So könnte die neue Weltkarte des Weinbaus aussehen

Überall suchen Winzer nach Möglichkeiten, der Klimaerwärmung zu begegnen. Die Zeit drängt.

«Statistisch betrachtet, ­ernten wir heute 15 Tage früher als vor 30 Jahren», sagt Raphael Garcia, Chef von Provins. Grafik: Jürg Candrian

«Statistisch betrachtet, ­ernten wir heute 15 Tage früher als vor 30 Jahren», sagt Raphael Garcia, Chef von Provins. Grafik: Jürg Candrian

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Endlich Erntezeit! Die seit Wochen anhaltende Nervosität der Schweizer Winzer löst sich dieser Tage in Wohlwollen auf. Die Trauben werden von den Reben geschnitten. Und was man da einkeltert, so hört man aus praktisch allen Weingebieten der Schweiz, sei von herausragender Qualität. Weil aufgrund der anhaltenden Trockenheit Krankheiten ausgeblieben sind und Schädlinge selten waren.

2018 könnte, so vernimmt man von Genf bis in die Bündner Herrschaft unisono, ein ausgesprochen guter Jahrgang werden. Die an­haltende Hitze hat den Trauben wenig anhaben können, ja ihnen teilweise sogar genützt.

«Blätter sind das Solarkraftwerk der Pflanze.»Urs Jauslin, Winzer

Da stellt sich die Frage: Wird das auch in den nächsten zehn, zwanzig Jahren so bleiben? Die Klimaerwärmung wird für die Rebbauern – in der Schweiz und weltweit – zunehmend zur Herausforderung. Verschiedene Ansätze sind denkbar, wie Produzenten der Problematik Paroli bieten können.

Bedeutend ist etwa, wie viel Laub sie an den Reben stehen lassen: «Blätter sind das Solarkraftwerk der Pflanze», erklärt der Muttenzer Winzer Urs Jauslin. Sie ­produzieren den Zucker, der sich gegen Ende der Reifephase in den Trauben anreichert. Sobald das angestrebte Gleichgewicht mit der sich vermindernden Säure erreicht ist, wird geerntet.

Blätter spenden den Trauben Schatten

Bloss sollte dann auch die sogenannte phenolische Reife erreicht sein, rund hundert Tage zwischen Blüte und Lese sind für die Ausbildung der Geschmackskomponenten notwendig. Sind etwa die Traubenkerne stattdessen noch grün, schmeckt der fertige Wein im Glas zu bitter. Deshalb lohnt es sich also, wie Jauslin das Laubwerk klein zu ­halten, damit alle Komponenten gleichzeitig erfüllt sind.

Mit dem richtigen Rebschnitt kann man aber auch anderweitig etwas erreichen: In der Bündner Herrschaft gibt es, so erzählt Winzerin Carina Lipp-Kunz aus Maienfeld, einige Rebbauern, die bei vielen Sorten inzwischen deutlich mehr Blätter rund um die Traubenstände stehen lassen. Die Beeren sind damit weniger dem Sonnenlicht ausgesetzt und verlieren die notwendige Frische nicht. «Gerade beim Chardonnay bleibt so mehr Säure enthalten.»

Um der Klimaerwärmung zu trotzen, wird teilweise zu drastischeren Methoden gegriffen: Fast unbemerkt ist seit mehreren Jahren eine «Rebwanderung» im ­Gange. Die klimatische Zone, die für den Weinbau geeignet ist, verschiebt sich zunehmend nach Norden. Neue Länder wie Dänemark erscheinen auf der Karte der Weinanbauregionen. Auch die angebauten Sorten in den bekannten Weinregionen verändern sich: Am Zürichsee gedeiht seit einigen Jahren hervorragender Merlot. Die Varietät konnte früher nicht mal im ­Tessin, wo sie hierzulande am stärksten verbreitet ist, jedes Jahr voll ausreifen.

Mit 52 Traubensorten wird im Bordelais experimentiert

Die Verschiebungen schaffen auch Gewinner: Man denke an die filigranen Pinots noirs aus dem Thurgau – wo früher eher saure Weine die Regel waren. Und in Genf laufen angeblich Versuche, Grenache auf die Flasche zu bringen, eine Sorte, die Geniesser gemeinhin mit den heissen Gebieten an der südlicheren Rhone in Frankreich assoziieren. Die Frage ist, ob der Konsument für solche Experimente offen ist.

