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WC-Training für KüheSo ein Seich!?

Forscher haben Kälbern beigebracht, die Toilette zu benützen. Das tönt wie ein Scherz, hat aber einen tieferen Sinn: Es tut sowohl der Kuh gut als auch der Umwelt.

Ein Kalb erleichtert sich in der Kuhlatrine.
Ein Kalb erleichtert sich in der Kuhlatrine.
Foto: FBN

Der Mensch lernts, der Hund ebenfalls, auch das Büsi – warum nicht auch die Kuh?, dachten deutsche Nutztierforscher und machten sich ans Werk.

Kann ein Rind sein «Eliminationsverhalten», wie das fachlich korrekt heisst, überhaupt willentlich steuern? Merkt es, wenn es so weit ist? Und versteht es, dass es dann bitte zum Urinieren jeweils in eine eigens gebaute Kuhlatrine gehen soll?

Die Antwort lautet dreimal Ja. Einige Kühe punkteten sogar mit einer Extrazugabe an Cleverness.

Mit einem Trick zum Pinkeln gebracht

Doch zuerst zum Experiment, an dem 40 schwarzweisse Holstein-Friesen-Kälber teilnahmen. Die erste Knacknuss für die Forscher: Wie stellt man es an, dass die Kuh genau dann pinkelt, wenn das Toilettentraining stattfindet?

«Das haben wir so gelöst, dass wir dem Kalb vorher ein leicht entwässernd wirkendes Medikament gespritzt haben», sagt die Doktorandin Neele Dirksen vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie im deutschen Dummerstorf. Der Wirkstoff, der auch Menschen aufs Hüsli treibt, tat bei den Kälbern ebenfalls seine Wirkung. Drei- bis sechsmal während des täglichen, 45-minütigen Experiments verspürten die Tiere Harndrang. Alle zwei bis drei Tage wurde trainiert.

Die zweite Knacknuss: Wie bringt man die Kuh dazu, dass sie in der Kuhlatrine Wasser löst? Ganz einfach – man sperrt sie dort für kurze Zeit ein. Nach jedem Urinieren in der Toilette gabs eine Belohnung.

«Bei Rindern wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht, ob es sie stört, wenn der Urin beim Auftreffen auf dem Boden spritzt», sagt Dirksen. «Es fällt aber auf, dass sich Kühe beim Urinieren extrem breitbeinig hinstellen und dass sie den Schwanz sehr hoch heben. Wir haben daraus geschlossen, dass sie den Kontakt mit Urin vermeiden wollen.»

Wie ein Rasensprinkler beim Training hilft

Das Besondere an der vier Quadratmeter grossen Toilette, die sich die Forscher ausgedacht haben, ist deshalb ein Anti-Spritz-Bodenbelag. Die zweite Besonderheit ist die Farbe der Kuhlatrine. «Sie ist ganz in Grün gehalten. Die Farbe kann einen Schlüsselreiz liefern, damit das Tier weiss, wo es hingehen soll», erläutert der Projektleiter Jan Langbein. Sollte eine trainierte Kuh jemals in einen anderen Stall zügeln, könnte ihr dann auch die Farbe helfen, um am neuen Ort das WC zu finden.

Das gezielte Aufsuchen der Toilette war die dritte und schwierigste Knacknuss für die Kuhtrainer: Wie begreift die Kuh, dass sie ihr Eliminationsverhalten nicht im Versuchsgang zeigen soll, sondern ausschliesslich in der Latrine? Dass sie also erst eine Art «Saloontür» öffnet, dann in die Kuhlatrine schreitet und ihr Geschäft dort erledigt (wie hier im Video zu sehen)?

Ein Kalb geht in die Kälbertoilette.
Ein Kalb geht in die Kälbertoilette.
Foto: Nordlicht/FBN

Dafür benützten die Wissenschaftler einen Rasensprinkler und eine Handvoll gequetschte Gerste. «Manche Kälber haben das schon nach eineinhalb Stunden Üben verstanden», sagt Dirksen, hörbar erfreut über die steile Lernkurve ihrer Versuchsteilnehmerinnen.

Insgesamt habe es fünf Trainingsdurchgänge à 15 Tage gegeben. «Wir haben immer wieder etwas verändert, bis es zuletzt richtig gut geklappt hat.» Am wirksamsten war der Rasensprinkler an der Decke des Versuchsgangs: Eine kurze Dusche von oben, sobald das Tier am falschen Ort pinkelte – und die Kuh klemmte ab.

