Der Giro lässt Israel träumen

Der Auftakt der Italien-Rundfahrt ist der grösste Event in der Geschichte des Landes. Das Radrennen soll ihm zu etwas mehr Normalität verhelfen.

Hautnah am Spektakel: Die israelischen Radfans jubeln dem Fahrerfeld auf dem Weg nach Tel Aviv zuFoto: Cor Vos/Foto-net

Hautnah am Spektakel: Die israelischen Radfans jubeln dem Fahrerfeld auf dem Weg nach Tel Aviv zuFoto: Cor Vos/Foto-net

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Bessere Werbeaufnahmen als bei diesem Endspurt an der Riviera von Tel Aviv sind kaum möglich. Im Vordergrund Badende am Sandstrand, dahinter die moderne Skyline der Stadt. Es sind genau die Bilder, die sich das Land erträumte, als es sich darum bemühte, den Giro d’Italia anzulocken. Um das zu bewerkstelligen, war ein Rieseneffort nötig. Im eigenen Land wie in Italien. Israel hat keine Sport- und Eventkultur, entsprechend ist der Giro, immerhin das zweitgrösste Radrennen der Welt, der mit Abstand grösste Anlass, der je in diesem Land stattgefunden hat.

Dafür brauchte es Überzeugungsarbeit bei vielen Stellen, entsprechend wird Initiator Sylvan Adams im Land nur schon gerühmt, alle Minister an einen Tisch gebracht zu haben. Adams hatte eine grosse Zahl als Trumpf: 1 Milliarde Zuschauer. So viele, versprach er, könnten dank dem Start in Israel potenziell die «Grande Partenza» am Fernseher verfolgen. Eine völlig utopische Zahl ist das nicht, voriges Jahr wies der Giro 840 Millionen TV-Zuschauer aus.

Adams hat einen grossen Aufstieg in der israelischen Gesellschaft hinter sich. Der 59-Jährige wuchs in Kanada auf, wo er das vom Vater aufgebaute, 1,5 Milliarden schwere Immobilienunternehmen führte. Nun scheint sich am Giro-Start alles um ihn zu drehen. Die Minister der Regierung sprechen bei Auftritten von «unserem Freund Sylvan» – obwohl dieser erst vor zwei Jahren seinen Wohnsitz hierherverlegt hat.

Sylvan Adams: Prominenz, beim Papst – und ein paar Millionen

Adams ist omnipräsent. Kein Tag vergeht, ohne dass er, offiziell der Ehrenpräsident der «Grande Partenza», seinen Auftritt hat: Am Tag vor dem Start in Jerusalem lässt er sich in der Davidstadt unterhalb des Tempelbergs medienwirksam die neusten Ausgrabungen erklären. Mit einer VIP-Gruppe dreht er direkt vor dem Start des Zeitfahrens in Jerusalem eine Velorunde auf dem Parcours. Und natürlich ist er es, der dem ersten Etappensieger als Erster die Hand schüttelt.

Mit seinem Umzug nach Tel Aviv stieg Adams 2016 auch als Sponsor beim Team Israel Cycling Academy ein. Das Engagement ist eine Herzensangelegenheit, mit 30 entdeckte er den Radsport für sich. Entsprechend war auch der Giro d’Italia in Israel seine Idee. Neben der neu gewonnenen Prominenz im Land brachte ihm das auch eine Papstvisite ein. Und kostete ihn eine schöne Stange Geld – er steht für mehr als die Hälfte des 27-Millionen-Euro-Budgets gerade. Aber das fällt bei einem Milliardär nicht weiter ins Gewicht.

Adams ist eine einnehmende Persönlichkeit, nicht sehr gross, aber mit durchtrainiertem Körper – und dem Selbstvertrauen eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der sich nicht um Diplomatie schert. Bei offiziellen Terminen wiederholt er ein Statement, sagt, es gehe darum, Israel als «einzige offene, freie, tolerante, pluralistische und sichere Gesellschaft im Mittleren Osten zu zeigen». Während eines seiner Auftritte sagt er zudem locker: «Die Idee ist es, Normalität zu verkaufen.» Adams ist Zionist, ein Verfechter des jüdischen Nationalstaats. Doch wenn diesem eines fern ist, ist es Normalität.

