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Besucherschwund wegen CoronaSchweizer Kinos verlieren mehr als die Hälfte der Eintritte

Nach dem Lockdown kehrt das Publikum nur zögerlich in die Säle zurück, Hollywood-Blockbuster fehlen. Für viele Kinobetreiber gehts jetzt um die Existenz.

Auch das Kino Odeon in Morges blieb während des Corona-Lockdown geschlossen.
Auch das Kino Odeon in Morges blieb während des Corona-Lockdown geschlossen.
Foto: Keystone

Klar, niemand durfte erwarten, dass nach dem Lockdown alles so weitergehen würde wie zuvor. Geschweige denn, dass es zu einem Ansturm auf Schweizer Kinosäle kommen würde vor lauter Entzugserscheinungen. Für Film- und Serienfans gab es ja Netflix und Co., die sich als valable Corona-Überbrückungshelfer erwiesen – und mehr als das.

Jetzt aber sieht man es deutlich: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Kinoeintrittszahlen in der Schweiz stark eingebrochen. René Gerber, Generalsekretär des Branchenverbands Procinema, beziffert den Rückgang in den ersten vier Wochen seit der Wiedereröffnung auf «70 bis 80 Prozent». Im ersten Halbjahr lag der Rückgang gegenüber 2019 bei etwa 55 Prozent. Das heisst: Es fehlen – im Vergleich zu 2019 – insgesamt 52 Millionen Franken Einnahmen respektive 3,3 Millionen Besucher.

Die bittere Erkenntnis: Nach Ende des Lockdown setzte nur eine bescheidene Erholung ein, und die reicht nicht weit. Manche Kinos kämpfen weiterhin ums Überleben, auch deshalb, weil viele Betreiber immer noch auf die versprochenen Ausfallentschädigungen warten. Die entsprechenden Gesuche werden von Kanton zu Kanton verschieden behandelt. «Viele Kinobetreiber wissen nicht, ob sie Geld erhalten werden, und falls ja, wie viel das sein wird. Das bedroht ihre Existenz.»

Grosse Bedenken bei Filmfans

Nun war der Juli noch nie für besonders stattliche Kinozahlen bekannt – insbesondere dann nicht, wenn zugleich eine Fussball-WM oder -EM stattfand. Aber dieses Jahr ist alles anders. Das Publikum scheint dem Kinobetrieb trotz aller Anstrengungen bezüglich Sicherheitsmassnahmen nicht zu trauen. In einer kürzlich publizierten repräsentativen Umfrage gaben zwar 46 Prozent aller befragten Schweizer an, Kinobesuche während der Schliessung der Säle vermisst zu haben. Gleichzeitig äusserten jedoch 76 Prozent der Befragten grosse Bedenken, jetzt wieder ins Kino zu gehen.

Kommt hinzu, dass aktuell kein Nachschub aus Hollywood kommt. Und das dürfte noch längere Zeit so bleiben, mussten doch in diesen Tagen die Kinos in Kalifornien oder Hongkong wegen ansteigender Corona-Fallzahlen wieder geschlossen werden. Die grossen Filmstudios kämen unter diesen Umständen in gewaltige finanzielle Schwierigkeiten, wenn sie ihre mit zwei- bis dreistelligen Millionenbudgets gedrehten Hochglanzproduktionen jetzt herausbringen würden.

Potenzielle Kassenschlager wie «Tenet», «Mulan» oder «Wonder Woman 1984» werden deshalb immer wieder verschoben, und das betrifft auch den Filmstart in der Schweiz. In der Branche heisst es, dass sogar der James-Bond-Film «No Time to Die» (aktueller Starttermin: 12. November) nochmals verlegt werden könnte.

Was nun? Einige Schweizer Kinos sind in der Not dazu übergegangen, in ihren Sälen Fussballspiele der Super League live zu übertragen. Oder man greift auf Filmklassiker zurück. Was Letzteres betrifft, so stehen demnächst einige mehr oder minder bedeutsame Jubiläen an, etwa beim Kultklamauk «Blues Brothers» von 1980.

Andere Kinos haben sich bemüht, gleich mehrere Filme von Christopher Nolan wieder ins Kino zu bringen. Damit wollten sie den Appetit auf «Tenet» wecken, jenen Nolan-Film, dem das Branchenblatt «Variety» jüngst noch zutraute, ein internationales Kinorevival einzuläuten. Ob und wann dieses Revival stattfindet, scheint derzeit allerdings niemand zu wissen.