Pinkelte das Tier hingegen wie gewünscht in der Latrine, öffnete sich daraufhin dort eine kleine Klappe in der Wand, und das Tier durfte zur Belohnung 40 Gramm gequetschte Gerste fressen.

Clevere Kälber tun nur so, als pinkelten sie

«Als sie das begriffen haben, begannen einzelne Kälber, eine Urination nur vorzutäuschen. Oder sie haben nur zwei Tropfen Urin gepinkelt, um wieder eine Belohnung zu bekommen», berichtet Dirksen. Dafür habe es jedoch kein Futter gegeben, «weil wir so etwas nicht unterstützen».

Die Bedingung war: mindestens zwei Sekunden pinkeln. Dirksen überwachte das mit Kameras und steuerte alles von einem Nebenraum aus. Damit vermied sie ein Problem, das eine europäische Forschergruppe bekam, die am selben Thema forschte.

Dort unterbrachen die Kälber das Pinkeln mittendrin und marschierten schnurstracks zum Trainer, um ihr Leckerli abzuholen, liefen urinierend auf ihn zu oder suchten erwartungsvoll seine Nähe, unmittelbar bevor sich der Schwall ergoss. Diese Studie konnte 2009 zwar zeigen, dass Kälber ihr Eliminationsverhalten steuern können, mit dem Latrinentraining klappte es aber nicht so recht.

Das Pinkelexperiment im Bewegtbild.
Video: FBN

Für die Nutztierforschung ist die Studie von Dirksen und ihren Kollegen aus Deutschland und Neuseeland deshalb ein Meilenstein. Sie hat erstmals bewiesen, dass Rinder das Sauberkeitstraining meistern können. Der internationale Durchbruch stehe aber noch aus, sagt Langbein. «Eine entscheidende Rolle wird die praxistaugliche Integration in den Stallalltag spielen.»

«Die Forscher händ nüt Gschiits me im Gring»

«So en Seich. Also die Forscher händ nüt Gschiits me im Gring», kommentierte ein Leser des «Schweizer Bauern» das Ganze. Langbein und Dirksen sehen das anders und verweisen darauf, dass auch Wissenschaftler in mehreren anderen Ländern am bovinen Latrinentraining forschen.

Einer der Gründe ist der Umweltschutz. «Die EU-Richtlinie schreibt vor, dass Deutschland bis in zehn Jahren den Ausstoss an Ammoniak deutlich verringern muss. 95 Prozent dieses Treibhausgases entstehen bei der Rinderhaltung», legt Langbein dar. Liesse sich der Urin getrennt auffangen, würde der Ammoniakausstoss deutlich sinken. Denn Ammoniak entsteht, wenn der Harnstoff im Urin der Kuh mit einem Enzym in ihrem Kot in Kontakt kommt.

Ein anderer Grund ist das Wohlbefinden der Tiere. Das Risiko für Infektionen am Euter und an den Klauen sinkt, wenn der Stall sauberer ist. Und nicht zuletzt würde es dem Landwirt Arbeit ersparen, wenn seine Tiere die Latrine aufsuchen.

Wenn wir es wirklich schaffen, dann würden alle profitieren: die Kühe, die Tierhalter und die Umwelt.»

Lars Schrader, Projektkoordinator am Friedrich-Loeffler-Institut

Im Prinzip müsste das Training auch beim Koten klappen, glaubt Dirksen. «Aber das ist schwieriger zu timen. Wenn Sie dem Rind ein Abführmittel geben, dann kann es den Schliessmuskel nicht mehr richtig steuern. Das geht also nicht.»

Im nächsten Schritt geht es nun darum, das Training praxistauglich zu machen. «Das wird sicher noch fünf Jahre dauern», schätzt Langbein. Erste Versuche laufen gegenwärtig am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Celle. Wärmebildkameras und Computer sollen dort erkennen, wenn ein Tier zum Urinieren ansetzt, und dann entweder den Sprinkler aktivieren oder die Belohnung ausschütten. «Wenn wir es wirklich schaffen, die Intelligenz der Tiere für eine Einrichtung von Kuhtoiletten in der Praxis zu nutzen», sagt der Projektkoordinator Lars Schrader vom FLI, «dann würden alle profitieren: die Kühe, die Tierhalter und die Umwelt.»

Dass das Latrinentraining überhaupt zustande kam, ist auch der Volkswagen-Stiftung zu verdanken. «Sie fördert auch Projekte, bei denen man sich nicht sicher ist, ob das Vorhaben funktioniert», sagt Langbein. «Das ist in der Forschungsförderung selten.»