Dieselbe Frage stellt sich auch im berühmtesten Weingebiet der Welt, dem Bordelais. So existiert beim dortigen Institut für Wein und Reben in der Stadt Bordeaux die «Parzelle 52»: Auf diesem, einem halben Hektar grossen Versuchsfeld, werden 52 verschiedene Traubensorten angepflanzt. Sie sollen einmal den in der Region seit langer Zeit verwendeten Merlot ersetzen. Eine Voraussetzung müssten neue Sorten allerdings ­haben: Sie sollten wie Merlot schmecken, weil der Geniesser ein bestimmtes Geschmacksbild von Bordeauxweinen erwartet. Die Zeit drängt: Für das Projekt hat man zehn Jahre veranschlagt, noch drei Ernten bleiben.

«Da Wein ein Naturprodukt ist und wir die Trauben nur einmal pro Jahr ernten, sitzt uns die Zeit ständig im Nacken», sagt Anna-Barbara Kopp von der Crone. Die Tessiner Winzerin glaubt, dass nicht nur die Hitze, sondern auch extreme Wetterereignisse wie Hagel oder Frost zunehmen. Um der Erderwärmung zu begegnen, hat Kopp von der Crone, deren Rotweine alle auf Merlot basieren, eine weitere Lösung angedacht: Man kann der typischen Tessiner Sorte andere Varietäten zufügen – was sie bei manchen ihrer Cuvées bereits tut.

Bergweine wären eine weitere Möglichkeit

Bloss darf man dabei mit den AOC-Regeln nicht in Konflikt geraten: Um die Herkunftsbezeichnung zu tragen, sind nur bestimmte Varietäten erlaubt. Einfach hat man es diesbezüglich im Wallis: «Für die AOC Wallis sind rund 50 Sorten zugelassen», sagt Raphael Garcia, CEO von Provins. Die Winzergenossenschaft Provins ist der grösste Weinproduzent der Schweiz; jede zehnte Flasche des Landes wird unter diesem Label abgefüllt. Und auch bei Provins ist der Klimawandel natürlich ein Thema: «Statistisch betrachtet, ­ernten wir heute 15 Tage früher als vor 30 Jahren», sagt Garcia.

Teilweise werden im Wallis auch neue Lagen in Betracht gezogen. Zunehmend pflanzen die Hersteller den beliebten Pinot noir in Nordlagen, sprich links des Rhonetalkessels. Dafür setzt man rechts in den Südlagen vermehrt auf die Sorte Syrah, die Wärme ­besser erträgt. «Und wir überlegen auch», sagt Garcia, «ob wir gewisse Weine nicht in höheren Gebieten anpflanzen sollen.» Weinbau ist selbst auf 1400 Meter über Meer möglich, wie die weisse Sorte Heida zeigt, die in Visperterminen prächtig gedeiht. «Geht die Erderwärmung weiter», sagt Garcia, «werden wir unsere Anbaustrategie überdenken müssen.»

Wein aus dem Labor

Oder noch gewagtere Lösungsvarianten in Betracht ziehen. Neue Unterlagsreben einsetzen, auf die gängige Sorten aufgepfropft werden. Man könnte mittels Gentechnik hitzeresistentere Sorten produzieren. Oder den Wein gleich ganz im Labor nach Kundenwünschen designen. An all diesen Optionen wird derzeit getüftelt.

Vielleicht ist es da doch besser, wenn wir uns einfach bald an Champagner aus dem Süden Englands gewöhnen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 19:39 Uhr

Welche Rebsorten von mehr Sonne profitieren

Nicht alle Trauben vertragen ein wärmeres Klima. Da lohnt ein Blick auf alte Reben.

In der Schweiz wachsen ungewöhnlich viele verschiedene und zum Teil sehr alte Weinsorten. «Sie haben schon einige klimatische Veränderungen überlebt», sagt der Westschweizer José Vouillamoz, Biologe, Weinexperte und Autor des neuen Buchs «Schweizer Rebsorten». Die alten Weinstöcke haben bereits im Mittelalter ungewöhnliche Wärme sowie die kleine Eiszeit überstanden. Sie seien in der Regel gut geeignet, auch künftigen Klimakapriolen zu trotzen, sagt Vouillamoz.