Kulturell gelungene Melange zwischen Westen und Osten

Vom Fehlen spürt zwar nichts, wer durch Jerusalem schlendert. Weder in der Altstadt, wo die Viertel der Juden, Christen und Muslime Seite an Seite sind, noch an der Klagemauer oder auf dem Tempelberg.

Im Gegenteil: Jerusalem beeindruckt mit seiner ewig langen Geschichte, ganz generell mit seinem Erscheinungsbild, das stark geprägt ist von einem klugen Entscheid kurz nach der Staatsgründung 1948: Alle Gebäude müssen mit Kalkstein verkleidet sein.

Das Land ist kulturell eine gelungene Melange zwischen Westen und Osten. Das Essen für Freunde der Mittelmeerküche ein Traum, die Einheimischen trotz ihres manchmal irritierend barschen Umgangstons freundlich. Von der fehlenden Normalität spürt erst recht nichts, wer sich in Tel Aviv bewegt, einer modernen Stadt am Mittelmeer mit 400 000 Einwohnern.

Alle in diesen Tagen erlebten Bilder meint Adams, wenn er von «Normalität» spricht. Er weiss zu gut, dass Israel im Ausland für ­andere bekannt ist. Für jene von Kämpfen zwischen Palästinensern und Israelis, von Anschlägen und auch immer wieder von Toten. Der Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen schwelt – mal mehr, mal weniger. Während ­Israel 2018 sein 70-Jahr-Jubiläum begeht, protestierten die Palästinenser in diesen Wochen intensiv gegen die «Nakba», auf Deutsch Katastrophe, wie sie die Vertreibung aus ihren Gebieten 1948 nennen. Ende März wurden an einem Tag 18 Protestierende von der israelischen Armee getötet und weitere 1400 verwundet. Viele waren der Mauer, die die israelischen Siedlungsgebiete von den palästinensischen trennt, trotz Warnungen zu nahe gekommen.

Viele der schönsten Ecken bleiben dem Giro vorenthalten

Wegen dieses permanent schwelenden Konflikts wurde Giro-Organisator RCS scharf für den Entscheid kritisiert, das Rennen in ­Israel zu starten. Direktor Mauro Vegni stellte sich angesichts der Opposition auf einen einfachen Standpunkt. «Der Giro ist apolitisch», sagte er – 12 Millionen Euro Startgebühren halfen sicher mit, zu dem Urteil zu gelangen.

Denn die Neutralität ging spätestens mit der lokalen Routenwahl verloren. Als der Ort des Auftaktzeitfahrens mit West-Jerusalem bezeichnet wurde, gingen die israelischen Behörden auf die Barrikaden, drohten mit einem Rückzug – ihrer Ansicht nach gibt es nur ein Jerusalem. Die internationale Staatengemeinschaft hingegen sieht den Ostteil der Stadt nicht als ­israelisches Territorium. Dieses ­annektierten die Israelis im Sechstagekrieg 1967.

Entsprechend führte der Prolog auch nicht durch den Osten der Stadt, überhaupt war die Strecke das Gegenteil eines typischen Stadtparcours. Solche werden normalerweise dafür genützt, um die Radfahrer an den schönsten Ecken der Stadt vorbeifahren zu lassen. Das war in Jerusalem nicht möglich: aus Gründen der Sicherheit und Rücksicht auf die verschiedenen Religionen. Die gestrige Etappe verlief dann zu grossen Teilen auf der Schnellstrasse zwischen Haifa und Tel Aviv – auch hier: ­Sicherheitsgründe. Apropos: An den drei Tagen sollen 6000 Polizisten für die ­Sicherheit gesorgt ­haben. «Wir würden mit Gästen niemals da durchfahren. Israel hat viel bessere Radregionen», sagt Nimrod ­Cohen, der dagegen von der heutigen Strecke durch die Wüste ­Negev schwärmt.

