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Wahlkampf in der Stadt BernSelbst von Graffenried
hat Wiederwahl nicht auf sicher

Die Parteibündnisse für die Stadtberner Wahlen sind geschlossen. Ein Teil der bisherigen Gemeinderäte muss um die Wiederwahl kämpfen.

Stefan Schnyder, Leiter Ressort Stadt Bern.
Stefan Schnyder, Leiter Ressort Stadt Bern.
Foto: Raphael Moser

Der Wahlkampf für die Berner Stadtregierung ist eröffnet. Er wird spannend sein. Wohl weniger wegen der Sitzverteilung, aber sicher in Bezug auf die Kandidierenden, denen der Sprung in die Stadtregierung gelingen wird. Am Ende könnten die vier Bisherigen Alec von Graffenried (GFL), Franziska Teuscher (Grüne), Michael Aebersold (SP), Reto Nause (CVP) sowie der Neue Bernhard Eicher von der FDP die Wahl schaffen. Mit der unschönen Folge, dass nur noch eine Frau der Stadtregierung angehören würde.

Doch chancenlos sind die Kandidierenden Marieke Kruit (SP), Thomas Fuchs (SVP) sowie der- oder diejenige der Grünliberalen nicht. Und auch Stadtpräsident Alec von Graffenried wird nicht im Schlafwagen in den Gemeinderat einziehen können.

Seit Freitag steht die Mitte-Liste. Die Grünliberalen haben sich nach längerem Zögern mit der CVP, BDP und EVP zusammengeschlossen. Das Mitte-Bündnis hat gute Chancen auf einen Sitz in der Stadtregierung. Der politische Überlebenskünstler Reto Nause (CVP) kann damit mit intakten Chancen eine weitere Amtszeit anstreben.

Auf der rechten Seite des politischen Spektrums haben die FDP und die SVP ein Wahlbündnis geschlossen. Die Parteien haben die Lehren aus dem Debakel von vor vier Jahren gezogen, als sie mit separaten Wahllisten antraten und leer ausgingen. Diese Allianz hat gute Aussichten auf einen Sitzgewinn.

Das heisst wiederum, dass das Rot-Grün-Mitte-Bündnis einen von seinen heute vier Sitzen im fünfköpfigen Gemeinderat verlieren könnte. Weil die Verkehrsdirektorin Ursula Wyss (SP) nicht zur Wiederwahl antritt, befürchtet vor allem die Parteispitze der Sozialdemokraten einen Sitzverlust.

Gewinnen das Mitte- sowie das FDP-SVP-Bündnis je einen Sitz, werden sich die Kräfteverhältnisse im Gemeinderat verschieben. Stadtpräsident Alec von Graffenried könnte bei einer solchen Konstellation das Zünglein an der Waage spielen, seine Lieblingsrolle. Das würde dazu führen, dass besser austarierte und breiter abgestützte Entscheide aus dem Gemeinderat kommen werden. Rot-Grün könnte nicht mehr einfach durchregieren.

Diese Konstellation entspricht nicht dem Wunschszenario der links-grünen Parteistrategen. Ein Teil von ihnen hofft darauf, dass ihre Parteimitglieder Alec von Graffenried auf der Wahlliste streichen werden, sodass dieser am Ende die Wiederwahl nicht schafft. Stimmenverluste drohen dem Stadtpräsidenten aber auch von rechts.

Bei den Wahlen 2016 haben viele Bürgerliche den Namen Alec von Graffenried auf ihren Wahlzettel geschrieben, damit dieser den Sprung in den Gemeinderat schafft und die SP-Kandidatin Ursula Wyss im Kampf ums Stadtpräsidium schlägt.

Auf einen Teil dieser Stimmen von damals wird von Graffenried im November nicht mehr zählen können. Auch weil der Stadtpräsident die Hoffnungen, welche die Bürgerlichen in ihn gesteckt haben, nicht erfüllt hat. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Franziska Teuscher, Michael Aebersold und Marieke Kruit auf der RGM-Liste am Wahlabend vor ihm liegen werden.

Von den anderen Bisherigen kann Franziska Teuscher dem Wahlkampf am gelassensten entgegensehen. Michael Aebersold und Reto Nause dagegen müssen für ihre Wiederwahl kämpfen. Finanzdirektor Michael Aebersold steht in der Öffentlichkeit als Sündenbock für rote Zahlen da, welche die Stadt im Jahr 2019 schrieb. Und mit Marieke Kruit hat er parteiintern eine Herausforderin erhalten, die in der Öffentlichkeit gekonnt auftritt.

Reto Nause kann auch bei den diesjährigen Wahlen mit vielen Stimmen von bürgerlichen Wählern rechnen. Doch sollten die Grünliberalen entweder mit Kathrin Bertschy oder Melanie Mettler beide sind bekannte Nationalrätinnen antreten, wird Nause alle Register ziehen müssen, um die Wiederwahl zu schaffen. Denn seine Parteibasis ist viel kleiner als diejenige der erstarkten Grünliberalen.

Und schliesslich täuscht sich, wer denkt, dass Bernhard Eicher auf der FDP-SVP-Liste sich gegen den SVP-Vertreter Thomas Fuchs einfach so durchsetzen wird. Die FDP ist aufgrund der Wahlanteile die Juniorpartnerin auf der Liste, und Thomas Fuchs ist ein äusserst erfahrener Wahlkämpfer, der bestens in verschiedenen Vereinen vernetzt ist.

Für Spannung ist also gesorgt. Jetzt ist es an den Kandidaten, die Stimmberechtigten mit guten Ideen für eine moderne und prosperierende Stadt Bern zu überzeugen.