Pinot noir dominiert heute mit 29 Prozent die Weinanbaufläche. Da die Reben erst im 18. Jahrhundert eingeführt wurden, sind sie nicht besonders gut ans hiesige Klima angepasst. Heissere Sommer bekommen den Trauben nicht. Dann reifen sie zu schnell, bevor sie die typischen Aromastoffe bilden können.

Chasselas ist eine sehr alte Weinsorte. Sie stammt aus dem Waadtland, wo die grösste biologische Vielfalt auftritt. Die Reben sind perfekt an die Genferseeregion angepasst. Sie kommen mit der hohen Sonneneinstrahlung, der Reflexion des Sees und der in den steinigen Böden gespeicherten Wärme zurecht. Diolle Im Jahr 1654 wurde erstmals schriftlich erwähnt, dass die Sorte in Sitten gedeiht. Ab 1903 galt sie als verschwunden, bis ein Kelterer zwei Wein­- stöcke an einer Mauer im Wallis entdeckte. Damit ist sie quasi «auferstanden» und wird wieder angepflanzt. Die neue Ernte sollte dieses Jahr einige ­Flaschen füllen.

Gros Bourgogne Die seltene Rebsorte wird nur im Oberwallis angebaut. Sie ist aber an kontinentales Klima angepasst, an warme Sommertage und kalte Nächte. Sie stammt nämlich aus Ungarn. Möglicherweise haben Soldaten sie im 10. Jahrhundert bei ihren Eroberungsfeldzügen in die Schweiz gebracht.

Humagne gehört zusammen mit der Sorte Rèze zu den ältesten Weinsorten der Schweiz. Sie wurden bereits 1313 in einer Urkunde erwähnt. Die Humagne-Trauben reifen ungewöhnlich spät – zum Teil erst im Oktober oder November. Sie würden von einem wärmeren Klima profitieren. Räuschling Der Name der Traube soll nicht von der Wirkung ihres vergorenen Produktes stammen, sondern vom Rauschen der Blätter. In ihrem Heimatland Deutschland ist sie verschwunden. Die sehr alte Sorte wird im Nordosten der Schweiz angebaut, zum Beispiel am Zürichsee. Sie verträgt die Hitze gut.

Rèze Die alte Weinsorte existiert seit gut 1000 Jahren und hat schon viele klimatische Veränderungen überstanden. Früher war sie im gesamten Alpenraum verbreitet. Heute wächst sie als Rarität im Wallis. Einige Weinstöcke tauchten vor wenigen Jahren auch anderswo im Alpenraum auf, zum Beispiel in Savoyen. Dort wird der Wein «Weisser des Bischofs» genannt. Man trank ihn bei hohem Besuch.

Anke Fossgreen


José Vouillamoz: «Schweizer Rebsorten – Ihre Geschichte und Ursprünge», Haupt-Verlag, ca. 36 Fr. ab Mitte Sept. erhältlich

In Zahlen

1851
trat in der Schweiz erstmals der Echte Mehltau auf. Der Pilz veränderte den Anbau von alten Rebsorten vollständig.

5000
bis 10'000 Rebsorten gibt es schätzungsweise weltweit. Darunter sind Keltertrauben sowie Tafel- und Rosinentrauben.

18.
Jahrhundert. Damals wurde die Rebsorte Pinot noir in die Schweiz eingeführt. Heute dominiert sie die Weinanbaufläche.

250
verschiedene Rebsorten gibt es mindestens in der Schweiz. So eine grosse Vielfalt auf einer so geringen Anbaufläche ist weltweit ungewöhnlich.

3
Jahre dauert es, bis eine Weinpflanze zum ersten Mal Früchte trägt.

10'000
Jahre ist es her, seit der Mensch eine Liane kultivierte, aus der sich schliesslich die rankenden Weinpflanzen entwickelten.

20.
Jahrhundert. Seit dessen Beginn werden sortenreine Weine geordnet in Reihen angebaut. Zuvor wuchsen oft verschiedene Traubensorten durcheinander.

0,2%
der weltweiten Rebanbaufläche machen die gerade mal 15'000 Hektaren Reben in der Schweiz aus.

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