Zum Apotheker statt zum Hausarzt

Der Bundesrat will Apothekern mehr Kompetenzen geben. Doch was er am Mittwoch dazu sagte, ist zum Teil bereits Realität. Swica lancierte vor einem Jahr ein Modell, bei dem der Apotheker - und nicht der Hausarzt - erste Anlaufstelle ist.

Apotheker sollen künftig mehr Kompetenzen erhalten. Was der Bundesrat sagte, ist aber teilweise bereits heute Realität.

Apotheker sollen künftig mehr Kompetenzen erhalten. Was der Bundesrat sagte, ist aber teilweise bereits heute Realität. Bild: Keystone

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Wer für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) das Hausarztmodell wählt, spart um die 10 Prozent auf der ordentlichen Prämie. Dafür muss man bei einem gesundheitlichen Leiden zuerst den Hausarzt aufsuchen.

In der Gesundheitspolitik werden solche Hausärzte Gatekeeper genannt. Noch günstiger kommt es, wenn der Apotheker statt der Hausarzt als Gatekeeper wirkt. Die Winterthurer Krankenkasse Swica hat vor einem Jahr ein entsprechendes Produkt lanciert. Es heisst Medpharm.

Bei hartnäckigem Husten, einer Blasenentzündung oder einem anderen kleineren Leiden geht der Versicherte also nicht zum Hausarzt, sondern zu einer der 180 Top-Pharm-Apotheken, mit denen Swica eine Kooperation eingegangen ist. Man kann auch den telemedizinischen Dienst von Swica, Santé24, anrufen. Wobei dieser den Versicherten unter Umständen an eine Top-Pharm-Apotheke verweist.

Hinterstübli statt Theke

In der Apotheke wird man dann nicht an der Theke bedient, sondern in einem separaten Raum. Unter Umständen wird der Apotheker gleich den telemedizinischen Dienst von Medgate oder Santé24 konsultieren. Dann wird entschieden, ob der Versicherte mit Medikamenten versorgt oder an einen Hausarzt oder Spezialisten verwiesen werden soll. Ein paar Tage nach der Konsultation wird sich der Apotheker beim Versicherten ums Befinden erkundigen.

Seit Januar macht die Swica Gesundheitsorganisation nun erste Erfahrungen mit diesem Modell. «Wir sind sehr zufrieden. Die Erledigungsquote bei unseren Partnerapotheken , ohne dass sie einen Arzt oder Medgate zuziehen müssen, liegt bei hohen 80 Prozent», so die offizielle Antwort.

Ebenso positiv äussert sich Stefan Wild, Geschäftsführer der Top-Pharm AG in Münchenstein. (BL). Pro Woche hätten um die 20 Medpharm-Versicherte eine der 180 Top-Pharm-Apotheken aufgesucht. Das gibt rund 1000 Personen, die Mehrheit davon dürften Neukunden sein.

Vor allem in der Kombination mit dem telemedizinischen Dienst sieht Wild einen grossen Vorteil. Diese Kombination ist freilich nicht ganz neu. Der Apotheker-Verband Pharmasuisse lancierte vor vier Jahren Netcare, ein neues Leistungsangebot, welches die Erstberatung in Apotheken mit einer gleichzeitigen Telekonsultation mit einem Arzt ermöglicht.

Swica und Sympany

Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte beim Vergleichsdienst Comparis, zeigt sich erstaunt darüber, dass Netcare bisher von keinem Krankenversicherer in ein Produkt verpackt wurde — mit Ausnahme von Swica eben. Für 2017 lanciert Sympany unter dem Namen Casamed Pharm ein vergleichbares Angebot. Die Prämie liegt bis 16 Prozent tiefer als beim Modell mit freier Arztwahl.

Damit Apotheken die Funktion eines Gatekeepers überhaupt wahrnehmen dürfen, brauchen sie mehr Kompetenzen. Solche werden ihnen im revidierten Heilmittelgesetz gewährt - zum Leidwesen der Ärzteschaft.

So sollen Apothekerinnen und Apotheker bei bestimmten Indikationen gewisse rezeptpflichtige Arzneimittel der Liste B ohne Vorliegen einer ärztlichen Verschreibung abgeben dürfen. In den meisten Kantonen, auch in Bern und Zürich, dürfen Apotheken bei erwachsenen Personen in Eigenregie Impfungen vornehmen.

Besseres Grundstudium

Auch im revidierten Medizinalberufegesetz werden Apotheker aufgewertet. Sie sollen neu schon im Grundstudium die Grundlagen für die neuen Kompetenzen zum Impfen sowie für die Diagnose und Behandlung häufiger Gesundheitsstörungen und Krankheiten erlangen. Bereits ausgebildete und selbstständig tätige Apotheker unterliegen neu einer Weiterbildungspflicht.

Am Mittwoch hat der Bundesrat in einem Bericht nochmals bekräftigt, dass die Rolle der Apotheker in der medizinischen Versorgung aufgewertet werden soll. Er will zwei Pilotprojekte für Kinder und Chronischkranke wissenschaftlich begleiten, in denen neuartige Zusammenarbeitsmodelle erprobt werden. Ziel ist es, Apotheker vermehrt in die therapeutische Begleitung chronisch kranker und betagter Menschen mit mehreren Krankheiten einzubinden.

All die Bestrebungen zur Aufwertung von Apothekern sind vor dem Hintergrund der steigenden Kosten zu sehen. Aber nicht nur: Es ist auch eine Antwort auf den Mangel an Hausärzten, die schon längst an ihre Kapazitätsgrenzen stossen und bei denen es häufig nicht einfach ist, kurzfristig einen Termin zu finden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.10.2016, 17:40 Uhr

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