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Theater in BernShakespeare mit Slapstick

Pünktlich zum Herbstanfang fegt William Shakespeares «Der Sturm» über die Bühne im Theater an der Effingerstrasse. Eigenwillig und zauberhaft.

Hans Danner, Gulshan Sheikh und Mirko Roggenbock (v.l.n.r.) wechseln im Laufe des Stücks immer wieder ihre Rollen.
Hans Danner, Gulshan Sheikh und Mirko Roggenbock (v.l.n.r.) wechseln im Laufe des Stücks immer wieder ihre Rollen.
Foto: Severin Nowacki

Ein Windrad als Symbolbild auf dem Plakat vor dem Effingertheater scheint hier sinnbildlich für zwei Dinge zu stehen: Es wird Shakespeares «Der Sturm» gespielt, und es weht ein neuer Wind. Alexander Kratzer hat die Leitung des Hauses von seinem Vorgänger Markus Keller übernommen. Im ersten Stück der neuen Spielzeit führt der 49-jährige Deutsche gleich selbst Regie.

Shakespeares «Der Sturm» kommt in einer Fassung von Joachim Lux zwar in komprimierter, aber textnaher Form auf die Bühne. Zwei Schauspieler (Hans Danner, Mirko Roggenbock) und eine Schauspielerin (Gulshan Sheikh) rocken die Bühne und begeistern in Mehrfachbesetzungen.

In Shakespeares «Der Sturm» herrscht ein ziemliches «Gestürm», bis es am Ende zur grossen Versöhnung kommt. Prospero, der Herzog von Mailand, wurde von seinem eigenen Bruder vertrieben und lebt fortan entmachtet mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel. Er überwindet schliesslich mittels Magie seine Feinde – er schickt einen Sturm, der sie zu Schiffbrüchigen macht – und kann seine Tochter mit dem Sohn eines Gegners verheiraten. Die wahren Helden der Story: Caliban, ein Hexensohn, den Prospero sich als Sklaven hält, und Ariel, ein Luftgeist, der ihm zu Diensten steht und den titelgebenden Sturm auslöst.

Trashige Treibhauswelt

Da Shakespeare das Stück gegen Ende seines Lebens schrieb, wurde Prospero oft als Alter Ego des Dichters gedeutet, der am Ende der Magie – als Sinnbild für die Dichtkunst – abschwört. Man kann aber in Prospero auch einen üblen Kolonialherren sehen, der Caliban, den einzigen Einheimischen auf der Insel, ausbeutet. Doch zuallererst soll das Stück eine «zauberhafte Komödie» sein.

Bis der Zauber auf der kleinen Bühne im Effingertheater wirkt, dauert es eine Weile. Das liegt an der eigensinnigen Umsetzung. Die Insel ist hier ein Treibhaus (Ausstattung: Katia Bottegal), Ariel (Mirko Roggenbock) wirbelt mit Ventilatoren Styropor über die Bühne, und Caliban (Gulshan Sheikh) trägt eine Kopfbedeckung, die an einen Imker erinnert. Ist man als Zuschauerin erst einmal in dieser trashigen Welt aus Topfpflanzen und PET-Flaschen angekommen, ergeben sich durchaus poetische Momente. Die Musik (Gilbert Handler) treibt die Handlung mal rhythmisch-rasant voran, mal untermalt sie den kitschig-lieblichen Gesang Ariels.

Die Regie setzt auf viel Tempo und Slapstick und lässt die auf der Insel gestrandeten Trunkenbolde Stephano (Mirko Roggenbock) und Trinculo (Hans Danner) herumtorkeln, was das Zeug hält. Ein grosser Bühnenmoment gelingt, als Caliban Stephano zu seinem neuen Herrn machen möchte und plant, sich gegen Prospero aufzulehnen.

Die Schauspielerin Gulshan Sheikh, die in Hamburg und Bern lebt, steht erstmals in ihrer Heimatstadt auf der Bühne. Für ihre Tanz- und Gesangseinlage, in der sie den Aufstand probt, erhält sie Szenenapplaus. Sheikh gelingt es, sich in Sekundenschnelle von dem angeblich potthässlichen Caliban in die wunderschöne Miranda zu verwandeln, allein indem sie ihre Haltung, Gangart und Mimik verändert.

Nebst dem Treibhaus, das an eine Seuchen-Station erinnert, gibt es auch explizite Bezüge auf die aktuelle Lage. «Abstand halten» brüllen sich die Schiffbrüchigen einmal zu und grüssen einander per Ellenbogen. Kann man machen.

Nächste Vorstellung: Sa, 26.9., 20 Uhr, Theater an der Effingerstrasse, Bern.