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Nach Schocknachricht zu GrossanlässenSportclubs blitzen wegen Bundesmillionen ab

Um ihr Überleben zu sichern, wollten die Fussball- und die Eishockey-Liga die Spielregeln für die Hilfskredite anpassen. Und kassierten eine Absage. Die zweite Hiobsbotschaft innert weniger Tage.

Leer, leer, Letzigrund. Womöglich müssen sich die Fussballclubs noch länger an ein solches Bild gewöhnen.
Leer, leer, Letzigrund. Womöglich müssen sich die Fussballclubs noch länger an ein solches Bild gewöhnen.
Foto: Andy Mueller (Freshfocus)

Vor zwei Tagen ging Matthias Hüppi in St. Gallen Kleider kaufen, er sah die vielen Leute im Laden und staunte. «Hei, alles normal», schoss es ihm durch den Kopf, und er merkte sogleich: «Nur nicht bei uns.»

Hüppi ist Präsident des FC St. Gallen und gerade etwas besorgt. Die prächtige Laune und der euphorische Ton, gewöhnlich treue Begleiter, sind verschwunden. 1000 Menschen darf der einstige TV-Moderator zu den Spielen empfangen, es schmerzt ihn, er könnte sein Stadion bis auf den letzten der 19000 Plätze füllen, nun aber verliert sein Club viel Geld. 45 Prozent seiner Einkünfte verdient St. Gallen gewöhnlich mit den Zuschauern, im Schnitt ist es bei den Schweizer Profifussballclubs rund ein Drittel des Budgets.

Matthias Hüppi trägt Maske, das sieht sein Konzept auch für seine Zuschauer vor.
Matthias Hüppi trägt Maske, das sieht sein Konzept auch für seine Zuschauer vor.
Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Am 12. August wird der Bundesrat frühestens beschliessen, wie es ab dem 31. August mit Grossanlässen im Land weitergeht. Drei Varianten stehen im Raum, wie diese Zeitung berichtete: Aufhebung aller Restriktionen (Wunschtraum der Sportvereine, aber unrealistisch); Anlässe mit über 1000 Personen werden bewilligungspflichtig (Wunsch der Sportclubs); vollständiges Verbot für alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen bis zum 31. März 2021 (Albtraum der Sportclubs, Wunsch der Epidemiologen).

Maskenpflicht im Stadion

Sechs Szenarien hat Hüppi im Februar erstellt, von grün bis dunkelrot. Längst sei man im roten Bereich angekommen, dunkelrot werde es, wenn die aktuelle Lösung mit maximal 1000 Zuschauern verlängert werde. «Poltern bringt gerade nichts», sagt Hüppi. Aber auf sich aufmerksam machen, das dürfe man schon. Er rechnet vor, wie viele Zuschauer er ins Stadion bringen könnte unter Einhaltung des Abstands von eineinhalb Metern. Seine Mitarbeiter hätten das abgemessen. «Rund 50 Prozent könnten wir füllen», sagt er. «Von mir aus machen wir auch zwei Meter Abstand», sagt er. Hauptsache, die Menschen kommen wieder.

Mit genügend Abstand soll es gehen: Die Sportvereine wollen ihre Stadien wieder füllen.
Mit genügend Abstand soll es gehen: Die Sportvereine wollen ihre Stadien wieder füllen.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Ein Schutzkonzept liegt bei ihm auf dem Tisch, darin sind An- und Abreise der Fans geregelt, der Einlass, der WC-Besuch. Die Spiele finden ohne Gästefans und Stehplätze statt, dafür mit Maskenpflicht. Singen kann man auch verhüllt. Das St. Galler Konzept liegt damit voll auf der Linie des gestrigen Communiqués der Swiss Football League, das auf die triste Lage der Branche aufmerksam machen wollte.

Es ist die neue Art des Lobbyierens der Sportwelt. Die Funktionäre wollen die entscheidenden Politiker mit gut präparierten Schutzkonzepten überzeugen. Manche Vereine ziehen dabei besondere Register. Der SC Bern hat mit 17000 Plätzen eine der grössten Eishockeyarenen Europas. Bei solchen Fakten zieht sich in manchem Virologen etwas zusammen. Auch darum hat der Berner Club Daniel Koch beigezogen. Mister Corona soll dem Konzept eine grösstmögliche Chance auf Bewilligung geben. «50 bis 60 Prozent Auslastung wäre für uns eine vernünftige Lösung», sagt CEO Marc Lüthi, der auf die Stehplätze verzichten würde. Lüthi, ein gerader Typ, sagte jüngst, dass es keine Rangliste im Beschissengehen gebe, doch den SCB ohne Mäzen treffe es ganz hart. Bleibt es bei der 1000er-Grenze, wäre das auf Dauer «nicht verkraftbar».

