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Der Wengen-StreitSo kam es zum Eklat ums Lauberhorn

Die Veranstalter von Wengen und Swiss-Ski zanken um Geld. Das Wahrzeichen droht daran zu zerbrechen.

Spektakuläre Bilder zu einem spektakulären Rennen: Start zur Lauberhornabfahrt 2012. Gibts 2021 die letzte Ausgabe?
Spektakuläre Bilder zu einem spektakulären Rennen: Start zur Lauberhornabfahrt 2012. Gibts 2021 die letzte Ausgabe?
Peter Schneider (Keystone)

Ein Winter ohne Lauberhorn? Undenkbar bis diesen Mittwoch. Bei der Sitzung des Weltcup-Subkomitees des internationalen Skiverbandes FIS beantragt Swiss-Ski die Streichung der Rennen aus dem provisorischen Kalender 2021/22. Damit reagiert der Schweizer Verband auf das Zwischenurteil eines laufenden Verfahrens vor dem Internationalen Sportgericht CAS, in dem die Organisatoren von Wengen eine Million Franken pro Jahr an zusätzlichem Geld von Rechteinhaber Swiss-Ski fordern.

Offenbar stehen die Zeichen nun so, dass die Veranstalter mit ihrem Ansinnen vor dem CAS durchkommen und der Verband folglich die zusätzliche Million bezahlen müsste. Um das zu umgehen, liess Swiss-Ski Wengen aus dem Skijahr 2022 streichen. Nun droht das Wahrzeichen des Schweizer Skirennsports am Zwist zu zerschellen. Das sind die Hintergründe:

Die Vorgeschichte: 2,5 Millionen sind nicht genug

Lange hielten sie es unter dem Deckel, sassen noch gemeinsam an den Verhandlungstisch. Doch zum Start der diesjährigen Lauberhornrennen kam es doch an die Öffentlichkeit: Die Organisatoren von Wengen haben sich 2018 an das CAS in Lausanne gewandt, um von Swiss-Ski mehr Geld zu fordern. 2,5 Millionen Franken sind es rund, die der Verband als Rechteinhaber der Schweizer Rennen beisteuert zum Wengener Budget von knapp 9 Millionen.

Hinzu kommen diese Einnahmen: Ticketverkauf, VIP-Pakete, Sponsoren, Lauterbrunnen und Region, die zahlen, Dienstleistungen der Jungfraubahnen sowie von Militär und Zivilschutz, die sagenhafte 3000 Diensttage leisten für die Rennen. Doch das alles reicht nicht. 2019 etwa fehlten trotz besten Bedingungen und Zuschauerrekord 270’000 Franken. Die Wengener sahen den Gang ans CAS als letzten Auswegund brüskierten damit den Verband.

Die Bedeutung: Nicht ersetzbar

Die Lauberhornrennen sind ein Koloss im Ski-Weltcup, ein Mythos bei Zuschauern und Fahrern, ein Wirtschafts- und Tourismustreiber in der Region. Über eine Million Zuschauer sassen am 18. Januar diesen Jahres bei der Siegesfahrt von Beat Feuz in der Deutschschweiz vor dem Fernseher. Marktanteil: 85,1 Prozent. Die herrlichen Bilder mit verschneiter Landschaft und von der Sonne bestrahlten Eiger, Mönch und Jungfrau gingen beim 90-Jahr-Jubiläum der Rennen um die Welt. Geschätzte Wertschöpfung der drei Tage im Berner Oberland: 30 Millionen Franken.

Doch nicht nur finanziell und bezüglich Vermarktung hat das Spektakel einen Sonderstatus. Es hat dies vor allem bei den Schweizer Athleten. Nach seinem dritten Triumph in der längsten Abfahrt der Welt sagte Feuz: «Es ist ein nächstes Highlight meiner Karriere, das ich gegen nichts eintauschen würde.» Nicht einmal gegen einen Premierensieg in Kitzbühel. Und Emotionen, wie sie Patrick Küng bei seinem Abfahrtstriumph 2014 erlebte, gab es für ihn in seiner ganzen Karriere nietrotz Weltmeistertitel 2015. Zumindest für sie sind die Rennen in Wengen nicht ersetzbar.

