Zentimeter um Zentimeter wird ein AKW entsorgt

Das Atomkraftwerk Mühleberg soll 2019 vom Netz gehen und danach bis im Jahr 2034 rückgebaut sein. Dies ist ein ambitionierter Zeitplan, wie ein Besuch beim 1984 stillgelegten Reaktor in Karlsruhe zeigt.

Das Beckenhaus für die Brennelemente des Mehrzweckforschungsreaktors (MZFR) in Karlsruhe konnte abgerissen werden. Dahinter steht noch die Hülle des Reaktorgebäudes.

Das Beckenhaus für die Brennelemente des Mehrzweckforschungsreaktors (MZFR) in Karlsruhe konnte abgerissen werden. Dahinter steht noch die Hülle des Reaktorgebäudes. Bild: Bilder zvg

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Die Wände sind übersät mit aufgesprayten Zahlen und einem Kreuzpunkteraster. Es riecht muffig nach Beton wie in einem Zivilschutzkeller. Der Schutzanzug gibt warm, und man ist froh, sich nicht körperlich anstrengen zu müssen.

Nicht so wie die Arbeiter, die hier seit Jahren mit dem Rückbau des Mehrzweck­forschungsreaktors (MZFR) am Karlsruher Institut für Technologie beschäftigt sind.

Es läuft die letzte Phase, bevor das Reaktorgebäude abgerissen werden kann. Vom Kern der Anlage stehen einzig noch die Betongrundkonstruktion und die Gebäudehülle. Viel aufwendige Kleinarbeit bleibt.

Zahlen und Kreuze geben den Raster für die Strahlenmessung vor.

«Die vollständige Dekontamination sämtlicher Baustrukturen ist eine grosse Herausforderung», sagt Anlagenleiter Werner Süssdorf. «Wir müssen praktisch mit der Zahnbürste putzen.»

Die Tausenden aufgesprayten Zahlen und Punkte geben den Raster vor, nach dem die Oberflächen immer wieder auf radioaktive Reststrahlung ­gemessen werden müssen. Zentimeter für Zentimeter. Dies bei einer gesamten Oberfläche von gegen 100 000 Quadratmetern.

Wieder Pioniere

«Wir sind Pioniere», sagt der Leiter des Rückbaus, Erwin Prechtl. Dies seit je: Hier, in einem Waldstück nördlich von Karlsruhe, siedelte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlagenforschung für Atomkraftwerke an.

Und hier werden nun Techniken und Abläufe für den Abriss von Reaktoren entwickelt und ­erprobt.

Der MZFR – 1984 nach nur 19 Betriebsjahren stillgelegt – war ein mit Schwerwasser gekühlter Druckwasserreaktor. Das Forschungszentrum nutzte die technisch bald veraltete Anlage zur Stromerzeugung und zur Fernwärmeversorgung.

Die Reaktorleistung betrug 57 Megawatt. Zum Vergleich: Das AKW Mühleberg, das ab 2019 rückgebaut werden soll, ist ein Siedewasserreaktor mit 373 Megawatt Leistung.

Von innen nach aussen

Trotz der Unterschiede bei Technik und Grösse bleibt das Rückbauprinzip das gleiche. «Eine Kernanlage muss man von innen nach aussen räumen», sagt Anlagenleiter Süssdorf.

Damit keine Strahlung aus dem Reaktorkern frei wird. Der Rückbau des MZFR begann 1987. Im ersten Schritt nach dem Abschalten des Reaktors kommen die Brennelemente in ein Lagerbecken, um sie einige Jahre abklingen zu lassen.

Dies ist ein normaler Prozess, wie beim Ersatz von Brennelementen. Neuland ist dagegen die Demontage des Reaktordruckbehälters. Beim MZFR war dieser 7,6 Meter lang, hatte einen Durchmesser von 4,6 Metern und wog 400 Tonnen. «Das demontierten wir fernbedient», sagt Süssdorf. Weil die Strahlung zu stark ist für Menschen.

Der Deckel des Druckbehälters konnte per Kran auf einen Zerlegetisch im Reaktorgebäude verfrachtet werden. Mit einer Bandsäge wurde er so zerschnitten, dass die Einzelteile möglichst kompakt in einen Behälter für das Endlager passen, welches aber noch gefunden werden muss.

