Wo Schweizer Konzerne Offshore-Firmen betrieben

Die Ammann-Gruppe steht wegen ihrer Offshoregesellschaften in der Kritik. Allerdings: Solche Konstrukte waren – zumindest in der Vergangenheit – üblich.

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Dominik Balmer@sonntagszeitung

Die Empörung über die Offshore-Konstrukte des Langenthaler Industriekonzerns Ammann ist gross. Mehrere Hundert Millionen Franken soll die Firma auf die Kanalinsel Jersey und nach Luxemburg transferiert haben, um Steuern zu sparen. Einzelne Politiker forderten bereits den Rücktritt von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er leitete die Oberaargauer Industriegruppe von 1989 bis 2010 – in einer Zeit also, in der das Unternehmen Gelder offshore anlegte.

Dass sich die Empörung auf die Ammann-Gruppe fokussiert, ist doch einigermassen erstaunlich. Etliche Steuerberater betonten nämlich in den Medien, dass die Praktiken der Ammann-Gruppe damals durchaus üblich gewesen seien in der Wirtschaft. Und ein Steuerexperte sagte dieser Zeitung sogar, solche Konstrukte hätten zum «State of the Art» gehört.

841 Offshoregesellschaften

Tatsächlich bestätigt eine Auswertung des Nachrichtenmagazins «L’Hebdo» für das Jahr 2008 genau dieses Bild. Demnach verfügten die 20 grössten Schweizer Unternehmen, die damals den Börsenindex SMI bildeten, gemeinsam über nicht weniger als 3044 Tochtergesellschaften im Ausland. Davon befanden sich 841 Gesellschaften in sogenannten Steuerparadiesen. Das gibt eine Quote von durchschnittlich fast 30 Prozent (vgl. Grafik in der Bildstrecke).

Auffallend ist, dass Offshore-Gesellschaften selbst bei staatsnahen Unternehmen üblich waren. Die Swisscom zumindest kommt in der 2009 publizierten Auswertung auf eine Offshore-Quote von 10 Prozent. Insgesamt soll das halbstaatliche Telecom-unternehmen damals 7 Gesellschaften in Steuerparadiesen gehabt haben.

«Steuerliche Überlegungen»

Recherchen der Berner Zeitung zeigen jetzt, dass die Swisscom während Jahren mindestens 2 Gesellschaften in Steuerparadiesen führte: die Swisscom Finance Ldt. in Jersey und die Swisscom Re in Liechtenstein. Die Swisscom nutzte die Gesellschaften unter anderem, um Steuern zu optimieren. Im Wesentlichen tat der bundesnahe Konzern also nichts anderes als die Ammann-Gruppe aus Langenthal, die ja auch auf Jersey tätig war.

Auf Anfrage bestätigt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze dieser Zeitung denn auch: «Steuerliche Überlegungen spielten eine Rolle.» Über die Höhe der mit den Gesellschaften gesparten Steuern gibt die Swisscom jedoch keine Auskunft.

Debitel-Deal via Jersey

Die Jersey-Gesellschaft diente laut der Swisscom der «Finanzierung von Auslandsbeteiligungen». Steuerliche Überlegungen seien nicht im Fokus gestanden, betont Schulze. Der grösste Deal, den die Swisscom via Jersey abwickelte, war im Jahr 1999 der Kauf des deutschen Mobilfunkanbieters Debitel. Dafür zahlte die Swisscom 4,3 Milliarden Franken. Nach dem Verkauf von Debitel – notabene mit einem Verlust von insgesamt 3,3 Milliarden Franken – löste die Swisscom die Gesellschaft in Jersey im Oktober 2010 wieder auf. Es habe keine Notwendigkeit mehr bestanden, die Gesellschaft weiterzuführen, sagt Schulze.

Die Liechtensteiner Swisscom Re dient laut Schulze dazu, die Risiken der Swisscom rückzuversichern – und diese Risiken wiederum über den internationalen Rückversicherungsmarkt abzusichern. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Rückversicherungs-Captive. Man habe damit in der Vergangenheit Steuern sparen könne, sagt Schulze. Allerdings besteuere Liechtenstein seit Anfang des Jahres 2011 solche Captives zum gleichen Satz wie die Schweiz – damit entfalle die Ersparnis. Laut Schulze gehören solche Captives zu einem «modernen Risikofinanzierungskonzept». Weltweit gebe es 5000 solche Gesellschaften. Die Swisscom Re existiert auch heute noch.

In Belgien für Italien

Eine weitere Finanzierungsgesellschaft hält die Swisscom schliesslich in Belgien: die Swisscom Belgium N.V. Diese wurde laut Schulze gegründet, um den Kauf und das Halten von Fastweb zu ermöglichen. Zur Erinnerung: Fastweb ist ein Telecomanbieter in Italien.

Berner Zeitung

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