«Für nichts würde ich das eintauschen wollen», sagt Beat Feuz nach seinem Sieg im vergangenen Januar. Er triumphierte zum dritten Mal am Lauberhorn.
«Für nichts würde ich das eintauschen wollen», sagt Beat Feuz nach seinem Sieg im vergangenen Januar. Er triumphierte zum dritten Mal am Lauberhorn.
Anthony Anex (Keystone)

Organisator: «Ein Skandal»

Ein Skandal sei das Vorgehen von Swiss-Ski, sagt der Lauberhorn-Vorsitzende Urs Näpflin, eine Frechheit, ein Affront. Der Verband habe den Zweihänder ausgepackt, den internationalen Skiverband FIS sogar aufgefordert, die Wengener nicht über seine Pläne zu informieren. Nach dem Zwischenurteil des CAS glaubt Näpflin, im Streitfall recht zu bekommen – seiner Meinung nach hat der Verband die Rennen gestrichen, um nicht zum Zahlen gezwungen zu werden. Näpflin fordert mehr Geld aus dem Sponsoring und von den Fernsehrechten, über den Verteilschlüssel will er mitreden können. Aber eben, reden geht nicht, der OK-Chef sagt, Swiss-Ski blocke jeden Versuch eines Gesprächs ab: «Der Streit ist eskaliert.»

In Wengen sei eben alles teurer, meint Näpflin, die Logistik im autofreien Dorf, die Infrastruktur vor allem – permanent seien Anpassungen nötig, die schnell einmal sechsstellige Summen verschlingen würden. Hoch sind die Versicherungskosten, und das Risiko einer wetterbedingten Absage schwebt Jahr für Jahr wie ein Damoklesschwert über dem Anlass. Wengen sei bereit für gewisse Kompromisse, sagt Näpflin. Er gibt aber auch zu bedenken, dass die geforderte Summe im Erfolgsfall vom CAS gar noch erhöht werden könnte.

Swiss-Ski: «Wir können und wollen nicht bezahlen»

«Vielleicht», sagt Bernhard Aregger, «ist unser Vorgehen nicht populär und stösst bei vielen auf Unverständnis. Doch hätten wir nicht gehandelt, hätte uns das in der Zukunft eingeholt.» Jährlich eine Million Franken mehr für Wengen sind für den Geschäftsführer von Swiss-Ski schlicht nicht tragbar. «Erstens können, zweitens wollen wir eine solche Summe nicht bezahlen. Wir würden sonst in unserer Entwicklung um sechs Jahre zurückgeworfen und müssten verschiedene Massnahmen treffen: etwa die Kader verkleinern und auf andere Leistungen verzichten.» Deshalb hätten sie sich entschieden, die Lauberhornrennen aus dem provisorischen Kalender für den Winter 2021/22 zu streichen und durch ein «SUI» zu ersetzen.

Drei Buchstaben, die als Platzhalter für irgendein Rennen in der Schweiz stehen. «Allenfalls gibt es eine Lösung mit den Veranstaltern, damit wir die Emotionen von Wengen auch künftig erleben können. Auf der anderen Seite sehen wir uns auch zu einem Plan B gezwungen: Es gibt hervorragende Weltcup-Orte in der Schweiz, von denen wir positive Signale erhalten haben, für Wengen einzuspringen.» Und, sagt Aregger auch noch vielsagend: «Der Skisport in der Schweiz findet nicht nur an drei Tagen statt.» Sprich: Selbst eine Instanz wie das Lauberhorn wäre notfalls zu ersetzen.

Die Alternativen: Es gibt sie zuhauf

Er neigt zu Übertreibungen. Aber FIS-Präsident Gian Franco Kasper sagt, der internationale Skiverband könne sich kaum vor Bewerbern retten, die Weltcuprennen durchführen wollten. Die Warteliste sei mehrere Seiten lang mit weit über 100 Ortschaften. Auch mit vielen aus der Schweiz.

Crans-Montana und St. Moritz hätten gerne ein drittes Rennen, Lenzerheide möchte zumindest im Zweijahresrhythmus einen Fixplatz im Kalender, auch Veysonnaz, Andermatt und Zermatt sollen Interesse bekunden. In Zermatt wird eine Abfahrtspiste mit Start am Gornergrat ausgebaut, es wäre nach Wengen die wohl längste Strecke überhaupt. 2022 aber wären die Walliser wohl noch nicht bereit für eine Austragung.

