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Radikalisierung in der GesellschaftRechtsextremismus ist das neue Sorgenkind

In den letzten fünf Jahren gingen in Bern 90 Verdachtsmeldungen zu Radikalisierungen ein. Dabei hat der Islamismus stetig an Anziehungskraft verloren.

Mit einer Präventionskampagne soll verhindert werden, dass sich Mitglieder von Sportvereinen radikalisieren.
Mit einer Präventionskampagne soll verhindert werden, dass sich Mitglieder von Sportvereinen radikalisieren.
Foto: Keystone

Im Jahr 2014 herrschte hierzulande grosse Unsicherheit. Der erstarkte Islamische Staat (IS) begann, junge Mitglieder zu rekrutieren. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene radikalisierten sich und reisten ins Kriegsgebiet im Nahen Osten, um sich dem IS anzuschliessen. Die Medien berichteten seitenfüllend darüber.

In Anbetracht der diffusen Bedrohungslage schuf die Stadt Bern 2014 die Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention. Das gab es schweizweit zuvor nur in Zürich. Die national und international vernetzte Fachstelle berät und begleitet Personen, welche Verdachtsfälle von Radikalisierungen melden und erarbeitet Lösungsansätze. Da es die einzige solche Anlaufstelle im Kanton Bern ist, sind die gemeldeten Fälle übers gesamte Kantonsgebiet verstreut.

Persönliche Krisen als Treiber

Am Donnerstag präsentierte die Fachstelle erstmals eine Auswertung ihres bisherigen Schaffens. Demnach gingen seit 2015 rund 90 Verdachtsmeldungen zu Radikalisierungstendenzen bei Einzelpersonen ein. Die grosse Mehrheit betrifft Fälle potenzieller islamistischer Radikalisierung. Etwa ein Drittel der Meldungen erfolgte über Familienangehörige oder das nahe Umfeld der Betroffenen. In rund zwei Drittel der Fälle gelangten Fachpersonen wie Lehrer oder Sozialarbeiterinnen an die Beratungsstelle. Weiter steht in dem Bericht, dass es sich bei der Hälfte der Fälle um Minderjährige handle, der Rest betreffe junge Erwachsene bis Ende 20. Bei 15 Fallmeldungen waren Mädchen oder junge Frauen betroffen.

Doch nicht jeder gemeldete Fall erwies sich als tatsächliche Radikalisierung. Von den 90 gemeldeten Personen war dies nur bei knapp 10 Prozent der Fall. Eine Selbst- oder Fremdgefährdung lag bei fünf Fällen vor, berichtet die Fachstelle. Öfters würden persönliche Krisensituationen bei Jugendlichen vorliegen. Indem diese verstörende Inhalte verbreiten oder irritierende Meinungen äussern, würden sie versuchen zu provozieren und sich Gehör zu verschaffen. «Hinter einer vermeintlich beginnenden Radikalisierung steht dann ein gemobbter und ausgegrenzter Jugendlicher», hält die Fachstelle fest.

Polarisierung leistet Vorschub

Während sich die Fachstelle in der Anfangszeit vor allem mit möglichen Fällen von islamistischer Radikalisierung konfrontiert sah, nahmen diese Meldungen in den letzten Jahren tendenziell ab. Dies ist laut dem Bericht vor allem darauf zurückzuführen, dass der IS nach der militärischen Niederlage an Anziehungskraft eingebüsst habe.

An seine Stelle treten andere Extremismusformen. Die Fachstelle nennt etwa die extremistische Rechte, welche in mehreren westlichen Staaten – allen voran in Deutschland – in besonderem Masse erstarkt sei. Genannt werden etwa die Attentate in Hanau (Februar 2020) und Halle (Oktober 2019). «Auch in der Schweiz ist eine Zunahme rechtsextremistischer Vorfälle und ein Wiedererstarken des Gedankenguts zu verzeichnen», schreibt die Berner Fachstelle.

Die Polarisierung in der heutigen Politik würde den Radikalisierungstendenzen Vorschub leisten. «Extreme politische Ansichten haben Konjunktur», heisst es weiter im Bericht. Dies fördere nicht zuletzt die Corona-Krise zutage.