Die Angst, den Anschluss zu verpassen, und Sex nach Fahrplan

Was beschäftigt Männer, die Job und Kinder unter einen Hut bringen wollen? Ein Vatercrashkurs für SBB-Mitarbeiter gibt Aufschluss – und offenbart überraschende Einblicke.

Illustration: Birgit Lang

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15 Männer sitzen im Kreis, Männer ab 30, in Jeans und Pulli, Windjacke über der Stuhllehne, Rucksack neben sich. Manch einer sieht etwas müde, etwas abgekämpft aus. Jeder dieser Männer ist Vater eines Babys. «Schlafen, einfach nur schlafen», sagt einer, sei zurzeit sein grösstes Verlangen. Als engagierte Väter stehen sie nachts selbstverständlich auf, wenn das Kind schreit, und wiegen es ­geduldig summend in den Schlaf. Frühmorgens, nach kurzer Nacht, schultern sie den Rucksack und machen sich auf zur Arbeit.

Sie alle arbeiten bei den Schweizerischen Bundesbahnen. Als Lokführer, Zugbegleiter, Mechaniker, Ingenieur oder Büroangestellter. Über 150 Berufe vereinen die SBB, vor allem technische, der weitaus grösste Teil der 33 000 Mitarbeiter sind immer noch Männer. Und weil die SBB ein soziales, familienfreundliches Unternehmen sein wollen, dürfen die Angestellten während der Arbeitszeit einen «Vatercrashkurs» besuchen, sich vier Stunden lang mit Schicksalsgenossen Gedanken übers Vaterwerden und Vatersein machen.

Der Vatercrashkurs für werdende Väter oder Väter eines Kleinkindes im ersten Lebensjahr – egal, ob das erste oder zehnte Kind – wird vom Schweizerischen Institut für Männer- und Geschlechterfragen angeboten. Im Zentrum steht die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Vaterschaft. Alternativen zum klassischen «Ernährermodell» werden besprochen, traditionelle Rollen hinterfragt. Projektleiter Remo Ryser, der den Crashkurs seit ­wenigen Monaten durchführt, sagt: «Immer mehr Unternehmen erkennen, dass sich ein intaktes familiäres Umfeld positiv auf die Motivation und Leistung der Mitarbeiter auswirkt.» Die SBB haben bereits angebissen, die Swisscom, Ikea oder Ebay werden folgen.

Draussen lärmt eine Bau­maschine. Drinnen im kargen Schulungsraum in einer Baracke im Industriegebiet von Olten diskutieren die Bähnler angeregt. Man ist sich einig: Der Mann von heute will ein geduldiger, verständnisvoller Papa sein. Er will viel Zeit mit dem Kind verbringen, ein gleichwertiger Elternteil sein, «nicht, dass der Goof später immer gleich zum Mami rennt». In der Realität jedoch beschränkt sich die väterliche Präsenz auf den Feierabend und das Wochenende. Die 15 Männer im Kreis leben fast alle die traditionelle Rollenverteilung: Er bringt die Brötli heim, sie kümmert sich ums Kind.

«Was braucht es, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingen kann? Rund um die Geburt – aber auch später?»

Obwohl fast jeder Vater betont, er hätte gern mehr Zeit für die ­Familie, ist nur einer von zehn ­Vätern in der Schweiz bereit, seine Erwerbstätigkeit zu reduzieren. Weil er sich finanziell nicht einschränken will, weil ein Kind viel kostet und die Frau nicht mehr voll oder gar nicht arbeitet. Oder weil der Arbeitgeber opponiert und die Karriere gefährdet wäre. Und wohl auch, weil Prestige und Anerkennung eher im Beruf und weniger als Hausmann zu holen sind.

Selbst Remo Ryser, 45, der ­erfahrene Vätercoach, musste sein Papamodell erst finden. «Als ich in die Ernährerrolle gerutscht bin, war ich überhaupt nicht glücklich – und meine Frau auch nicht.»

