Alles Polyester oder was?

Die Kunstfaser ist nicht tot. Im Gegenteil. Sie erlebt einen Boom und wird uns mittlerweile gar in Jeans untergejubelt – ohne dass wir es merken.

Polyester ist langlebig: Als Alternative geeignet wäre die ökologisch sinnvollere Viskose. Foto: Getty Images

Polyester ist langlebig: Als Alternative geeignet wäre die ökologisch sinnvollere Viskose. Foto: Getty Images

Bettina Weber@sonntagszeitung

Die Jeans sieht aus, wie eine Jeans halt aussieht. Verwaschener Denim in Blau. Fünf Taschen. Schmal geschnitten. Käuflich zu erwerben für 39.95 Franken in der Männerabteilung von H&M. Sie sieht nicht nur aus wie eine Jeans, sie fühlt sich auch so an. Angenehm leicht, weil – wie heute üblich – mit Stretch versehen; zwei Prozent Elastan reichen für einen spürbar höheren Tragekomfort. Was man nicht spürt und schon gar nicht sieht: dass die Hose nebst den 2 Prozent Elastan noch etwas anderes enthält: Polyester. Ganze 39 Prozent.

Das ist nicht nur bei dieser Jeans so. Und auch nicht nur bei H&M. Denn Polyester lebt! Dieser Stoff, der, obschon in den Vierzigern erfunden, so untrennbar mit den Siebzigern verbunden ist wie Abba, der glänzte und einen nicht nur schwitzen, sondern vor lauter statischer Aufladung auch befürchten liess, einen elektrischen Schlag zu bekommen, ist wieder da. Oder eher: Er war nie weg. Letztes Jahr wurden davon 50 Millionen Tonnen produziert, doppelt so viel wie Baumwolle. Der Anteil an Chemiefasern im weltweiten Textilmarkt macht mittlerweile 70 Prozent aus. Vor 10 Jahren waren es noch 55 Prozent.

Die Gründe sind simpel: Polyester ist günstig in der Herstellung, viel günstiger als Baumwolle, deren Preis wegen schlechter Ernten ab 2010 in die Höhe schoss und die Industrie zwang, sich nach Alternativen umzuschauen. Und er ist leicht; das wirkt sich zusätzlich günstig auf die Transportkosten aus – in einer Branche, die hauptsächlich in Asien produzieren lässt, fällt so was ins Gewicht, bei den Giganten der Fast-Fashion-Industrie erst recht.

Auch die Ökobilanz von Baumwolle ist schlecht

Der Kundschaft muss man aber nicht mit der Kunstfaser kommen. Deshalb wird sie ihr nur verschämt untergejubelt wie bei der Jeans von H&M, man merkt es erst, wenn man die Waschanleitung studiert. Polyester hat einen schlechten Ruf, gilt als Synonym für billig, schlechte Qualität, Ramsch, ganz zu schweigen vom Handicap der rasanten Geruchsentwicklung, weil der Stoff nicht atmungsaktiv ist und daher die Wirkung eines Treibhauses entfaltet. Noch viel rufschädigender aber ist seine ökologische Inkorrektheit: Polyester wird aus Erdöl gemacht, ist in textiler Form kaum zu recyceln und gilt damit als böse. Ganz im Gegensatz zu Baumwolle.

Sie gilt als natürlicher und deshalb als sauberer Stoff, gegen Baumwolle hat niemand etwas. Dabei ist deren Herstellung mitnichten umweltfreundlich: Es werden dafür gigantische Anbauflächen gebraucht – Flächen, auf denen man auch Getreide anbauen könnte. Hinzu kommen der immense Wasserverbrauch und die ebenso grosse Menge an Pesti­ziden. Und ist die Faser zum Stoff verarbeitet, bleibt dieser lange nass, weshalb er häufig im Tumbler getrocknet wird, und er knittert, was das Bügeln nötig macht. Auch diese beiden Faktoren verschlechtern die Ökobilanz von Baumwolle deutlich.

Die «New York Times» fragte deshalb bereits vor zehn Jahren provokativ: «Kann Polyester die Welt retten?» Und rechnete vor, dass auf die gesamte Lebenszeit gesehen eine Polyester-Bluse einem Baumwoll-T-Shirt über­legen sei. Dem stimmt Andreas Engelhardt zu, er formuliert es zumindest so: «Die Nachhaltigkeit von Baumwolle ist fragwürdig.» Engelhardt ist Herausgeber des Berichts «The Fiber Year», einer jährlich erscheinenden, detaillierten Analyse der weltweiten Faser-Produktion. Bereits in seinem Buch «Schwarzbuch Baumwolle» wies er nach, dass im direkten Vergleich von Polyester, Viskose und Baumwolle keineswegs die natürliche Faser am besten abschneidet – sondern die ebenfalls zu den Chemiefasern zählende Viskose.

Geringere Mengen an Wasser und Pestiziden nötig

Andreas Engelhardt glaubt an die Viskose, sie gilt als Faser der Zukunft. Sie besteht, obschon zu den Chemiefasern gehörend, aus pflanzlicher Zellulose, oder etwas salopp formuliert: aus Holz.

Die dafür benötigten Anbauflächen sind kleiner als bei der Produktion von Baumwolle und stehen nicht in Konkurrenz zu Anbauflächen für Biosprit oder Lebensmittel, weil es sich ausschliesslich um sogenannte Grenzertragsflächen handelt, sprich, darauf lässt sich nichts anderes anbauen als eben Holz. Dafür sind zudem deutlich geringere Mengen an Wasser und Pestiziden nötig, und die Faser ist leichter zu färben, weil sie sehr viel mehr Flüssigkeit aufnehmen kann, ihre Saugfähigkeit ist enorm hoch. Die Produktionsverfahren, sagt Andreas Engelhardt, seien mittlerweile derart ausgeklügelt, dass man bei der Viskose-Herstellung schon fast von einem geschlossenen Kreislauf sprechen könne.

100 Milliarden produzierte Kleidungsstücke pro Jahr

Die Modebranche erwärmt sich ebenfalls zunehmend dafür. Vermutlich vor allem, weil Viskose – auf Etiketten werden oft die Untergruppen Lyocell, Tencel oder Modal angegeben – leicht, angenehm zu tragen und atmungsaktiv ist, sie fällt schön, knittert kaum und fusselt nicht. In den letzten 15 Jahren hat sich die Viskose-Produktion verdreifacht, auf immerhin sechs Millionen Tonnen jährlich.

Das ist im Vergleich zu Poly­ester nur ein winziger Anteil an der gigantischen Menge von Kleidern, die jährlich weltweit pro­duziert wird; gemäss Greenpeace sollen es 2014'100 Milliarden Kleidungsstücke gewesen sein. Die Mutter aller Kunstfasern wird der innovativen Konkurrenz zum Trotz nicht so schnell verschwinden, denn das Umstellen der Produktionsanlagen dauert – und ­kostet. Und es entbehrt nicht einer zünftigen Portion Ironie, dass mit Polyester ausgerechnet jener Stoff, der so strapazierfähig und langlebig ist wie kaum ein an­derer, also im Grunde das ist, was man nachhaltig nennt, zum Liebling der Fast Fashion wurde – jenem Zweig der Mode, der Kleider erst zum Wegwerfartikel machte. Da erweist sich dann die Zähigkeit von Polyester als Bumerang: Man wird ihn einfach nicht los.

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