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So tickt die SCB-Sportchefin«Sicher kann ich das»

Florence Schelling ist die erste Sportchefin im globalen Spitzeneishockey. Eine Annäherung an die 31-jährige Pionierin.

Lächeln ist Programm: SCB-Sportchefin Florence Schelling ist fast immer gut gelaunt.
Lächeln ist Programm: SCB-Sportchefin Florence Schelling ist fast immer gut gelaunt.
Foto: Raphael Moser

Es gibt da diese Aussage aus dem Jahr 2013, die aus einem Interview mit der «Limmattaler Zeitung» stammt. Nach welchen Kriterien sie einen Goalie verpflichten würde, wurde Florence Schelling gefragt. «Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht – zum Glück bin ich kein Sportchef», antwortete Schelling damals.

Mittlerweile ist die Zürcherin Sportchefin, und zwar beim SC Bern, dem populärsten Club des Landes, als weltweit erste Frau im professionellen Männereishockey. Zuvor hat sie als Nationaltrainerin des U-18-Frauenteams fungiert. Es ist, als wäre eine Globus-Kassiererin direkt zur Finanzchefin einer Migros-Genossenschaft aufgestiegen. «Es ist ein riesiger Schritt. Da gibt es nichts kleinzureden», gibt Schelling freimütig zu und lacht dabei herzlich. Das tut sie im Gespräch immer wieder.

Widerstände dienen als Ansporn

Schelling war jahrelang das Gesicht des Schweizer Fraueneishockeys. Das hatte in erster Linie mit ihren aussergewöhnlichen Fähigkeiten zwischen den Pfosten, aber auch mit ihrer Eloquenz zu tun. Das einnehmende Lachen darf jedoch über eines nicht hinwegtäuschen: Die Zürcherin weiss genau, was sie will. Das wusste sie schon immer. Im Alter von vier Jahren wurde sie von ihren Brüdern für deren Schussübungen ins Tor gestellt, und schon bald war ihr klar, dass sie Eishockey spielen wollte. Widerstände schreckten sie nicht ab, im Gegenteil: Sie dienten als Ansporn. «Während meiner Karriere hat es stets geheissen: Das kannst du nicht. Ich sagte: Sicher kann ich das. Ich arbeite hart, bin ehrgeizig und zielorientiert – ob ich nun das einzige Meitli in einem Bubenteam war oder jetzt die einzige Frau als Sportchefin im Männerhockey bin. Für mich ist das ganz normal», erzählt sie.

«Nicht einmal Mark Streit, Roman Josi und John Tavares zusammen haben so viel Arbeit verursacht wie Florence.»

Christian Dick, SCB-Medienchef

Die Geschlechterfrage ist für sie daher kein grosses Thema. Für viele andere aber schon. Als der SCB am 8. April die Verpflichtung Schellings bekannt gab, löste dies ein gewaltiges Medienecho ausauch international. SCB-Medienchef Christian Dick wagt einen Vergleich mit dem NHL-Lockout 2012/13, als zahlreiche Stars in der Schweiz anheuerten. «Nicht einmal Mark Streit, Roman Josi und John Tavares zusammen haben so viel Arbeit verursacht wie Florencesie hat in meiner Amtszeit als Pressechef alles übertroffen», sagt Dick. Obwohl immer noch etliche Anfragen offen sind, hat die 31-Jährige seit dem 8. April über 70 Interviews gegeben, rund 40 davon in den ersten Tagen nach der Medienmitteilung. Dick war beeindruckt, wie Schelling den Rummel um ihre Person bewältigte. «Erst nach drei Tagen Interview-Marathon sagte sie, jetzt sei sie am Limit. Ich hatte diese Rückmeldung deutlich früher erwartet.»

Marc Lüthi: «Überlegt, extrem fleissig und sehr tough»

Berns Verteidiger Eric Blum kündet seine Antwort zur Geschlechterfrage gleich selber als langweilig an: «Für mich spielt es keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann Anweisungen gibt.» Ihm sei aber der Gedanke gekommen: «Krass, es gab noch keine Frau auf dieser Welt mit diesem Job. Hockey ist offenbar eine extreme Männerdomäne. Darüber habe ich mir vorher null Gedanken gemacht.» Im ersten Gespräch empfand Blum die neue Sportchefin als «sehr kommunikativ und offen. Sie scheint nahe am Puls zu sein.» Marc Lüthi, der Chef des letzten Schweizer Meisters, gerät ins Schwärmen, wenn er über die neue Angestellte spricht. Was wenig überraschend kommt, schliesslich war die ungewöhnliche Idee die seine. Lüthi beschreibt Schelling als «überlegt, extrem fleissig und sehr tough».