Und er war verunsichert, befürchtete, für seinen Sohn die Nummer 2 hinter der Mutter zu werden. Mit seiner Frau habe er deshalb aus­gehandelt, dass sie zu gleichen ­Teilen ihrem Beruf nachgehen und den heute fünf Jahre alten Sohn gemeinsam betreuen. Rückblickend sagt der Fachmann für Männer­fragen: «Ich habe die Geburt unseres Sohnes auch als Geburt von mir als Vater erlebt. Mit schmerzhaften Wehen, unbändiger Freude und mit der zentralen Frage: Was ist mir wirklich wichtig? Und was bin ich bereit, dafür zu geben?»

Der SBB-Presseverantwortliche Christian Ginsig, der den ersten Vatercrashkurs für Bähnler an ­diesem Nachmittag mitverfolgt, versichert: «Die Bundesbahnen ­fördern die Teilzeitarbeit und den Wiedereinstieg nach der Mutterschaft.» Die Lohngleichheit auf ­allen Stufen sei selbstverständlich, allerdings seien Frauen im oberen Kader rar. Und weil die SBB gezielt Frauen ansprechen wollten, sei die Stellenausschreibung für Lokführer mit einer Frau bebildert. Der voll bezahlte Vaterschaftsurlaub sei kürzlich von fünf auf zehn Tage erhöht worden, sagt Ginsig, er jedenfalls habe es sehr geschätzt, dass er seine von der Geburt geschwächte Partnerin zwei Wochen lang unterstützen konnte.

Der Pressesprecher würde gern Teil der Runde sein, als Vater einer zweijährigen Tochter könne er vielleicht den einen oder anderen ­Input geben. «Ist das okay?», fragt Vätercoach Remo Ryser, «wollt ihr ihn in den Kreis reinholen oder lieber nicht?» Ratloses Schweigen in der Runde. «Ist doch scheissegal», platzt schliesslich einer heraus, «fang einfach an.» Ryser trägt eine dunkel­rote Hose, ein geblümtes Hemd mit schwarzem Gilet. Vor allem aber spricht er eine andere Sprache als die Männer der SBB. Über Gefühle reden, in sich hineinhören, das scheint den Bähnlern wenig vertraut. Was aber nicht heisse, dass sie sich nicht mit dem Thema ­Vaterwerden und Vatersein beschäftigen würden, stellt Ryser klar. Nur darüber reden, das tun sie nicht. Und ganz sicher vermeiden sie es während der Schwangerschaft, wenn sich alles um den Bauch der Frau, die Befindlichkeit der werdenden Mutter dreht. Dann hat der Mann der Fels in der Brandung zu sein, der Beschützer der schwachen, hilfsbedürftigen Frau. Auch Daniel Meyer, 41, SBB-Produktmanager, plagten Zweifel: «Mein Leben wird sich total ändern. Wie werde ich das alles schaffen?» Da war die Angst vor dem Scheitern, im Beruf, als Vater, als Mann. Niemandem hat er sich anvertraut, «weil man unter Kollegen keine Schwäche zeigen will».

«Werde ich meine Familie ernähren können? Und Zeit für mein Kind finden? Versorger und aktiver Familienvater sein?»

Der Vater von zwei Mädchen, sechs Monate und drei Jahre alt, arbeitet 90 Prozent, die Frau 50 Prozent. Jeder zweite Freitag ist Papitag, da müsse er selber «wursteln». Die ersten Monate seien hart gewesen, die neuen Aufgaben als Vater und eine Weiterbildung –«ich musste mit meiner Energie vorsichtig haushalten». Im neuen Jahr wird er auf 100 Prozent aufstocken, seine Frau auf 40 Prozent reduzieren. «Ich muss Opfer bringen», sagt Meyer. Weil er nicht will, dass seine Frau mehr als zwei Tage arbeiten muss. Die 140 Prozent Einkommen, die müssen sein. Der Vätercoach spricht vom Modell «modernisierter Familienernährer», der Mann sichert das Einkommen und packt das Ideal eines engagierten Vaters obendrauf. «Ein Hochseilakt mit hoher Absturz­gefahr», das Risiko eines Burnouts sei relativ gross. Aber man dürfe das Feld nicht der Mutter überlassen. Das Stillen ist Sache der Frau, das versteht sich von selbst. Der Mann könnte jedoch von Anfang an das Wickeln und Baden übernehmen, schlägt Ryser vor.