Daniel Koch berät den SC Bern bei der Erstellung des Schutzkonzeptes.
Daniel Koch berät den SC Bern bei der Erstellung des Schutzkonzeptes.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Tatsächlich hat das Denken in Tabellenform bei vielen Clubs abgenommen, sie denken in diesen Tagen in Liquiditätsplänen. Wie lange reicht das Geld noch? Die Dringlichkeit ist bei allen ziemlich ähnlich, bloss die Eloquenz variiert von Club zu Club. Wanja Greuel, CEO der Young Boys, malt mit dem ganz dicken Pinsel: «Wird die 1000-Personen-Limite verlängert, dann gute Nacht!» Er spricht von einem «Dolchstoss» und dass er sich in einen Abgrund geschubst fühle. Ähnlich dystopisch liest sich auch die Mitteilung der Fussballliga: Gebe es keine Lockerung, «werden viele Fussballclubs nicht überleben». Auf dem Spiel stehe nicht weniger als «ein wichtiger Teil unserer Schweizer Kultur». Sicher ist, dass 3000 Arbeitsstellen bedroht sind.

Das Stadion zur Hälfte füllen reicht nicht zum Überleben

Heinrich Schifferle ist ein Mann mit trockenem Humor. Also sagt der Präsident der professionellen Fussballliga, die Meisterschaft, die werde es in einem halben Jahr schon noch geben: «Ich weiss einfach nicht, wie professionell sie noch sein wird, wenn die Voraussetzungen so bleiben,wie sie jetzt sind.» Für Schifferle ist klar, dass viele Vereine nicht einmal dann über die Runden kommen werden, wenn sie tatsächlich wieder die Hälfte ihrer Stadien füllen dürften.

Um so wichtiger wären die Notkredite, die der Bund für die Proficlubs bereithält. Pro Saison ohne Zuschauer stellt der Bundesrat den Fussballern maximal 100 Millionen Franken als Darlehen zur Verfügung, für die Eishockeyaner sind es zweimal 75 Millionen. Was gut klingt, hat einen entscheidenden Haken: Die Ligen müssen solidarisch für die von den einzelnen Clubs bezogenen Darlehen haften. Nun hat die Liga aber keine eigenen Einnahmen, sondern nur solche, die sie wieder unter ihren Vereinen verteilt. Zum Beispiel TV-Gelder. Womit schliesslich alle Clubs weniger Geld von der Liga erhalten würden, wenn diese für einen geplatzten Corona-Kredit geradestehen müsste.

Singen könnte man auch verhüllt: Anhänger des FC Sion mit Gesichtsmaske beim Heimspiel gegen St. Gallen.
Singen könnte man auch verhüllt: Anhänger des FC Sion mit Gesichtsmaske beim Heimspiel gegen St. Gallen.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Für Schifferle steht fest: «Es kann doch nicht sein, dass alle anderen für Geld geradestehen, das ein Einzelner bezieht.» Die Fussballliga hat darum versucht, mit dem Bund einen neuen Vertrag auszuhandeln. Ohne Erfolg. «Das Problem ist, dass wir auf Beamtenstufe auf Granit beissen», sagt Schifferle. Vor einer Woche kam die letzte Absage des Bundesamt für Sport. Dort sagt Sprecher Christoph Lauener: «Es gibt momentan nichts zu verhandeln. Die Verordnung ging durch den Bundesrat und das Parlament jetzt noch etwas ändern zu wollen, ist zwecklos.»

Es ist eine paradoxe Situation. Eigentlich liegen 350 Millionen Franken für die beiden Profiligen bereit. «Aber die Hürden sind so hoch, dass niemand an das Geld kommt», sagt Schifferle. Und das, obwohl er überzeugt ist, dass fast alle Clubs demnächst auf die Darlehen angewiesen sind: «Sogar jene, die jetzt noch denken, dass es auch ohne geht.»

Zwei valable Möglichkeiten für eine Korrektur gäbe es. Entweder wird der Bundesrat oder das Parlament von sich aus tätig, weil sich die Lage verschärft. Was bei einer anhaltenden Zuschauerbegrenzung wohl der Fall wäre. Oder die Clubs machen es wie Matthias Hüppi in diesen Tagen, sie weibeln geschickt bei den Parlamentariern und können so einen entsprechenden Vorstoss lancieren. Schifferle sagt: «Die Clubs müssen die Parlamentarier überzeugen, die eine persönliche Beziehung zu einer lokalen Mannschaft haben.»

Die medizinischen Aspekte sprechen eine deutliche Sprache

Neben ökonomischer Argumente gibt es in der Sache auch die medizinischen Aspekte. In den USA hat eine aktuelle Studie festgestellt, dass in einer Stadt die Anzahl an Grippetoten ansteigt, sobald sich dort ein Team aus einer der vier grossen Profisportligen ansiedelt. Während der Spielzeiten von American Football, Baseball, Basketball und Eishockey steigt in diesen Städten gemäss Studie die Sterblichkeit an Grippe um zwischen 5 und 24 Prozent an. Den grössten Einfluss haben Eishockeyteams. Die Schlussfolgerung für Wirtschaftsprofessor Brad Humphreys von der Universität West Virginia: «Lasst die Fans nicht zurück ins Stadion.»

Ähnlich denkt man offenbar auch in der Taskforce des Bundes. Die Experten sind mehrheitlich der Ansicht, dass es bei einem R-Wert um 1 kaum Spielraum gebe, sonst drohe wieder exponentielles Wachstum bei den Infizierten.

So oder so wird der Bundesratsentscheid Unverständnis auslösen – entweder bei den Lockerungsbefürwortern oder bei ihren Gegnern. In jedem Fall stimmt, was Peter Jakob, Präsident der Langnau Tigers, sagt: «Es wird ein Gemurks.»