Zermatt und sein Matterhorn sind bereit für eine Abfahrt – aber wohl noch nicht 2022.
Zermatt und sein Matterhorn sind bereit für eine Abfahrt – aber wohl noch nicht 2022.
Christian Beutler (Keystone)

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann sagte Mitte März: Zu den Konditionen, die Wengen hat, würden sich viele Veranstalter finden lassen. «Ich könnte an die Kollegen in der Bergwelt eine E-Mail schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob fünf oder zehn Minuten vergehen würden, bis sich einer meldet.»

Die Konsequenzen: Es gibt nur Verlierer

Eines ist sicher: Kurzfristig gibt es im Zwist nur Verlierer. Wengen wie Swiss-Ski geben ein schlechtes Bild ab. Der in die Öffentlichkeit transportierte Streit nimmt peinliche Züge an, der Imageschaden ist nicht zu vermeiden – wobei gerade beim Verband dem Vernehmen nach nicht alle den eingeschlagenen Weg für richtig halten. Im Extremfall verliert Swiss-Ski die drei Wengener Weltcuprennen an ein anderes Land: Grundsätzlich besteht kein fixes Anrecht auf Ersatzveranstaltungen im eigenen Land, nachdem ein Verband eines oder auch mehrere Rennen an die FIS zurückgegeben hat.

Einzelne Rennen jedoch vergibt die FIS direkt an die Veranstalter, Näpflin will beim Weltskiverband einen entsprechenden Antrag stellen. In diesem Fall würde der Lauberhorn-Klassiker unabhängig von Swiss-Ski vermarktet, was gemäss des Landesverbandes jedoch nicht durchsetzbar wäre. Die FIS ihrerseits möchte Wengen unbedingt im Kalender behalten, was Präsident Kasper bestätigt. Noch bis im Herbst ist der Bündner im Amt – ein möglicher Nachfolger ist ausgerechnet Swiss-Ski-Präsident Lehmann. Klar ist: Wengen ist endlich bereit, mit der Tradition zu brechen, mit der Zeit zu gehen.

Aregger von Swiss-Ski sagt: «Bevor man die hohle Hand macht, muss man sich selber kritisch hinterfragen. Wurden alle Möglichkeiten ausgelotet bezüglich Vermarktung, im VIP-Bereich, sind die Aufwände gerechtfertigt dafür, was an Geld zurückkommt? Was müsste man anders machen? Sonst werden die Probleme einfach immer weiter mitgeschleppt.» Im Zwischenurteil des CAS steht denn auch, dass die Organisatoren kommerzieller denken müssten. Der Hundschopf dürfte schon kommenden Winter mit einem Werbebogen versehen sein – vergleichbar mit dem Hausberg in Kitzbühel. Damit könnten wohl mehrere hunderttausend Franken generiert werden.

Am Hausberg in Kitzbühel steht der Werbebogen schon lange, bald kommt er auch am Wengener Hundschopf.
Am Hausberg in Kitzbühel steht der Werbebogen schon lange, bald kommt er auch am Wengener Hundschopf.
Christian Bruna (Keystone)

Die Verschwörungstheorie: Alles nur Show?

OK-Chef Näpflin bezeichnet das Vorgehen von Swiss-Ski als skandalös und vergleicht die Methoden des Verbandes mit solchen aus dem Mittelalter. Swiss-Ski gibt sich distanziert, kritisiert die Wengener auch mal für ihre viel zu konservative Denkhaltung. Kommuniziert wird nur noch via Anwälte, der Streit ist eskaliert.

Wirklich? Es gibt (zugegebenermassen wenige) Szenekenner, die das Ganze für eine Inszenierung halten. Für einen durchtriebenen Akt, um an Bundesgelder heranzukommen. Die Partien spielen den Krieg demnach nur vor, um die öffentliche Hand unter Druck zu setzen. Verschwörungstheoretiker mögen gerade Hochkonjunktur haben – in diesem Fall sind sie zu vernachlässigen.