Und jetzt würde er gern das Thema Balance, genauer die Work-Care-Balance, aufgreifen. Wie war es vor der Geburt? Was hat sich verändert? Ryser sagt, er würde die Bähnler gern einladen, sich in Zweiergruppen auszutauschen. Die Männer nehmen die Einladung an. Mit dem Ergebnis, dass Realität und Wunschvorstellung – leider – nichts miteinander zu tun haben. Das Problem: Es fehlt an Zeit für sich selber, die Bähnler ­reden von «Egozeit». Zeit für Sport oder einfach nur mal wieder vor der Glotze hocken, Fussball schauen, so wie früher, vor dem Kind.

«Wo will ich noch schrüüble?» fragt einer. «Kann ich überhaupt noch schrüüble?», fragt der nächste. Jeder, so scheints, muss als Vater eines Babys Opfer bringen: Der eine verzichtet auf die Feuerwehr, «das fällt sehr, sehr schwer», der andere musste sein Engagement im Eishockeyverein erst einschränken, dann ganz aufgeben, «das tat weh». Pressesprecher Ginsig, leidenschaftlicher Vespa-Fahrer, ist in den vergangenen zwei Jahren kaum einen Kilometer weit gerollt. Und selbst der Vätercoach muss ein­gestehen, «dass Ich-Projekte auf der Strecke geblieben sind».

«Was für ein Vater möchte ich meinem Kind sein? Was sind meine Hoffnungen und Freuden, meine Sorgen und Ängste als Vater?»

Dabei, so Ryser, sei es enorm wichtig, dass sich Eltern die Zeit nehmen, um den Akku aufzu­laden. «Väter, verhandelt – zu Hause und im Job!», so sein Appell. Produktmanager Meyer sagt: Jeden Donnerstag mache er früher Feierabend, gehe ins Fitness und anschliessend zu den Eltern zum Znacht. Das ist sein Fixtermin, seit Jahren, da kommt nichts dazwischen. Der Walliser in der Runde sagt: Spiele der FC Sion, sitze er im Stade de Tourbillon. «Das war immer so, das wird so bleiben, da gibts nichts zu rütteln.» Und, fährt der Walliser fort: «Einmal pro Woche ist Eheabend.» Er öffne eine Flasche Wein, man mache es sich gemütlich, «aber der Fernseher bleibt aus». Und wenn die Mutter seiner Kinder bald nicht mehr stillen müsse, gehe es zu zweit mal wieder den Berg hinunter in den Ausgang. Denn: «Ich liebe meine Kinder. Aber ich liebe auch meine Frau, deshalb gibts die Kinder ja.»

Thema Sex! Darauf scheint die Runde gewartet zu haben. Er kämpfe seit dem ersten Kind um Paarzeit, denn: «Familienzeit ist nicht Paarzeit.» Oder: Unter «Zeit zu zweit» verstehe seine Partnerin den gemeinsamen Kaffee am Morgen, «wo dann noch 1000 Probleme besprochen werden». Es tönt dramatisch: «Das Kind gibt den Rhythmus vor.» Vom «Faktor Kind im Haus» ist die Rede. Die Spontanität sei weg. Die Leidenschaft ebenfalls: «Sind die Goofen endlich im Näscht, ist die Stimmung dahin.» Und die Energie sowieso: «Mein Ziel sind drei, vier, fünf Kinder – aber irgendwann muss man die auch machen.» Schon fast poetisch fügt einer an: «Die Ehe ist wie eine Insel, man muss aufpassen, dass sie nicht unter dem Meeresspiegel versinkt.»

