Der erste Grüne bringt sich als Bundesrat ins Gespräch

«Wir haben Anspruch auf einen Sitz und müssen Verantwortung übernehmen»: Der Genfer Regierungspräsident Antonio Hodgers sagt, warum er mitregieren will.

«Es ist noch keine Kandidatur»: Antonio Hodgers über seine Ambitionen. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

«Es ist noch keine Kandidatur»: Antonio Hodgers über seine Ambitionen. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Viele Grüne werden momentan als Kandidaten für den Bundesrat gehandelt. Gestern hat sich nun Antonio Hodgers als Erster zur Verfügung gestellt. «Ich überlege mir das», sagte der Präsident des Genfer Regierungsrats zu RTS. Zu Tamedia sagt er heute: «Es ist noch keine Kandidatur.» Er stelle sich seiner Partei aber zur Verfügung. Hodgers fügt an, dass er nicht aktiv auf die Medien zugegangen sei. Als RTS ihn angefragt habe, wollte er aber transparent sein und äusserte seine Ambitionen.

Der 43-Jährige leitet das Genfer Departement für Umwelt, Bau und Raumplanung. Bis 2013 war er Nationalrat und auch Fraktionspräsident der Grünen im Parlament. «Ich habe Erfahrung in der Bundespolitik und auch in der Exekutive», sagt Hodgers. Er habe gute Erinnerungen an Bern. Die Energiewende sei das wichtigste Thema in der Schweiz. Gerne würde er diese national vorantreiben.

«Ein Sieg der Frauen und der Jungen»

Seit die Grünen am vergangenen Wahlsonntag die CVP überholt und neu 13 Prozent Wähleranteil haben, wird darüber diskutiert, ob sie Einsitz im Bundesrat nehmen sollen. Für Hodgers ist der Fall klar: «Wir haben den Anspruch auf einen Bundesratssitz und müssen Verantwortung übernehmen.» Ob bereits im Dezember oder erst zu einem späteren Zeitpunkt, lässt er offen. Auch andere Fragen sind für Hodgers noch unklar, besonders das Profil eines möglichen grünen Bundesrats. «Es war ein Sieg der Frauen und der Jungen», sagt Hodgers. Die Grünen müssten diskutieren, ob es eine weibliche Kandidatur sein soll und welche Region zum Zug komme.

Wir haben den Anspruch auf einen Bundesratssitz und müssen Verantwortung übernehmen.Antonio Hodgers

In Genf hat die Affäre Maudet Antonio Hodgers zur wichtigsten politischen Figur gemacht. Er hat den Posten des Regierungsratspräsidenten von Pierre Maudet übernommen – und liefert sich seither einen Hahnenkampf mit dem FDP-Politiker. «Ich weiss nicht mehr, wer Antonio Hodgers ist», sagte Maudet in einem Interview. Zuvor hatte Hodgers ihn öffentlich kritisiert, was manche als arrogant empfanden.

Der Ausrutscher mit dem Baum

Im Genfer Regierungsrat will Hodgers das Genfer Abfallproblem lösen. Kürzlich hat er eine Recycling-Anlage eröffnet. Weiter engagiert er sich für bezahlbare Wohnungen; viele Bauprojekte laufen. Erst gerade trat der Grüne in ein Fettnäpfchen. Er verteidigte den Bau eines Öko-Quartiers und die dafür nötige Fällung von Bäumen mit den Worten: «Man sollte nicht jeden Baum als Lebewesen betrachten.» Die Kritik aus der eigenen Partei liess nicht lange auf sich warten, wie die NZZ berichtet.

Antonio Hodgers ist schon lange in der Politik. Mit seiner Mutter kam er von Argentinien in die Schweiz, nachdem sein Vater durch die argentinische Militärdiktatur sein Leben verloren hatte. Die Familie erhielt politisches Asyl in der Schweiz. An seinem damaligen Wohnort Meyrin GE engagierte sich Hodgers im Jugendparlament und wurde später in den Kantonsrat gewählt. Er arbeitete als Berater für Mobilität und lebte auch schon ein Jahr in Bern – um Deutsch zu lernen und die Deutschschweiz besser kennen zu lernen.

Grüne mit Ambitionen

Zu RTS sagte die Waadtländer Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz: «Für die Grünen ist ein männlicher Bundesratskandidat kein No-go.» Auch sie wird als Kandidatin gehandelt, ebenso eine Vielzahl weiterer Namen, unter anderem Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen. Die Nationalrätin Maya Graf aus dem Kanton Basel-Land wird genannt, eine Region, die schon lange nicht mehr repräsentiert war. Auch die Namen der beiden Berner Bernhard Pulver und Alec von Graffenried fallen. Pulver war Regierungsrat, von Graffenried ist Berner Stadtpräsident. Fraktionspräsident Balthasar Glättli aus Zürich ist ein weiterer möglicher Kandidat, er hat jedoch keine Exekutiv-Erfahrung. Auch die Waadtländer Staatsrätin Béatrice Métraux kommt infrage, ebenso der Baselbieter Baudirektor Isaac Reber.

Für einen allfälligen grünen Bundesrat hat sich Parteichefin Rytz am Sonntag zurückhaltend geäussert. Ob die Grünen ohne Vakanz antreten, hänge von den Signalen der andern Parteien ab. SP-Nationalrat Beat Jans sagte gestern in der SRF-Rundschau: «Es ist nicht richtig, vor dem Rücktritt eines bisherigen Bundesrates anzugreifen.» Er sehe geringe Wahlchancen und glaube auch nicht, dass die Grünen wirklich gewillt seien, anzutreten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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