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Reaktionen nach SaisonabbruchDas sagen die Berner Vereine: Sieger werden zu Verlierern

Der Abbruch der Amateurligen ist für potenzielle Aufstiegskandidaten bitter. Abstiegskandidaten profitieren jedoch und werden auch nächste Saison in derselben Liga spielen.

Der FC Muri-Gümligen, hier mit Daniele Battista, kann nicht aufsteigen, der FC Steffisburg (links Mathias Rychener) muss nicht absteigen.
Der FC Muri-Gümligen, hier mit Daniele Battista, kann nicht aufsteigen, der FC Steffisburg (links Mathias Rychener) muss nicht absteigen.
Foto: Urs Baumann

Der Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) hat entschieden: Die Amateurmeisterschafts- und Cupwettbewerbe der Männer, Frauen, Senioren und Junioren werden abgebrochen, und die Saison wird nicht gewertet. Des einen Freud ist dabei des anderen Leid. Während Clubs, die in Abstiegsgefahr schwebten, auch in der nächsten Spielzeit ihren Platz in der jeweiligen Liga auf sicher haben und sportlich profitieren, gucken potenzielle Aufstiegskandidaten in die Röhre.

«Bitter für alle»

Muri-Gümligen absolvierte eine starke Vorrunde, holte einen Vorsprung von vier Punkten auf Verfolger Italiana heraus. Der FCMG hielt somit gute Trümpfe in der Hand, Ende Frühling die ersehnte Promotion in die 2. Liga inter zu bewerkstelligen. Nun muss der Leader der 2. Liga regional (Gr. 1) sein Vorhaben indes um ein Jahr verschieben. «Den Entscheid akzeptieren wir voll und ganz. Aber er ist trotzdem bitter», sagt Trainer Riccardo Pilleggi. Nachdem der Aufstieg 2019 erst am letzten Spieltag verpasst worden sei, habe man in dieser Saison noch ehrgeiziger und noch intensiver gearbeitet, um das grosse Ziel zu erreichen.

«Kurz vor dem Lockdown bestritt das Team noch ein Trainingslager, wir waren sehr gut vorbereitet. Aber letzten Endes betrifft es alle anderen Vereine auch. Es ist für alle bitter, die den Fussball lieben.» Ex-YB-Spieler Pilleggi kommuniziert in diesen Tagen oft mit seinen Akteuren. Er schreibt Nachrichten oder telefoniert jede Woche mindestens einmal mit jedem Spieler. Auch der Vorstand tauscht sich per Skype-Sitzungen aus und füttert die Website des Clubs mit Informationen. Die Kommunikation klappt, aber der frisch gemähte Rasen fehlt allen. Coach Pillegi denkt vor allem auch an die vielen Kinder: «Für die Jugendlichen mit ihrem Bewegungsdrang tut es mir ganz besonders leid. Ich hoffe, dass wir möglichst bald Klarheit haben, ab wann man wieder trainieren und spielen kann.»

FC Wyler

Philippe Page, Präsident des Quartierclubs FC Wyler (3. Liga, Gruppe 3) spricht das aus, was viele Sportler empfinden: «Wir vermissen die Clubaktivitäten und den Sport sehr.» Auch bei den Stadtbernern wird mit technischen Hilfsmitteln gearbeitet, um die Kommunikation im Vorstand und unter den Trainern aufrechtzuerhalten. «Nichts kann aber die persönlichen Kontakte in einem Vereinsleben ersetzen», sagt Page. Und so dachten sich Trainer und Funktionäre unlängst eine schöne Überraschung aus: «Wir brachten unseren Junioren einen kleinen Fussball zu Hause vorbei als Zeichen der Verbundenheit. Es war eine tolle Aktion.» Aus sportlicher Sicht ist der Saisonabbruch für Wyler «sehr bitter», wie Page sagt. Mit einem Polster von fünf Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten galt Wyler als Topfavorit für den Aufstieg in die 2. Liga regional. «Wir hoffen, dass wir unsere wichtigen Kräfte behalten und dann in der nächsten Saison den Aufstieg anpeilen können», sagt Page.

Segen für Lerchenfeld

Mit dem Saisonabbruch verbleibt der FC Lerchenfeld in der 2. Liga interregional. Die Thuner bilden mit Köniz II das Schlusslicht. Trainer Daniel Klossner hat schon vor der Corona-Krise gesagt, dass der Ligaerhalt ein schwieriges Unterfangen werde, zumal im Winter noch drei Abgänge zu verzeichnen waren. «So betrachtet, ist der Abbruch ein Segen und spielt uns in die Karten», sagt Matthias Kocher. «Die junge Mannschaft erhält nun mehr Zeit, sich zu bewähren.» Glücklich ist der Lerchenfeld-Präsident dennoch nicht: «Ob Aktiver oder Junior: Wir spielen alle gern Fussball, können jedoch unser Hobby nicht mehr ausüben.»

Wie stark der Abbruch auch finanzielle Folgen haben wird, vermag Kocher noch nicht abzuschätzen. «Der Verein ist dank der Arbeit der vergangenen Jahre gesund. Jetzt fehlen uns aber die Einnahmen aus Lotto-Match und Chilbi.» Von den Sponsoren hört der Präsident viel Zuspruch. «Zudem erfahren wir eine unglaubliche Solidarität der Trainer, die alle auf einen Teil ihrer Entschädigung verzichten und so ihre Verbundenheit mit dem Club beweisen.»

Glücksfall für Steffisburg

In der 2. Liga, Gruppe 1, kann der FC Steffisburg aufatmen. Der FCS liegt als Tabellenletzter bereits sechs Zähler unter dem Strich. «In unserem Fall ist der Abbruch ein Glücksfall», gibt Heinz Gilgen zu. «Ich bin allerdings überzeugt, dass wir den Ligaerhalt auch sportlich geschafft hätten», hält der Präsident fest. Gilgen hat den jetzigen Entscheid indes schon früher erwartet. «Denn ein Fussballtraining auf Distanz ist nicht durchführbar. Und käme das Virus in ein Team, würde das den ganzen Verein lahmlegen. Ich bin deshalb nicht mal sicher, dass wir im Herbst die neue Saison starten werden.» Dabei wünscht sich Gilgen eigentlich nichts sehnlicher als eine schnelle Wiederaufnahme. «Wir können uns nicht mehr treffen. Ich vermisse die sozialen Kontakte.»

Unglücklich in Biglen

In der 3. Liga, Gruppe 1, hat der FC Biglen diese Saison kein Spiel gewonnen und in elf Partien bloss neun Tore erzielt. Dennoch kommt der Abbruch dem Tabellenletzten überhaupt nicht gelegen. «Wir sind nicht glücklich», sagt Karin Wälti. Die Präsidentin erklärt: «Nach neun Abgängen vor der Saison mussten wir zwei Teams zusammenführen, um genügend Spieler zu haben. Das führte dazu, dass die Mannschaft mit dem bestehenden Niveau eigentlich in der 4. Liga besser aufgehoben wäre. Mit dem Entscheid müssen wir nun nochmals eine harte Saison in der 3. Liga durchstehen.» Der Saisonabbruch macht also auch aus vermeintlichen Absteigern nicht einfach plötzlich Sieger.