«Wie kann man als Elternpaar die Liebesbeziehung pflegen?», fragt der Vätercoach. Sex, «das Chriesi auf der Torte», sollte spontan sein, findet einer. Der Walliser widerspricht: «Haben wir unter der Woche keinen Sex, dann sicher am Sonntag.» Das hätten er und seine Frau auf alle Zeiten geklärt: «Am Sonntag gibts Sex, das tönt jetzt vielleicht kalt und plump, aber es funktioniert.» Wow, das imponiert, die Runde staunt. «Was hast du für eine Frau – hat die eine Schwester?», witzelt einer. «Meine hat keine Lust mehr auf Sex», wagt sich ein anderer vor. Nichts Aussergewöhnliches, beruhigt der Vätercoach, auch beim frischgebackenen Vater würden sich die Hormone verändern und neue Gefühlswelten auftun. Er spreche aus Erfahrung: «Wir sind als Paar seit der Geburt gefordert, gemeinsam eine neue Sexualität zu entwickeln, und uns unabhängig vom Lustprinzip Zeit für die körperliche Nähe zu nehmen.»

«Was will das Kind von mir? Was die Partnerin? Was der Arbeitgeber? Und wo bleibe ich?»

Der Arbeitgeber, das Thema Teilzeitarbeit, sei während der ganzen Diskussion zur Work-Care-Balance kaum erwähnt worden, bemerkt der Coach gegen Ende des Kurses. Es wird still in der Baracke. «Was soll man machen?», fragt einer, «es ist wie es ist.» Die Bähnler nicken stumm. An der Arbeitssituation, so scheints, wird nicht gerüttelt. «Familienmodelle auf Augenhöhe», stellt Ryser fest, «sind ziemliches Neuland für viele Väter.» Aber, und da sind sich alle einig, die SBB würden Familien vorbildlich unterstützen. Den Kleinen um fünf aus der Krippe holen? Kein Problem, das werde akzeptiert – so sehr, dass sich ­kinderlose Kollegen manchmal ­benachteiligt fühlten.

Es ist 16.30 Uhr, als der erste Bähnler aufsteht, in die Windjacke schlüpft, den Rucksack schultert. Er müsse auf den Zug nach Bern, sein Töchterchen von der Kita abholen. Zeit für eine Schlussbilanz: «Was nehmt ihr aus dem Vatercrashkurs mit?», fragt Remo Ryser in die Runde. Einer sagt: «Ich weiss nicht, ob ich jetzt schlauer bin, aber es war eine gute Erfahrung, mal über ein anderes Thema als Sport mit Männern zu reden.» Der nächste: «Man merkt, man ist nicht alleine mit diesen Problemli, man muss nicht perfekt sein.» Überhaupt wird der «Austausch unter Männern» gelobt. Im sicheren Rahmen, unter Gleichgesinnten, fühle man sich verstanden, müsse niemandem etwas vormachen – Erfahrungen in Deutschland, wo der Crashkurs seit 2007 angeboten wird, bestätigen diese Aussagen.

«Was hat sich verändert – was war vor, was nach der Geburt? Wo setze ich Prioritäten? Worauf bin ich bereit, zu verzichten? Worauf nicht?»

Auch SBB-Pressesprecher Ginsig findet, er habe profitiert, so kennt er jetzt eine App, um all die un­zähligen Familientermine zu koordinieren. Ein Input ist vor allem hängen geblieben: der Sonntag als fixer Sextag. Der «organisierte Sex», wie einer das ritualisierte Schäferstündchen nennt, wird wohl in ­mancher Bähnlerehe Einzug halten. Draussen im Industriegebiet ists ­inzwischen dunkel: «Gibts jetzt ein Diplom?», fragt einer. «Sind wir jetzt eidg. diplomierte Väter?» Ryser verteilt eine Bestätigung der Teil­nahme am Vatercrashkurs, «fast ein Diplom», und schenkt jedem einen ­Babylöffel mit kleinem Flugzeug, «um die Balance zu halten». Auf der Rückseite einer Boarding-Card sollen die Männer drei zentrale Punkte notieren, damit der Flieger nicht ins Schlingern komme. Damit die Familie auf Kurs bleibe. «Habt Mut», fordert der Coach die Väter auf, und findet den Rank zurück zur Bahn: «Habt Mut, die Weichen neu zu justieren.»


Infos unter www.vatercrashkurs.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.11.2017, 17:35 Uhr

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