Zum Hauptinhalt springen

Wo Pferde Staatsaufgabe sind

Der Bundesrat will das Schweizerische Nationalgestüt aufheben. Dagegen gehen Pferdefreunde auf die Barrikaden. Aber wohin fliessen die sieben Millionen Bundesbeiträge überhaupt? Ein Besuch in Avenches.

Helvetica wiehert ungeduldig, als ihm der Pfleger Hans Herren routiniert das Fell bürstet. Der 3-jährige Freiberger Hengst, der da im Stall in seiner eigenen Staubwolke steht, ist einer von 60 Hengsten des Schweizer Nationalgestüts in Avenches. Auf die Weide muss Helvetica dennoch allein: Hengste können es nicht gut miteinander. Im Normalfall. Auf dem Gestüt in Avenches läuft ein Versuch, der zeigt, dass unter Umständen auch die Gruppenhaltung von Hengsten möglich ist. Eine überraschende Erkenntnis, selbst für Experten.

Forschungsprojekte wie dieses werden in Avenches durchgeführt. Forschung ist eine der drei Hauptaufgaben des Gestüts. Die zwei anderen: die Erhaltung der genetischen Vielfalt der Freiberger und die Ausbildung von Pferdehaltern.

Ungeeinte Pferdefreunde

Damit könnte Ende des nächsten Jahres Schluss sein. Der Bundesrat will die jährlichen Subventionen von 7 Millionen Franken ans Nationalgestüt streichen (wir berichteten). Dies im Rahmen des Konsolidierungsprogramms 2011 bis 2013, das 50 Sparmassnahmen vorsieht. Es geht diese Woche in die Vernehmlassung.

Als der Bundesrat die Sparpläne im Februar bekannt gab, reagierten die Pferdefreunde empört – und wurden rasch aktiv: BDP-Präsident und Pferdezüchter Hans Grunder fordert eine «nationale Pferdepolitik». Der kurzerhand gegründete Verein Pro Nationalgestüt hat eine Petition gegen die Sparmassnahme lanciert; mehr als 13000 Unterschriften sind bis jetzt zusammen. Die Facebook-Gruppe des Vereins zählt über 7000 Mitglieder.

Die Solidarität ist gross, wie immer, wenn es um Tiere geht. Pferdefreunde – vor allem -freundinnen – gibts in der Schweiz zuhauf. Insgesamt üben in der Schweiz rund 100000 Personen zwischen 15 und 74 Jahren einen Pferdesport aus. Doch ähneln die Pferdefreunde in einem entscheidenden Punkt den Hengsten: Sie können nicht gut miteinander. Die einzelnen Gruppen tun sich schwer, sich zusammenzuschliessen.

Eine stärkere Lobby beginnt sich gerade erst zu formieren – jetzt, wo mit dem Nationalgestüt eine Art Heiligtum der Rösseler in Gefahr ist. Dafür setzen die Pferdefreunde wie ihre Gegner auf finanzielle Argumente und betonen die wirtschaftliche Bedeutung der Tiere. In der Pferdebranche würden jährlich schätzungsweise 1,65 Milliarden Franken umgesetzt, heisst es etwa im soeben erschienenen Bericht zur «wirtschafts-, gesellschafts- und umweltpolitischen Bedeutung des Pferdes in der Schweiz».

Klinik, Schmiede, Sattlerei

Hengst Helvetica tobt mittlerweile übermütig auf der Weide herum, bockt ein bisschen. Auf dem Dach klappern die Störche, und um die Ecke, in der Schmiede, hämmert der Schmied ein Spezialhufeisen in die passende Form. Der orthopädische Beschlag ist für ein Pferd gedacht, das wegen Beinproblemen in der angegliederten Pferdeklinik behandelt wurde. Philippe Bertholet, der das Eisen anpasst, ist Hufschmied mit Leib und Seele. «Natürlich kostet das alles viel», sagt er, auf die Sparpläne des Bundesrates angesprochen. «Aber die Ausbildung von Pferdehaltern und Berufsleuten zu vernachlässigen, kommt auf Dauer teurer zu stehen.» Neben der Schmiede liegen weitere Handwerksbetriebe wie eine Wagnerei und eine Sattlerei. Hier wird eine junge Frau zur Sattlerin ausgebildet – eine von noch 21 Sattlerlehrlingen in der Schweiz.

Insgesamt arbeiten 60 Personen auf dem Gestüt. Es dient zwar als modernes Kompetenzzentrum zum Thema Pferd. Und doch wirkt es manchmal, als wäre auf dem idyllischen, 111-jährigen Gut die Zeit stehen geblieben. Ein Museum? «Ein Kulturgut», nennt es Hufschmied Bertholet. Und lässt den Hammer aufs heisse Eisen sausen. «Ob der Bundesrat bereit ist, ein Kulturgut zu verlieren?»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch