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Galenica profitiert von CoronaSieben Mal mehr Desinfektionsmittel verkauft

Der führende Schweizer Apothekenbetreiber ist bei Ausbruch der Pandemie von Kunden überrannt worden. Der Lockdown bremste das Geschäft dann jedoch.

Gleich kistenweise konnten die Apotheken von Galenica Desinfektionsmittel und Schutzmasken verkaufen, hier in einer Filiale der Tochtergesellschaft Amavita.
Gleich kistenweise konnten die Apotheken von Galenica Desinfektionsmittel und Schutzmasken verkaufen, hier in einer Filiale der Tochtergesellschaft Amavita.
Foto: Laurent Guiraud

Plus 717 Prozent: So stark ist der Umsatz von Galenica mit Desinfektionsprodukten der Marke Septo Clean im März gestiegen. Wegen des Coronavirus haben Konsumentinnen und Konsumenten den Apothekenbetreiber überrannt. Schutzmasken oder Entzündungsmittel wurden ebenfalls sprunghaft mehr gekauft. Zudem deckten sich Ärzte und Spitäler verstärkt beim Berner Gesundheitskonzern ein und legten Vorräte für Medikamente und Schutzmittel an. Auch die Online-Shops boomten.

Die Logistiksparte bewältigte während Wochen noch nie dagewesene Volumen, sagte der neue Galenica-Chef, der frühere Swisscom-Verkaufsleiter Marc Werner, bei der Bilanzpräsentation zum ersten Halbjahr 2020. Die Tochtergesellschaft Galexis mit dem eh schon gut ausgelasteten Logistikzentrum in Niederbipp lieferte an gewissen Tagen im März 60 Prozent mehr aus als im Vorjahr. Das Personal leistete Sonderschichten.

Als Glücksfall erwies sich die Übernahme der Interlakner Bichsel-Gruppe im Mai 2019: Die Firma konnte die hauseigenen Produktionskapazitäten für Infusions- und Spüllösungen sowie Desinfektionsmittel deutlich erhöhen.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) habe die Bichsel-Gruppe inzwischen als systemrelevantes Unternehmen klassifiziert, sagte Werner. Die Pandemie habe eindeutig gezeigt, was für eine bedeutende Rolle die Galenica-Gruppe im Schweizer Gesundheitsmarkt und für die landesweite Medikamenten-Versorgung spiele.

Lieferengpässe

Wegen des Kundenansturms leerten sich aber auch die Lager, es kam zu Lieferengpässen. Galenica will aber nicht verantwortlich gemacht werden dafür, dass die Schweiz insbesondere bei den Schutzmasken in ein Chaos geraten ist. «Galenica stellt selber keine Schutzmasken her, sondern ist als Grossist und Wiederverkäufer tätig», sagt Mediensprecher Patrick Fehlmann.

«Wir disponieren unsere Lager aufgrund vergangener Daten. Auf einen Hype wie im vergangenen Frühjahr war niemand vorbereitet», sagt Fehlmann. Natürlich habe Galenica während der Krise alles versucht, um von qualifizierten Lieferanten Masken zu beziehen. «Doch wenn die Hersteller nichts liefern können, können wir auch keine Masken beziehen.»

Die Galenica-Gruppe hat aber noch eine andere, zentrale Rolle bei der Versorgung des Schweizer Gesundheitswesens. Sie betreibt Pflichtlager im Auftrag der Behörden. Dies allerdings für Medikamente und nicht für Schutzmasken.

Wie viele Schutzmasken künftig also in der Schweiz hergestellt und in Pflichtlagern sein sollen, das müssen die Behörden und letztlich die Politik beantworten. Dabei stellt sich auch die Frage, wer die Lagerhaltung finanziert.

Gewinn leicht gestiegen

Bislang hat Galenica von der Pandemiesituation unter dem Strich profitiert. Der Umsatz wuchs im ersten Halbjahr 2020 um 5,6 Prozent auf 1,69 Milliarden Franken. Der Reingewinn stieg weniger stark, nämlich um 2,2 Prozent auf 66,3 Millionen Franken.

In den Apotheken fielen Zusatzkosten an wie zum Beispiel für Schutzmassnahmen von Mitarbeitenden und Kunden. Zudem mussten im Lockdown die Parfümerie-Abteilungen auf Anordnung der Behörden temporär geschlossen werden. Und an eigentlich sehr frequenzstarken Apotheken an Flughäfen und Bahnhöfen sank die Zahl der Kunden wegen der Reisebeschränkungen und empfohlener Heimarbeit stark.

Da viele Arztpraxen während Wochen nur reduziert arbeiteten, wurden in den Apotheken auch weniger Medikamente auf Rezept abgegeben. Ab Mai stellte Galenica eine sukzessive Normalisierung der Geschäfte fest. An den Flughäfen und Bahnhöfen dürfte es aber noch dauern.

Trotzdem erhöht Galenica die Prognose für das Umsatzwachstum im Geschäftsjahr 2020 von 1 bis 3 Prozent auf 2 bis 5 Prozent. Und den Aktionären stellt Konzernchef Werner eine Dividende mindestens auf Vorjahreshöhe in Aussicht.