Posieren am Aargauerstalden: Florence Schelling gefällt es in Bern, aber sie hat auch in Zürich eine Wohnung.
Posieren am Aargauerstalden: Florence Schelling gefällt es in Bern, aber sie hat auch in Zürich eine Wohnung.
Foto: Raphael Moser

Letzteres bewies sie während ihrer Laufbahn, denn sie setzte sich überall durch: in Boston (USA), in Brampton (Kanada), in Linköping (Schweden) und auch in Bülach in der ersten Liga der Männer. 2014 in Sotschi, wo die Schweizerinnen Bronze gewannen, wurde sie zur besten Spielerin des Olympiaturniers gewählt. Sie kehrte für die Olympiasaison übrigens in die Schweiz zurück, weil sie das Niveau in der kanadischen Frauenliga als nicht hoch genug einstufte, nachdem klar gewesen war, dass die Nationalspielerinnen der USA und von Kanada nicht mitspielen würden.

Allein dass sie das Jobangebot aus Bern annahm, zeigt, wie tough und selbstbewusst die ehemalige Torhüterin ist. Einerseits war sie ein gutes Jahr nach ihrem schweren Skiunfall, bei dem sie den sechsten Halswirbel gebrochen hatte, erst zu 50 Prozent arbeitsfähig, andererseits war ihre Amtszeit beim Verband kein durchschlagender Erfolg gewesen. Sie wäre als U-18-Nationaltrainerin sowieso abgelöst worden.

Der Auftritt mit Folgen in Ittigen

Der Hintergrund dürfte eine Episode sein, die der frühere Nationalmannschaftsdirektor und heutige HCD-Sportchef Raeto Raffainer schildert: «Es war an einer Sitzung mit dem Nationalmannschaftskomitee Mitte Februar in Ittigen. Florence hatte gerade einmal ihre erste Saison als Headcoach der U-18-Frauen hinter sich. Sie kam rein, zeigte eine Powerpoint-Präsentation, machte aber nicht nur ein Debriefing ihrer Saison, sondern sie sagte Lars Weibel, Daniela Diaz und Michael Rindlisbacher mehr oder weniger auch gleich noch, was man im Fraueneishockey verbessern müsse, um vorwärtszukommen.» Raffainer fand Schellings Auftritt bemerkenswert und «sehr cool» – bei anderen kam er weniger gut an.

«Bei uns hatten alle Kandidaten am Ende eine Note. Es blieben drei Trainer übrig. In der Geschäftsleitung wurde der Entscheid getroffen. Das Resultat ist Don Nachbaur als Headcoach.»

Florence Schelling, SCB-Sportchefin

Die Zürcherin, die im Breitenrain eine Wohnung bezogen hat, schreckt offensichtlich nicht davor zurück, andere vor den Kopf zu stossen. Jedenfalls lehnten es mehrere angefragte Personen ab, für diesen Artikel über sie Auskunft zu geben – darunter frühere Mitspielerinnen.

Auf jeden Fall sorgt die Sportchefin mit Universitätsabschluss in Wirtschaft beim SCB für frischen Wind. Die Trainerwahl bereitete sie mit einem Kriterienkatalog vor. Die 60 Anforderungen wurden mit «sehr wichtig – 3 Punkte», «durchschnittlich wichtig – 1 Punkt» und «nicht wichtig – 0 Punkte» unterteilt. «Die Interviews mit den Kandidaten wurden basierend auf diesen Kriterien geführt», erzählt sie. «Mit diesem Vorgehen können Antworten gewichtet und objektiviert werden. Bei uns hatten alle Kandidaten am Ende eine Note. Es blieben drei Trainer übrig. In der Geschäftsleitung wurde der Entscheid getroffen. Das Resultat ist Don Nachbaur als Headcoach.»

Wenn die Sportchefin das Vorgehen erklärt, ist ihre Begeisterung für den neuen Job spürbar. Die Frage nach ihrer Vision in Bern lässt sie unbeantwortet. Dennoch gibt es kaum Zweifel: Florence Schelling weiss, was sie will, wohin sie will.