Es muss noch einiges passieren

Cohen organisiert im Winter den Samarathon, ein ausserordentliches Bike-Etappenrennen in der Wüste. Unter den Bikern hat Israel bereits einen ­guten Ruf, diese schwärmen von den Trails und der landschaftlichen Schönheit der Wüste. Gerade im Winter, wenn diese durch Niederschläge zum ­Leben erwacht.

Bis das Land auch auf der ­Strasse zur Raddestination wird, wie sich das Giro-Initiant Adams wünscht, muss allerdings noch ­einiges passieren – und werden ein paar weitere Millionen von ihm nicht reichen.

Die Strassen im Land sind chronisch überlastet und sehr eng ­angelegt. Wer sich in Jerusalem aufs Rennrad wagt, braucht eine gehörige Portion Mut – Velostreifen sucht man vergeblich. In Tel Aviv sei die Situation besser, sagt Cohen. Hier treffen sich die Leute wegen der hohen Temperaturen und des dann erträglicheren ­Verkehrs oft nach Mitternacht für Ausfahrten.

«Ich hoffe, das Rennen wird die Leute zusammenbringen»

Giro-Initiant Adams hofft, dass seine Israel Cycling Academy einen Unterschied machen wird, erst recht jetzt, da die Equipe mit einer Wildcard den Giro bestreiten darf. Der Name ist das Politischste am Team. Dessen Basis liegt in Spanien, Rennen gefahren werden in Europa. Das Gros der Fahrer wohnt auch da, man sei nur im ­November fünf Tage zum Teambuilding im Land gewesen, erzählt Leader Ben Hermans zwei Tage vor dem Start. Immerhin haben es zwei Israelis ins Aufgebot geschafft, es sind die ersten auf diesem Niveau. Einer ist Guy Sagiv. Er sagt auch, nachdem er lächelnd seine Vorfreude auf drei Wochen Leiden ausgedrückt hat: «Ich hoffe, das Rennen wird die Leute hier zusammenbringen.»

Optimistisch ist diesbezüglich auch Drora Baruch, eine Touristenführerin aus Jerusalem: «Wenn wir uns in solchen Events engagieren, geht es vorwärts, beginnen wir zu vergessen. Davon können wir profitieren.»

Kritik überrascht Israel, das sich westlich-offen geben will

Trotz allem ist das der positive Eindruck, den das Land bei all seinen schwierigen Aspekten hinterlässt: Es gibt neben den vielen Starr­köpfen im Land auch Gruppen, die vorwärtsschauen, die sich weiter öffnen wollen. Es ist zugleich auch ein Grund, warum Israel permanent – und zu Recht – in der Kritik des Westens steht: In anderen Tourismusdestinationen der Region geschehen ebenfalls Menschenrechtsverletzungen. Nur werden diese in den viel geschlosseneren Gesellschaften längst nicht so konsequent publik. Israel dagegen will sich westlich-offen geben – und ist überrascht, wenn sich dann der Westen so kritisch zeigt.

Das wird so bleiben, daran wird der Giro d’Italia allein nichts ändern. Heute wird es nach der dritten Etappe nach Eilat noch eine Weile dauern, bis der Radsport-Spuk wieder vorüber ist. Ein letzter logistischer Effort ist dafür nötig. Schliesslich muss das ganze Personal des Rennens so rasch als möglich in dessen Heimat transportiert werden, nach Italien. Der Plan sieht vor, dass am Abend vom Regionalflughafen Uvda der ganze Giro-Tross auf drei Flugzeuge verteilt innert einer Stunde Richtung Sizilien abhebt. Eine Herausforderung ist das, weil dafür rund 1000 Personen plus das ganze Material (darunter 880 Velos und 2700 Laufräder) abgefertigt werden müssen. Auf der Vulkaninsel geht das Rennen dann am Dienstag weiter. Und in Israel kehrt wenigstens eine gewisse ­Normalität ein.

Die SoZ weilte auf Einladung von Israel Tourismus am Giro-Start

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.05.2018, 08:25 Uhr

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