So schneiden Schweizer Städte im internationalen Stau-Ranking ab

Ein Vergleich zeigt, wie viel Zeit Autofahrer im Verkehr verlieren. In Zürich und Genf sind es mehr Stunden als in Berlin oder Barcelona.
Fast jeden Tag während der Rushhour: Autos stauen sich in einem Tunnel Richtung Bucheggplatz in Zürich.

Fast jeden Tag während der Rushhour: Autos stauen sich in einem Tunnel Richtung Bucheggplatz in Zürich.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3

«Stockender Verkehr beim Limmattaler Kreuz», «Stau im Gubristtunnel»: Solche Nachrichten hören wir fast jeden Morgen und Abend im Radio. Denn viele Schweizerinnen und Schweizer pendeln täglich mit dem Auto zur Arbeit, was regelmässig zu einer Überlastung auf den Strassen führt – besonders in den Städten. Das ist nicht nur eine Geduldsprobe, sondern kostet auch viel Zeit.

Wie viel, das zeigt die neuste «Global Traffic Scorecard» der amerikanischen Firma Inrix. Sie hat die Verkehrsdaten in mehr als 200 Städten in 38 Ländern ausgewertet. Diese stammen laut Inrix aus unterschiedlichsten Quellen wie zum Beispiel aus vernetzten Fahrzeugen, von Stadtverwaltungen oder auch aus sozialen Medien sowie Presseberichten. Durch den Vergleich von Haupt- und Nebenverkehrszeiten hat das Unternehmen berechnet, wie gross der gesamte Zeitverlust für einen Autofahrer ist, der durch dichten Pendlerverkehr in den Städten verursacht wird.

Das Ergebnis: 156 Stunden, also sechseinhalb Tage, verlieren Autofahrer in Zürich pro Jahr durch Stau oder stockenden Verkehr. In Genf sind es 142 Stunden. Damit liegen die beiden Schweizer Städte im internationalen Ranking auf den Plätzen 34 und 55 von 220 untersuchten Ballungszentren. Zürich hat demnach mehr Stau als Barcelona, Berlin oder die US-Kapitale Washington DC.

Den unrühmlichen Spitzenplatz belegt die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, wo der Stau mit insgesamt 272 Stunden für mehr Zeitverlust sorgt als überall sonst auf der Welt. Auch in Rom, Dublin und Paris verliert jeder Autofahrer fast oder sogar über zehn Tage im Jahr.

Auffällig ist: Viele der staureichsten Städte liegen in Europa. Gemäss Inrix hängt dies unter anderem mit dem Alter von Metropolen wie Rom und Paris zusammen. Viele Strassen reichen dort zurück bis in die römische Zeit und waren ursprünglich auf Pferde und Fussgänger ausgelegt. Mit ihren dichten Stadtkernen, engen Strassen und komplexen Strassennetzen sind diese Städte alles andere als autogerecht.

Autofahrer brauchen hier besonders viel Geduld, wenn sie zu Hauptverkehrszeiten in der Innenstadt unterwegs sind. In Rom dauert alleine ein Kilometer ins Geschäftszentrum 8 Minuten, in Paris und in Zürich 7 Minuten. Nur in zwölf anderen Städten weltweit braucht man für den sogenannt letzten Kilometer innerorts noch ein wenig länger, darunter Bordeaux, Neapel und Dublin.

Wie überlastet der Verkehr in den Innenstädten ist, zeigt auch die durchschnittliche Geschwindigkeit, welche die Autos auf dem letzten Kilometer erreichen. In Zürich und Genf sind es gerade einmal etwa 14 beziehungsweise 16 Kilometer pro Stunde. Zum Vergleich: Autofahrer in Graz und Stuttgart erreichen immerhin 21 km/h. Im australischen Canberra, in dieser Hinsicht führend im Ranking, erreichen sie 39 km/h.

Die hohen Zeitverluste, die Staus verursachen, bedeuten auch eine grosse finanzielle Belastung. In Berlin zum Beispiel fielen im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Euro an, was 1340 Euro pro Autofahrer entspricht. Für die beiden Schweizer Städte hat Inrix solche Zahlen leider nicht berechnet.

Der volkswirtschaftliche Schaden aufgrund von Stau ist aber auch hierzulande hoch. 2015 beliefen sich die Kosten in der Schweiz laut Berechnungen des Bundesamts für Raumentwicklung auf rund 1,9 Milliarden Franken. Es entstehen nicht nur Zeitkosten, die sich Autofahrer gegenseitig im Stau aufbürden, sondern auch Umwelt-, Klima-, Energie- und Unfallkosten.

Je roter ein Gebiet eingefärbt ist, desto ausgeprägter ist das Problem: «Pendlerstau-Index» der Credit Suisse. (Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrössern)

Schon im «Pendlerstau-Index», den die Credit Suisse vor fünf Jahren veröffentlichte, waren die Agglomerationen von Zürich und Genf am stärksten von Stau betroffen. Von der scheinbar naheliegendsten Lösung des Problems – mehr Strassen zu bauen – riet die Grossbank ab. Langfristig werde dadurch nur die Mobilität gefördert. Die Credit Suisse schlug stattdessen vor, die besonders belasteten Verkehrswege zu Hauptverkehrszeiten kostenpflichtig zu machen, also Roadpricing einzuführen. So könnte das Verkehrsaufkommen über den Tag gleichmässiger verteilt werden.

Umgesetzt wurde dieses Prinzip bisher nicht. Der Bundesrat hat das Verkehrsdepartement Uvek aber 2016 beauftragt, zusammen mit interessierten Kantonen und Gemeinden die Durchführung von Pilotprojekten zu prüfen – für Mobility Pricing, das Strasse und Schiene umfasst. Es handle sich um ein langfristig angelegtes Konzept. Er rechne mit einem Zeithorizont von 15 Jahren, sagte der Bundesrat.

Um den Verkehr auf den Nationalstrassen flüssig zu halten und die Staustunden zu senken, setzt das Bundesamt für Strassen (Astra) vorerst auf gezielte Ausbauten. Mehr als dreissig Projekte zur Engpassbeseitigung werden derzeit vorangetrieben. Bis 2030 will der Bund über 13 Milliarden Franken investieren, bis 2040 gesamthaft über 28 Milliarden. Weiter will das Astra temporär Pannenstreifen als zusätzliche Fahrspur nutzen. Auch mit Anlagen für eine flexible Geschwindigkeitsregelung sollen Staus entschärft oder bestenfalls verhindert werden.

2017 staute sich der Verkehr auf dem Nationalstrassennetz während 25'853 Stunden. Und diese Zahl steigt jährlich, weil die Mobilität in der Schweiz immer mehr zunimmt. Das liegt unter anderem am hohen Wohlstand, am Bevölkerungswachstum und an der zunehmenden Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Den Prognosen des Bundes zufolge wird die Verkehrsbelastung auf Strasse und Schiene bis 2030 insgesamt um rund ein Viertel wachsen.

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