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Kambundjis Rennen in der LeereSie sprintet alleine – und privat Richtung Bachelor

Corona hat Mujinga Kambundji einen Strich durch die Rechnung gemacht. Heute bestreitet die schnellste Schweizerin im Letzigrund ihren ersten Wettkampf in dieser Saison.

Mujinga Kambundji plant ihren Saisonhöhepunkt auf August und September. Ihr ist wichtig, in diesem Jahr trotz fehlender Grossanlässe 
schnelle Zeiten zu laufen.
Mujinga Kambundji plant ihren Saisonhöhepunkt auf August und September. Ihr ist wichtig, in diesem Jahr trotz fehlender Grossanlässe
schnelle Zeiten zu laufen.
Foto: Raphael Moser

Sie grübelt. Und beginnt dann zu lächeln, so, wie sie das fast immer tut. Mujinga Kambundji überlegt sich gerade, wann sie zum letzten Mal einen Wettkampf über 150 Meter bestritten hat. Schliesslich sagt sie: «Keine Ahnung, das ist viel zu lange her.» Nun gut, die 150 Meter sind auch keine gewöhnliche Distanz – wenn überhaupt, werden sie in der Saisonvorbereitung gelaufen. Aber gewöhnlich ist in diesem Jahr bekanntlich gar nichts. Also wird Kambundji am Donnerstag im Letzigrund über 150 Meter laufen – allein. Und doch irgendwie nicht.

Denn die Bernerin misst sich mit den Olympiasiegerinnen Shaunae Miller-Uibo und Allyson Felix. Wobei diese in Bradenton (USA) und Walnut (USA) ebenfalls allein laufen. Für den TV-Zuschauer aber wird dank der Technik das Bild dreigeteilt, er sieht die Frauen nebeneinander sprinten. Kambundji freut sich auf die «Inspiration Games», diesen «Spasswettkampf, der ein bisschen ernst ist». Weil sie den Eindruck hat, dass die Menschen den Live-Sport im Fernsehen vermissen. «Und weil es für uns Athletinnen schön ist, dass wir uns auf eine Art international vergleichen können.»

Ein verlorenes Jahr

Vor neun Monaten schrieb die 28-Jährige Geschichte, als sie über 200 Meter als erste Schweizer Sprinterin eine WM-Medaille gewann. Sie ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Doch ausgerechnet in diesem Jahr, wo sie dies an den Olympischen Spielen und der Europameisterschaft unter Beweis hätte stellen können, macht ihr Corona einen Strich durch die Rechnung. Weil sich die Absagen abgezeichnet hätten, habe sich die Enttäuschung in Grenzen gehalten, sagt sie. «Aber klar, ein Jahr ohne Grossanlässe ist ein verlorenes Jahr.»

Wenn alles anders ist
Im Video-Interview spricht Mujinga Kambundji über die überaus ungewöhnliche Saison 2020.
Video: Keystone-sda

Zumal sie von sich sagt, nun endlich die Strukturen gefunden zu haben, die für sie passen. An der Trainersituation, in den letzten Jahren eine Unkonstante, wird nicht gerüttelt – höchstens geschraubt. Adrian Rothenbühler, der ihr in Bern seit Jahren zur Seite steht, ist nun häufiger im Training mit dabei. Derweil der Schotte Steve Fudge von seiner Basis in London aus eher die Rolle des Beraters einnimmt. Nicht nur, aber auch wegen Corona. Kambundji will in diesem Jahr nur reisen, wenn es wirklich sinnvoll ist. Zu Hause hat sie fast alles, was sie braucht: Selbst während des Lockdown konnte sie auf dem Sportplatz Liebefeld weiter trainieren.

Plötzlich wieder Studentin

Auch nebenbei blieb Kambundji nicht untätig. Sie stellte zwar wie so viele fest, dass Aufräumen und Ausmisten durchaus sinnvolle Tätigkeiten sind. Aber weil alles einmal erledigt ist, entschied sich Kambundji dafür, ihr Betriebswirtschaftsstudium an einer privaten Fachhochschule nach zwei Jahren Unterbruch wieder aufzunehmen. «Da in der Leichtathletik jedes Jahr mehr dazukam, wurde es immer unwahrscheinlicher, mein Studium während der Karriere fertig zu machen», sagt sie. Nun hat sie eben Mittelsemesterprüfungen absolviert, über IT-Grundlagen, strategische Unternehmungsplanung und Buchhaltungsrechnen. Läuft alles optimal, könnte sie im nächsten Frühling den Bachelor abschliessen.

Vorerst aber steht wieder der Sport im Vordergrund. In Zürich wird Kambundji ihr erstes Rennen in diesem Jahr bestreiten; den Saisonhöhepunkt hat sie für August und September vorgesehen, wenn wahrscheinlich die meisten Wettkämpfe stattfinden werden. «Das Ziel ist, in dieser Phase ein paar schnelle Läufe zu absolvieren.» Zuerst gilt ihr Augenmerk nun dem ungewöhnlichen Auftakt im leeren Letzigrund – wo ihr sonst 25’000 Menschen zujubeln. Über 150 Meter – eine Distanz, in der sie zumindest offiziell noch nie ein Rennen bestritt.