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Dokfilm über Greta ThunbergSie vermisst ihr altes Leben

Greta Thunberg gilt als Galionsfigur der internationalen Klimabewegung. Ein Dokumentarfilmer ist ihr vom ersten Streiktag an ungewöhnlich nahegekommen – und zeigt, wie sie mit ihrer Rolle hadert.

Ein seltenes Bild: Greta Thunberg lächelt, hier bei einem Auftritt in Italien – im Film wird sie auch Tränen vergiessen.
Ein seltenes Bild: Greta Thunberg lächelt, hier bei einem Auftritt in Italien – im Film wird sie auch Tränen vergiessen.
Foto: Getty Images


Was wir in diesen Tagen vor dem Bundeshaus in Bern mit streikenden Aktivisten erlebt haben, hat ja seinen Ursprung in Stockholm, wo im August 2018 alles begann. Ein unscheinbarer Teenager mit Zöpfen setzt sich vor dem schwedischen Parlament auf den Boden, rechts ein pinkfarbener Rucksack und eine Thermosflasche, links ein selbst gemaltes Plakat mit der Aufschrift «Schulstreik fürs Klima», davor ein paar bedruckte Flugblätter, die mit einem Stein beschwert sind. Die meisten Menschen gehen vorbei. Einmal winkt ein Kind. Greta Thunberg winkt zurück.

Es ist der Anfang dessen, was innert Jahresfrist zu einer weltweiten Klimabewegung anschwellen und Greta zum Sprachrohr einer riesigen Jugendgemeinde machen wird. Fast noch erstaunlicher ist, dass zu jenem Zeitpunkt bereits jemand vor Ort ist, um zu filmen – der schwedische Regisseur Nathan Grossman. So geistesgegenwärtig kann man eigentlich nicht sein. Aber Grossman ist da, und er verfolgt den Aufstieg von Greta Thunberg exakt ein Jahr lang.

Die Anfänge: Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament.
Die Anfänge: Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament.
Foto: Filmcoopi

In seiner Dokumentation, die jetzt am Zurich Film Festival läuft und kurz darauf in die Kinos kommt, steht die Protagonistin stellvertretend für die Entwicklung der globalen Klimabewegung der letzten Monate. Da ist die anfängliche Einzelaktion, der Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die kollektive Aufbruchstimmung und Euphorie. Später folgen die immer wütenderen Anklagen, durchsetzt von Trotz und Unverständnis – das alles ist und spricht aus Greta Thunberg.

«Ich war als Kind unbeliebt, wurde nie zu Freunden eingeladen.»

Greta Thunberg

Sie selbst bezeichnet, was ihr innerhalb dieser kurzen Zeit widerfahren ist, als surrealistischen Film. Und ja, wie anders wollte man es nennen, wenn man als von Essstörungen geplagte Aussenseiterin mit Asperger («Ich war als Kind unbeliebt, wurde nie zu Freunden eingeladen») im Schnellverfahren zur Hoffnungsträgerin einer ganzen Generation avanciert.

Im Dokumentarfilm «I Am Greta» folgt der Regisseur Thunberg durch halb Europa: Kongresse, Parlamente, Arnold Schwarzenegger, Angela Merkel, der Papst. Das sind nur einige Stationen. Grossman segelt mit ihr – weil Thunberg nicht fliegen will – sogar über den Atlantik an die UNO-Konferenz in New York.

Dabei findet der Regisseur immer wieder aussergewöhnliche, weil private Momente: Greta strahlt, wenn sie am Bildschirm ihre Hunde sieht; sie tanzt im Zug oder in der Bibliothek, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, sie schmeisst sich weg vor Lachen, wenn ihrer Mutter bei einer missglückten Liveschaltung das Gesicht einfriert. Handkehrum kämpft Thunberg um jedes Komma bei ihren Reden, Korrektheit geht ihr über alles. Und wenn ihr Vater von solchen «Kleinigkeiten» abzuraten versucht, wirft sie sich auch mal genervt aufs Bett und schmollt. Es sind die besten Momente dieser filmischen Nahaufnahme.

Small Talk mag sie nicht

Aber – und das bringt der Film auch zum Ausdruck – Greta ist keine Taktiererin, sondern eine, die ihre Aufgabe als Warnerin der Weltgemeinschaft ernst nimmt. Empfänge bedeuten ihr nichts, Small Talk hat für sie keinen Wert. Als sie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron fragt, ob sie viel übers Klima lese, antwortet sie trocken: «Yes, I’m a nerd.»

Inzwischen geht Thunberg wieder zur Schule, zur Weltpremiere von «I Am Greta» im August 2020 in Venedig hat sie sich nur kurz per Videobotschaft zugeschaltet. Es scheint, als wolle sie vom Kult um ihre Person ablenken, der ihr zwar Millionen von Fans eingebracht hat, aber auch Verunglimpfungen von Staatschefs (Trump, Putin, Bolsonaro), ganz zu schweigen von sonstigen Schmähungen und Todesdrohungen.

Der Rückzug in Raten hat aber noch einen anderen Grund. Gegen Ende des bewegenden Films, als Greta im August 2019 nach New York an die UNO-Konferenz segelt, bricht es bei tosendem Wellengang aus ihr heraus: «Ich vermisse ein normales Leben. Es ist so viel Verantwortung. Ich möchte das alles nicht machen müssen.» Die Stimme wird dünn und dünner, schliesslich weint sie. Und es ist, als spüre man den Druck, der auf dieser 15-Jährigen lastet, eine selbst auferlegte Hypothek, die sie zuvor ein Jahr lang nahezu unbewegt über sich ergehen liess.

«I Am Greta» am Zurich Film Festival: 25.9., 18.45 Uhr, Kosmos 1; 28.9., 15.30 Uhr, Filmpodium; 2.10., 18.15 Uhr, Le Paris; 3.10., 13.15 Uhr, Kosmos 1.
Im Kino ab 16. Oktober.

13 Kommentare
    Roman F

    Ein missbrauchte Kind, dem die Kindheit, die Freiheit, die Lebenslust gestohlen wurde, damit man damit Politik machen kann.

    Die Organisationen und ihr Eltern sollten bestraft werden.