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Nachhaltiges DuschmittelSie macht Urin zu Seife – mit einem einfachen Trick

Man pinkelt in den Becher, mischt Tonerde dazu – fertig ist das Duschmittel. Petra Wyss aus Seftigen hofft, dass bald mehr Leute mit ihrem eigenen Urin duschen.

Petra Wyss zeigt in ihrer Wohnung in Seftigen das Produkt ihrer Bachelorarbeit.
Petra Wyss zeigt in ihrer Wohnung in Seftigen das Produkt ihrer Bachelorarbeit.
Foto: Ruben Wyttenbach

Als Petra Wyss ihr Thema für die Bachelorarbeit erstmals vorstellte, stiess sie, so erzählt sie, auf Gegenwind. Seife aus Urin? Ist das wirklich eine gute Idee?, fragten die Dozenten des Objektdesign-Studiengangs an der Hochschule Luzern. Wer soll denn so was kaufen? Doch: Petra Wyss machte es trotzdem.

Ein halbes Jahr später sitzt sie am Tisch in ihrer Wohnung in Seftigen, vor ihr ein Becher und ein Säckchen Tonerde-Gemisch. Es ist der Prototyp eines Produkts, das sie marktfähig machen will: Man füllt die Tonerde in den Becher, hängt diesen beim Duschen an die Duschstange und pinkelt rein, schliesst den Becher und schüttelt. Das Gemisch ist dann ein nachhaltig und regional produziertes Duschmittel. Seit Monaten duscht Petra Wyss so. Und sie riecht ganz normal.

Kein Palm- oder Kokosöl

Petra Wyss, die in Sigriswil aufgewachsen ist, hatte zunächst Innenarchitektur studiert, bevor sie sich dem Objektdesign widmete. «Ich gehe gerne ins Detail», sagt die 25-Jährige. Am Bereich Design gefalle ihr, dass man viel Zeit auf eine kleine Fläche konzentrieren könne. «Mir ist wichtig, konsequent und kompromisslos zu sein» – das könne auch stur wirken. «Wenn ich Produkte sehe, die nicht durchdacht sind, ärgert mich das.»

Das ist das Produkt: Ein Becher und eine Tonerde-Mischung.
Das ist das Produkt: Ein Becher und eine Tonerde-Mischung.
Ruben Wyttenbach

«Eigentlich könnte man nur mit Urin duschen.»

Petra Wyss

Sie selber kauft im Hoflädeli ein, T-Shirts habe sie schon ewig nicht mehr gekauft. Die Wohnung ist minimalistisch eingerichtet, unnötiger Kram steht nicht rum. «Ich habe mich des Themas Seife angenommen, weil ich meinen ökologischen Fussabdruck weiter verkleinern wollte.» Duschmittel braucht jeder und nicht in kleinen Mengen, die meisten Seifen enthalten jedoch Kokos- oder Palmöl und sind in Plastikflaschen abgefüllt. Alternativ könnte man bei der Herstellung zum Beispiel Olivenöl nutzen – aber regional produziert wäre auch das nicht.

Urinwäscher – ein alter Beruf

Bei ihrer Recherche stiess Petra Wyss auf den Beruf «Urinwäscher». Im alten Rom reinigten Urinwäscher Stoffe mit Urin, den sie in der ganzen Stadt einsammelten. Sie las weiter und erfuhr, dass bei Naturvölkern verschiedenster Erdregionen Urin reinigend verwendet wurde und wird. Das Prinzip sei einfach, erklärt sie: Wasser hat eine gewisse Oberflächenspannung; darum fliesst es zum Beispiel auf der Haut um Dreckpartikel herum. Seife setzt die Oberflächenspannung herab, dadurch nimmt das Wasser den Dreck auf und wäscht ihn weg. Urin hat ebenfalls eine geringe Oberflächenspannung, sprich: «Eigentlich könnte man nur mit Urin duschen.» Urin an sich sei wie Seifenwasser – mit nur einem Nachteil: Wir ekeln uns davor.

«Dieser Ekel ist uns anerzogen», sagt Petra Wyss. «Kinder haben keinen Ekel vor Ausscheidungen. Sie spielen damit.» Erst durch die Erziehung betrachte man Urin als Abfallprodukt, und Abfall müsse wohl eklig sein. «Ich frage mich: Ist eine Flüssigkeit, die aus meinem Körper kommt, tatsächlich ekliger als das Mittel aus der Flasche, von dem ich keine Ahnung habe, was drin ist oder wie es produziert wurde?» Darum habe sie es einfach ausprobiert. «Ich habe ein Glas mit in die Dusche genommen und reinuriniert», erzählt Petra Wyss. Doch ihr Kopf spielte nicht mit. «Ich stand in der Dusche und dachte: Nein, was mache ich hier?» Erst als sie den Urin in eine leere Shampoo-Flasche füllte, habe sie ihn als Duschmittel nutzen können.

«Es kommt aus meinem eigenen Körper – es ist nichts Grusiges.»

Petra Wyss

So wurde genau das zum Kernpunkt ihrer Bachelorarbeit: «Wie kann ich Urin gesellschaftsfähig machen?» Mit dem Urin hatte sie eine fixfertige Seife, sie habe ihn nur so verändern müssen, dass er nicht mehr eklig erscheint. «Das Wichtigste ist der Duft», sagt Petra Wyss. «Viele sagen: Ja, ich würde mich mit Urin waschen, aber nur, wenn es nicht stinkt.» Sie hat ein Gemisch aus Tonerde und Kräutern entwickelt, das dem Urin einen erdig-herben Geruch verleiht und die Farbe ändert. Für ihre Bachelorarbeit erhielt sie kürzlich einen Design-Förderpreis.

Ziel: Eine eigene Firma

Noch gibt es von ihrem Produkt jedoch nur «ungefähr Hundert Versuchsversionen» und den einen Prototyp-Becher, den Petra Wyss selber nutzt. Seit dem Studienabschluss arbeitet sie Vollzeit in einer Schreinerei in Thun. «Ich möchte mein Projekt weiterverfolgen und eine Firma gründen», sagt sie. Konkret seien die Pläne noch nicht, «es ‹ratteret› jedoch ständig in meinem Kopf». Einen grossen Markt für die Urinseife wird es wohl nicht geben, sagt Petra Wyss. «Aber ich glaube, es gibt schon jetzt mehr Leute, die Urin im Alltag verwenden, als man denkt. Das ist halt nicht etwas, über das man beim Znüni spricht.»

Und was hält sie davon, dass sie jetzt als Urin-Frau in der Öffentlichkeit steht? Sie zuckt mit den Schultern. Egal. «Es ist nichts Grusiges. Es kommt aus meinem eigenen Körper – es ist wirklich nichts Grusiges.»