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Coronavirus-SpätfolgenSelbst milde Covid-19-Verläufe können Spuren am Herzen hinterlassen

Auch nach einer überstandenen Corona-Infektion bleibt der Herzmuskel oft entzündet. Viele Patienten klagen zudem noch Monate später über Atemnot und Müdigkeit.

Patient bei der Corona-Nachsorge in Italien. Auch nach einer überstandenen Infektion klagen viele Betroffene über Müdigkeit oder Schwierigkeiten beim Atmen.
Patient bei der Corona-Nachsorge in Italien. Auch nach einer überstandenen Infektion klagen viele Betroffene über Müdigkeit oder Schwierigkeiten beim Atmen.
Foto: Marco Di Lauro/Getty Images

Welche Folgen eine Infektion mit Sars-CoV-2 mittel- und langfristig für Patienten haben kann, ist auch Monate nach den ersten Krankheitsfällen noch unklar. Inzwischen ist bekannt, dass fast alle Organe vom neuartigen Coronavirus betroffen sein können.

Ob daraus jedoch bleibende Funktionseinschränkungen oder Gewebeschäden resultieren, ist weiterhin ungewiss. Kardiologen der Universitätsklinik Frankfurt berichten nun im Fachmagazin JAMA Cardiology davon, dass sogar eine mild verlaufende Infektion das Herz dauerhaft beeinträchtigen kann.

Die Herzexperten um Valentina Puntmann haben 100 Patienten mit Covid-19 in ihre Untersuchung eingeschlossen und im Mittel 71 Tage nach der Diagnose im Kernspin untersucht. Das Durchschnittsalter der Erkrankten lag bei 49 Jahren.

Bei immerhin 78 Prozent der Teilnehmer fanden sich auch zwei bis drei Monate nach der Erkrankung weiterhin Auffälligkeiten in der Magnetresonanz-Untersuchung. 60 Prozent wiesen Zeichen auf, die für eine Entzündung des Herzmuskels sprechen.

18 Patienten verspürten überhaupt keine Symptome.

«Besonders besorgniserregend ist, dass sich eine Infektion offenbar unabhängig von der Schwere, von bestehenden Vorerkrankungen und dem Verlauf der Akuterkrankung langfristig im Herzen manifestieren kann», schreiben die Autoren.

Schliesslich hatten zwei Drittel der Patienten nur milde bis mässige Beschwerden und konnten deshalb die Krankheit zu Hause auskurieren; 18 von ihnen verspürten sogar überhaupt keine Symptome. Nur zwei Patienten mussten künstlich beatmet werden, sodass es in der untersuchten Gruppe kaum schwere Verläufe gab.

Entzündung als Reaktion auf Covid-19

Für das Ärzteteam war klinisch auffällig, dass 36 Prozent der Patienten auch nach der überstandenen Infektion weiterhin über Kurzatmigkeit und Erschöpfung klagten. Einige wenige hatten Brustschmerzen oder spürbares Herzklopfen. Vor der Virusinfektion war jedoch bei keinem der Teilnehmer eine Herzinsuffizienz oder eine Erkrankung des Herzmuskels bekannt, einige litten allerdings an Bluthochdruck, Diabetes oder einer Verengung der Herzkranzgefässe.

Als typische Veränderungen im Kernspin beobachteten die Frankfurter Ärzte diffuse Narben und Ödeme, wie kleine Flüssigkeitsansammlungen genannt werden. Diese Zeichen fanden sich im Herzmuskel wie im Herzbeutel, sodass die Mediziner von einer weiter bestehenden Entzündung der beiden Gewebeschichten ausgehen.

Die Gewebeprobe bei einigen Patienten bestätigte diesen Verdacht, dort liessen sich Lymphozyten und andere Entzündungszellen nachweisen – aber keine Spuren von viralem Erbgut. Das spricht dafür, dass die Entzündung nicht durch Sars-CoV-2 direkt ausgelöst wurde, sondern im Rahmen einer Reaktion des gesamten Organismus auf den Erreger.

Auffälligkeiten auch in Wuhan

Bereits im Mai hatten Kardiologen aus dem chinesischen Wuhan von Auffälligkeiten am Herzen nach überstandener Covid-19-Erkrankung berichtet. Die Patienten aus China waren mit durchschnittlich 38 Jahren vergleichsweise jung und hatten ebenfalls zumeist nur leichte bis mittelschwere Verläufe. Auch sie wiesen Narben und Ödeme in Herzmuskel und Herzbeutel sowie eine leichte Einschränkung der Herzfunktion auf.

Vor Kurzem hatten Ärzte aus Innsbruck von Patienten berichtet, in deren Lunge sich mehrere Monate nach der Erkrankung noch deutliche Zeichen einer Infektion fanden, darunter auffällige Veränderungen im Röntgenbild wie Narben und bindegewebige Septen.

Für das Herz wie die Lunge gilt allerdings, dass die Befunde in der Bildgebung nicht automatisch bedeuten, dass die Funktion tatsächlich dauerhaft beeinträchtigt ist und Schäden bleiben. Das können erst Untersuchungen in den nächsten Jahren zeigen.

102 Kommentare
    Burkard Markus

    Die Durchseuchung in den Slums von Mumbai beträgt 60%! In einem der ärmsten Winkel der Erde! Weitesgehend innapparente Verläufe. Was also heisst oft und viel? Dass Schwerstkranke generell Residualsymptome über längere Zeit aufweisen ist so gut wie bei jedem Patienten der Fall, wenn man denn genau hinschaut. Selbst bei einer von vielen schon fast als selbstverständlich und banal erachteten Appendicitis perforata (Blinddarmdurchbruch) dauert die vollständige Rekonvalenzenz bis zum kompletten Abklingen der letzten Symptome oft wesentlich länger als die Hospitalisationsdauer, das heisst Wochen bis Monate. Aber diese Tatsache journalistisch gerade jetzt so ins Rampenlicht rücken, wo es ja ein bekannter medizischer commen fact ist, dient mehr der Dramatisierung, denn der Wissensmehrung und Information. Hospitalisiert wird ja nur der kleine Teil der Schwererkrankten.