Schwach strahlende Teile werden mit Dampfhochdruck gereinigt.

Die hoch radioaktive Innenhülle und der Hitzeschutzschild des Reaktors wurden unter Wasser zerlegt. Das Spezialwerkzeug musste die für den Rückbau gegründete Gesellschaft WAK eigens entwickeln.

Und sie musste es vorgängig «kalt» testen beim Zerlegen eines nicht verstrahlten Druckbehälters. Dieser Nachweis war nötig dafür, die Genehmigung der Aufsichtsbehörden für das Prozedere zu bekommen. Auch deshalb hat sich der Rückbau immer wieder verzögert.

Ein Problem ist zudem die Logistik. «Niemand dachte vor fünfzig Jahren bei der Konstruktion von Reaktoren an den Rückbau», sagt Süssdorf auf dem vom Nuklearforum Schweiz organisierten Rundgang in Karlsruhe. Atomkraftwerke sind für die Sicherheit möglichst kompakt gebaut worden, teils mit meterdicken Wänden. Es fehlen Fugen und Durchlässe, um Wände einreissen und grössere Geräte hineinbringen zu können. Der Rückbau lässt sich auch nicht beliebig beschleunigen mit mehr Arbeitern, denn drinnen hat es nur wenig Platz.

«Beim Neubau eines Kernkraftwerks – was ich allerdings in Deutschland nicht mehr erleben werde – wäre der Einbau eines Raums für Dekontaminationsanlagen sinnvoll», sagt Sascha Gentes.

Er ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie und Leiter des Bereichs «Rückbau konventioneller und kerntechnischer Bauwerke». Seine Abteilung forscht beispielsweise an einem Roboter, der Betonoberflächen abfräsen kann.

«Ein Mensch schafft im Schutzanzug bestenfalls zwei Quadratmeter pro Tag. Das heisst für ein AKW: Dreissig Leute machen fünf Jahre lang nichts anderes als schleifen», rechnet Gentes vor.

Tonnenweise Beton abfräsen

Denn vor dem Abriss müssen alle Oberflächen gereinigt, das strahlende Material separiert und entsorgt werden. Nur fernbedient abgetragen werden kann zuvor neben dem Reaktordruckbehälter auch der biologische Schild.

Die obersten Schichten dieses Abschirmmantels sind auch radioaktiv geworden. Beim MZFR waren 370 Tonnen Schwerbeton abzubauen. Diese Arbeiten mit einem speziellen Abbruchbagger dauerten alleine drei Jahre.

Anfang der 2020er-Jahre soll es so weit sein, der MZFR ist «bis auf die grüne Wiese» zurückgebaut. Als Pilotprojekt dauerte dieser Abbruch besonders lange. Der vom Staat finanzierte Rückbau dürfte gemäss aktueller Schätzung 350 bis 400 Millionen Euro kosten.

Gentes drängt darauf, dass die Behörden aus diesen Erfahrungen standardisierte Technologien und Verfahren definieren. Denn in Deutschland läuft der Atomausstieg. Aber selbst in Ländern wie Frankreich, die weiterhin auf Atomenergie setzen, müssen ältere Anlagen abgebaut werden.

Als Faustregel für den Rückbau eines mittelgrossen Atomkraftwerks rechnet Gentes mit einer Dauer von 15 Jahren und Kosten von einer Milliarde Euro. Die Pläne für das relativ kleine AKW Mühleberg erachtet er als realistisch (Kasten).

Der Rückbau in Karlsruhe nähert sich dem Abschluss, und gefährliche Strahlung sollte nicht mehr vorhanden sein. Trotzdem sind die Schutzvorschriften weiterhin strikt. Wer raus will, muss durch die Schleuse.

«Stillstehen, mit den Armen in Löcher greifen!», sagt der Automat mit blecherner Stimme. Er beginnt zu messen, zählt 20 Sekunden herunter und stellt fest: «Keine Kontamination.» Das ist dann doch eine Erleichterung.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2016, 08:45 Uhr

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