Von wegen Abbau bei der AHV: Die Renten steigen laufend

AHV Im Abstimmungskampf um die Erhöhung der AHV tun ­viele so, als seien die Renten schon seit langem nicht mehr angehoben worden. Dabei sorgt der sogenannte Misch­index dafür, dass sie sogar deutlich stärker wachsen als die Teuerung.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Wer der Seniorenlobby ­genau ­zuhört, riecht den Braten. Im Kampf für mehr AHV ­sagen die Gewerkschafter und ihre Verbündeten kaum je geradeheraus, die AHV-Renten seien schon ­lange nicht mehr erhöht worden. Stattdessen heisst es, die letzte «grosse» oder «grundsätzliche» Erhöhung sei lange her.

Doch auch so erweckt man links nach Kräften den Eindruck, als stagnierten die Renten seit dem Mittelalter. So schimpfte der Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini am 1. Mai: «Die Renten müssen verbessert werden. Das ist längst überfällig. Alles andere ist menschenunwürdig.»

Kaufkraft deutlich gestärkt

Das ist Rhetorik. In der Realität wurden die Renten dauernd verbessert. 1980 betrug die Maximalrente 1100 Franken im Monat, heute sind es 2350 Franken. Damit legten die «menschen­unwürdigen» Renten tüchtig an Kaufkraft zu, haben sie doch die Teuerung, die nur bei 81 Prozent liegt, überflügelt.

­Senioren von heute haben somit nicht mehr das Problem, das Ältere in den 1960ern plagte. Damals gab es in der Schweiz Inflations­raten bis zu 10 Prozent, was für Ältere umso bitterer war, als die AHV noch keinen Automatismus für re­gelmässige Rentenerhöhungen kannte. Ein solcher wurde erst 1980 eingeführt: der Mischindex, der noch heute gilt.

Er sieht vor, dass die Renten in der Regel alle zwei Jahre an die Entwicklung der Löhne und der Teuerung «angepasst» werden. Inzwischen ist klar, dass «anpassen» nur «er­höhen» heissen kann – sonst ­wären die Renten 2017 geschrumpft. Für die Erhöhung massgebend ist der Mittelwert von Teuerung und Lohnanstieg. Liegt die Teuerung bei 1 Prozent und die Lohnentwicklung bei 2 Prozent, steigen die Renten um 1,5 Prozent.

Das Bild ist unvollständig

Bei Teuerungsschüben über 4 Prozent kann der Bundesrat ­zusätzliche Rentenrunden ein­legen. So erhielten die Rentner 1991 ausserhalb des Zweijahresrhythmus einen Zuschlag von 6,25 Prozent.

In der langen Frist sind aber die Löhne viel stärker gestiegen als die Teuerung. So ­gesehen können sich die Rentner glücklich schätzen, dass der Mischindex nicht nur die Teuerung, sondern auch die Löhne einbezieht. Natürlich ginge es immer noch besser: Würden die Renten voll an die Löhne angepasst, ­wären sie deutlich höher.

Da der Mischindex aber die Lohnentwicklung nur halb mitmacht, hinkt die AHV den Löhnen hinterher. Das spüren vor ­allem Neurentner. Im Verhältnis zu den Löhnen verlieren die Renten laufend leicht an Wert.

Dies ist auch eines der Hauptargumente der Gewerkschafter für die Initiative «AHV plus», die am 25. September an die Urne kommt: Gemessen an den Löhnen ging die AHV seit 1980 um ­etwa 9 Prozent zurück. Das be­stätigen auch die Spezialisten des Bundes. Mit der Initiative, die einen Zuschlag von 10 Prozent will, läge die AHV wieder etwa auf dem Niveau von 1980.

Doch dieses Bild ist unvoll­ständig. Es blendet zwei wichtige Faktoren aus: die Pensionskassen und die Lebenserwartung.

Pensionskasse war nicht obligatorisch

Überkompensiert dank der 2. Säule: 1980 gab es noch kein Obligatorium für die berufliche Vorsorge in den Pensionskassen, die als 2. Säule bekannt ist. Sie ist erst seit 1985 obligatorisch und daher noch im Aufbau. Grob vereinfacht heisst das, dass zwar der Wert der AHV für Neurentner von Jahrgang zu Jahrgang leicht sinkt, dafür aber das via 2. Säule gesparte Altersguthaben wächst.

Das gilt auch heute, wo Pensionskassen reihum die Leistungen senken. Der Bundesrat rechnet in den Papieren zur Rentenreform vor, dass schon das gesetzliche Minimum in der 2. Säule ausreicht, um den «Wertverlust» der AHV mehr als aufzufangen. Dazu ein Beispiel: Wer 2014 brutto 50'000 Franken verdiente und in Pension ging, dessen Rente betrug fast 60 Prozent des Lohns. 1984 waren es erst knapp 50 Prozent.

Auch die Dauer zählt. Je nach Sicht­weise gibt es die «Entwertung» der AHV gar nicht, weil gleichzeitig die Lebenserwartung unaufhörlich steigt. Da wir zum Glück immer älter werden, beziehen wir logischerweise auch immer länger Rente. 1980 pensionierte Senioren durften erwarten, noch 16 Jahre zu leben. Neurentner von heute leben durchschnittlich 4 Jahre länger. Die AHV fliesst zuverlässig bis zuletzt, ohne dass man länger Beiträge einzahlen musste. Derselbe Effekt spielt in der 2. Säule.

Rente stieg für Männer um 57 Prozent

Wie viel das ausmacht, hat ­Avenir Suisse, die Denkfabrik der Wirtschaft, berechnet: Von 1980 bis 2014 stieg die AHV-Rentensumme, die ein Durchschnittsmann von der Pensionierung bis zum Tod erhielt, um 57 Prozent – und das teuerungsbereinigt. Bei den Frauen lag der Gewinn bei nur 23 Prozent, da ihr Rentenalter von 62 auf 64 Jahre stieg.

Man kann ewig streiten, ob der längere Rentenbezug ein AHV- Ausbau ist oder nicht. Tatsache bleibt, dass die Summe der ausbezahlten Renten stetig wächst. Das heisst nicht, dass Rentnerinnen und Rentner mehr davon haben, da das Geld ja länger reichen muss. Aber es bedeutet, dass die Belastung der AHV – sprich: der erwerbs­tätigen Generationen – wächst.

Fazit: Aus Sicht der Gegner gibt es kein Minus und daher auch keinen Grund für «AHV plus». Auch der Experte von ­Avenir Suisse, Jérôme Cosandey, lehnt die Initiative ab. Er ergänzt aber, mittelfristig müsse man auf die Tücken des Mischindex reagieren, sonst werde der sinkende Wert der AHV für Neurentner zum Problem.

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