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Zweifacher MeistertrainerSeoane tritt aus Hütters Schatten

Der YB-Trainer macht sich mit seinem zweiten Meistertitel fürs Ausland interessant. Er will aber weiterhin in Bern bleiben.

Mit Meisterzigarre: Gerardo Seoane feiert seinen zweiten Titel mit YB.
Mit Meisterzigarre: Gerardo Seoane feiert seinen zweiten Titel mit YB.
KEYSTONE/Alessandro della Valle

Am Freitag wird das Spielfeld im Stade de Tourbillon vor Mitternacht zum Rückzugsort. Zur Gelegenheit, innezuhalten, den Erfolg im Stillen zu geniessen. YB-Mittelfeldspieler Gianluca Gaudino schlendert mut­ter­see­len­al­lein über den Platz, die Hand im Hosensack, das Smartphone am Ohr.

Eine Stunde zuvor schleppten sich hier die Young Boys auf den letzten Metern des Meisterrennens über die Ziellinie. Das titelbringende 1:0 bei Sion war erlitten, erkämpft, am Ende gar erzittert. Es erzählte die Geschichte der Young Boys in dieser Saison in neunzig Minuten noch einmal nach.

Leicht fiel ihnen eine Darbietung selten. Sie hatten nicht mehr die Wucht der Vorjahre, nicht dieselbe Klasse. Sie, die letztes Jahr den Torrekord in der Super League gebrochen hatten, mussten einen anderen Weg zum Erfolg suchen. Sie fanden ihn in der defensiven Stabilität. Die Resultate vor Titel Nummer 14: 1:0 in Neuenburg, 1:0 gegen Luzern, 1:0 in Sitten.

Die Genugtuung des Trainers

Und plötzlich ist es im Tourbillon vorbei mit der Ruhe. Trainer Gerardo Seoane, eigentlich ein Meister der Beherrschung, stürmt auf den Platz, sendet Livebilder via Smartphone zu Bekannten. Er springt. Er schreit. Er ist überschwänglich. Und vergisst, dass es noch ein paar Beobachter im Stadion hat.

Die Szene zeigt, wie hoch der Spannungsabfall beim 41-Jährigen sein muss. Beim Medientermin am Samstagmittag in Bern wirkt Seoane gelöst. Er sagt: «Ich verspüre eine grosse Freude und Genugtuung.»

Feiert ausgelassen: Gerardo Seoane verspürt Genugtuung.
Feiert ausgelassen: Gerardo Seoane verspürt Genugtuung.
Freshfocus/Pascal Müller

Seoanes Stimme ist belegt, es wurde spät im Logenbereich des Wankdorfs. Als er Fassnacht und Lustenberger sieht, die sich für Interviews bereithalten, Aebischer und von Ballmoos, später auch Sportchef Spycher, herzt er sie alle. Es scheint, als könnte Seoane die ganze Welt umarmen.

Auch wenn er nun davon redet, dass der Einfluss eines Trainers immer gleich sei, wird er ahnen, dass dieser Titel seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verändern dürfte. Letztes Jahr stand die Mannschaft im Zentrum – es wird vielleicht nie mehr ein so starkes YB-Team wie jenes 2018/2019 geben. Seoane selbst positionierte sich 2018, in seiner Anfangszeit in Bern, als Verwalter des Erbes von Adi Hütter. Der erwartete Umbruch, ein Punkt in den Bewerbungsgesprächen, erfolgte erst später. Sanogo ging im Winter 2019, im Sommer folgten Mbabu, Benito und Sow. Von Bergen, der langjährige Captain, trat zurück.

Das Bekenntnis zu YB

Seoane musste eine neue Defensive installieren. Ein Unterfangen, das gerade durch den Schienbeinbruch Mohamed Camaras erschwert wurde. Der Guineer sollte mit Captain Fabian Lustenberger das Abwehrzentrum bilden. Erstmals zusammen spielten die beiden Mitte Juli beim 4:2 gegen Servette, ein Jahr nach dem Saisonstart. Erst mit diesem Duo fanden die Young Boys konstant zur defensiven Stabilität. Seoane nennt es eine Saison voller Widerstände. «Wir waren diesmal alle stärker gefordert.»

Seoane spricht selten in der Ichform, lieber redet er vom Weg, auf dem «wir uns befinden». Doch er kann sich hinter dem Plural verstecken, wie er will. Er ist eine zentrale Figur dieses Titels.

Seoane hat wie sein Vorgänger Hütter die Qualitäten, in einer der europäischen Topligen tätig zu sein. Er spricht fünf Sprachen, ist taktisch variabel. Die Frage ist, wann er den Schritt anstreben will. Gerne und oft wurde Seoane nachgesagt, spätestens nach dem zweiten Titelgewinn sei er weg – zumal ihm nicht erst seit seinem raschen und abrupten Abgang aus Luzern vor zwei Jahren der Ruf des Karrieristen anhängt. Am Samstag sagt er: «Im Moment habe ich nur YB im Kopf. Ich habe in den letzten Monaten keinen einzigen Gedanken daran verschwendet , ob es für mich einen anderen Weg geben könnte

Meisterduo: Trainer Seoane und Torjäger Jean-Pierre Nsame am Samstag in Bern.
Meisterduo: Trainer Seoane und Torjäger Jean-Pierre Nsame am Samstag in Bern.
KEYSTONE/Peter Klaunzer

Befragt man Seoane zu seiner Zukunft, sagt er, es sei nicht der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel. In einem Sommer, in dem in manchen Ländern die Saison erst zu Ende geht, in anderen die Vorbereitung auf die neue schon begonnen hat. «Es wäre ein Fehler, jetzt etwas erzwingen zu wollen», sagt Seoane. Der Hauptgrund allerdings sei, sagt der Innerschweizer mit spanischen Wurzeln, dass er sich bei YB enorm wohlfühle.

Die Ungewissheiten im Team

Seoane kommt nun von allein auf die «einschneidenden Veränderungen» zu sprechen, die nach dem Titel-Hattrick anstehen könnten. Wölfli tritt zurück, Sulejmani und Hoarau haben auslaufende Verträge, YB wird wohl höchstens mit einem der beiden verlängern. Und da ist vor allem Jean-Pierre Nsame, der nach 30 Treffern in 31 Ligapartien kaum zu halten sein wird.

Die Young Boys dürften also Mitte September ohne einige zentrale Figuren der letzten Jahre in die Mission Titelverteidigung starten. Beunruhigt wirkt ihr Trainer darob nicht. Er sagt: «Ich freue mich auf die Herausforderungen mit YB.»