachrichten aus einem Land im meteorologischen Ausnahmezustand: Anfang Woche kommt es in Winterthur fast zu einer Kollision zwischen einem Velo und einem Lieferwagen, die beiden Fahrer geraten auch verbal aneinander, der Disput endet in einer tätlichen Auseinandersetzung. Einen Tag später kommt es in der Berner Badi Wylerbad zu einer wüsten Schlägerei, einer der Beteiligten benutzt einen metallenen Aschenbecher als Schlaginstrument, die Polizei nimmt zwei Prügler mit auf die Wache. Auch in den Zügen geht es ruppig zu. Zugbegleiter berichten von Pöbel-Passagieren, die bei Billettkontrollen ausflippen.

Verschiedene Studien belegen: Heisses Wetter führt dazu, dass den Menschen die Sicherungen schneller durchbrennen. «Bei Hitze erhöht sich unser Aggressionspotenzial», sagt der Mediziner Hanns-Christian Gunga, Professor am Institut für Physiologie der Berliner Charité. Er kennt sich aus mit Menschen in Extremsituationen. «Unter der Hitzebelastung kommt es eher zu Ausschreitungen», sagt Gunga. «Die Gewaltbereitschaft steigt.»

Man ist übermüdet, und die anderen sind es auch

Der Grund, dass sich die Gemüter bei hohen Temperaturen erhitzen, habe unter anderem mit einem Hormon zu tun: Vasopressin, auch ADH genannt. «Es sorgt dafür, dass wir Flüssigkeit speichern können», sagt Gunga. «Wenn wir weniger Flüssigkeit aufnehmen, wird dieses Hormon vermehrt ausgeschüttet. Das führt zu einer deutlichen Aggressivitätssteigerung. Der Organismus schaltet sozusagen in den Überlebensmodus.» Evolutionsbiologisch ergibt das Sinn. Wenn es in der Vorzeit um den Kampf um verfügbare Flüssigkeit ging, führte eine gewisse Aggression wohl dazu, dass man eher überlebte als derjenige, der zurückhaltender war.

Dass die Menschen bei Hitze aggressiver sind, hat aber nicht nur mit den Hormonen zu tun. Man schläft bei anhaltender Hitze schlechter und ist übermüdet, die Konzentration nimmt ab. «Man macht dann häufiger Fehler. Da die anderen auch nicht ausgeschlafen sind, machen die auch mehr Fehler», sagt Gunga. «All das ist bestens geeignet, das Stressniveau zu erhöhen.»

Das bekommen auch Menschen zu spüren, die für Ruhe und Ordnung sorgen, etwa die Mitarbeiter von Alpha Protect. Die Sicherheitsfirma beschäftigt rund 200 Mitarbeiter, die beispielsweise an Veranstaltungen oder auf Baustellen tätig sind oder in anspruchsvollen Situationen den Verkehr regeln. Er führe zwar keine Statistik über Vorfälle, bei denen seine Mitarbeiter beschimpft würden, sagt Geschäftsführer Christian Götz. «Tatsächlich habe ich aber den Eindruck, dass unsere Mitarbeiter im Sommer eher Opfer von verbalen Attacken werden.»

Hitze beeinträchtigt die Fahrtüchtigkeit

So etwa bei Verkehrsdiensten, bei denen seine Sicherheitsleute dafür sorgen, dass die Busse des öffentlichen Verkehrs Vortritt erhalten. «Da lassen Autofahrer das Fenster runter, nur um sie anzupöbeln und zu beleidigen», sagt Götz. Das abfällige Verhalten nehme generell zu: «Wir bemerken eine zunehmende Respektlosigkeit in der Gesellschaft, und die Hemmschwelle für Gewalt ist erheblich gesunken.»

Die hohen Temperaturen haben noch einen zweiten Effekt auf Autofahrer. Verkehrspsychologin Andrea Uhr von der Beratungsstelle für Unfallverhütung geht davon aus, dass die Hitze die Fahrtüchtigkeit negativ beeinflusst, zumindest, bis die Wirkung der Klimaanlage einsetzt – und das in verschiedener Hinsicht. «Hitze belastet unseren Organismus. Das verlängert unsere Reaktionszeit und verringert unsere Aufmerksamkeit», sagt Uhr. Hohe Temperaturen machten ausserdem schläfrig.

An heissen Tagen werden Autofahrer risikofreudiger

Die aussergewöhnliche Hitze führt zu aussergewöhnlichen Fällen: Die Kantonspolizei Aargau berichtet, was sich am Mittwoch bei Lenzburg zugetragen hat: Ein Neu-lenker geriet von der Überholspur auf die rechte Fahrbahn, wo er mit einem Lieferwagen zusammenprallte. Die ersten polizeilichen Erkenntnisse zeigten: Den 20-Jährigen hatte mitten im Feierabendverkehr der Schlaf übermannt. Inwiefern die hohen Temperaturen dazu beigetragen haben, werden die Untersuchungen zeigen.

Gemäss Verkehrspsychologin Uhr nimmt man an heissen Tagen aber auch die anderen Verkehrsteilnehmer anders wahr, was zu prekären Situationen führen könne. «Automobilisten fahren dann beispielsweise dichter auf, bremsen später ab oder entscheiden sich, in eine Verkehrslücke einzufädeln, was sie bei kühleren Temperaturen als zu riskant einstufen würden.» Die Hitze beeinflusse auch die Emotionen der Automobilisten. Sie würden ungeduldiger, ärgerten sich schneller – was zu Fehlern und Unfällen führen könne. Und zu Fehlschlüssen. «Sie geben schneller einem anderen Autofahrer die Schuld für einen Zwischenfall und vernachlässigen die Möglichkeit, dass auch äussere Umstände dazu geführt haben könnten.» Die Folge: Sie ärgern sich noch mehr – oft eine Vorstufe zur Aggression.

Auch Mediziner wissen: Bei steigenden Temperaturen sinkt die Bereitschaft zum rücksichtsvollen Umgang. «Das Aufeinanderzu­gehen, alles, was Menschen von anderen Organismen unterscheidet – dass er sozial denkt und handelt –, wird vermehrt eingeschränkt, je heisser es wird», sagt Hanns-Christian Gunga. «Es ist eben eine Extremsituation.»

«Wir sind an extrem hohe Temperaturen nicht angepasst.»

Hanns-Christian Gunga

Am besten funktioniere der Mensch bei 21 bis 24 Grad. Das sehe man auch an der Sterblichkeitsrate: Wenn die Temperatur nur um ein Grad höher oder niedriger liege, würden mehr Menschen sterben. «Wir sind an extrem hohe Temperaturen nicht angepasst», so Gunga. Kühlen Kopf bewahren können wir nur durch vernünftiges Verhalten. Das heisst: permanentes Trinken.

Mediziner Gunga rät, täglich morgens und abends nackt auf die Waage zu stehen. «Wenn man morgens 70 Kilogramm hatte und am Abend sind es 67,5 Kilogramm, dann ist das kein Körpergewicht, das einen zum Jauchzen bringen soll, weil man Fettmasse abgenommen hat – sondern es fehlen 2,5 Liter, die man nicht getrunken hat.»

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