Wo die SRG Federn lassen soll

Der Kampf um die SRG geht weiter. Der Nationalrat entscheidet heute über diverse Vorstösse, die den medialen Service public beschränken wollen. Besonders umstritten: Beim Radio sollen die Spartensender eingespart werden.

Volles Programm: Der Nationalrat diskutiert heute, wie die SRG und ihr Service public zu begrenzen wäre.

Volles Programm: Der Nationalrat diskutiert heute, wie die SRG und ihr Service public zu begrenzen wäre.

(Bild: zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Der Freitagnachmittag gehört den Kranken. Drei Stunden lang sendet SRF Musikwelle das traditionelle Krankenwunschkonzert. Es nennt sich heute zwar «Visite», und manchmal grüssen Gesunde auch Gesunde. Aber meistens wird da von Escholzmatt nach Wynigen oder von Effretikon nach Rüschlikon viel Kraft in den schweren Tagen gewünscht. Gespielt wird etwa das Jodellied «Heb s Chöpfli uf» vom Äschlismatter Jodlerterzett oder «Ohne Musik ist die Welt halb so schön» von den Original Oberkrainern.

Und das interessiert! Die SRF Musikwelle, eigentlich ein Spartenprogramm der SRG, ist das am drittmeisten gehörte Radioprogramm in der Schweiz. Noch vor SRF 2 Kultur, abgehängt nur von SRF 1 und SRF 3. Da ist verständlich, dass der Aufschrei gross ist, wenn eine Einstellung des Programms diskutiert wird. Genau das fordert eine von der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen formulierte Motion, die heute unter anderem im Nationalrat verhandelt wird. Sie will die Spartensender im Radiobereich einsparen.

Das betrifft nicht nur die volkstümliche Musikwelle, sondern auch das jugendliche Virus, die drei Sender Radio Swiss Pop, Radio Swiss Classic, Radio Swiss Jazz und das französischsprachige Pendant zur Musikwelle, das Radio RTS Option Musique. Die Begründung der Kommission ist, «dass in der Vielzahl der von der SRG betriebenen Sender nicht alle wirklich Inhalte verbreiten, welche für den Service public relevant sind».

«Einmalige Mischung»

Anderer Meinung ist Markus Brülisauer, Leiter des Hauses für Volksmusik – der Interessenorganisation der Volksmusik. «Die einmalige Mischung von Musik und Livemoderation machen den Erfolg der Musikwelle aus», sagt er. Die Musikwelle sei als einziger Radiosender an allen grossen eidgenössischen Festen wie Jodlerfest, Musikfest und Schwingfest präsent. Das seien Leistungen, «die ein privater Volksmusiksender kaum erbringen wird». Zudem fördere die Musikwelle junge Talente mit dem sogenannten Folklore-Nachwuchswettbewerb.

Tatsächlich fürchten Musikschaffende vor allem, dass Schweizer Musik weniger am ­Radio gespielt werden würde, wenn sich die SRG-Kritiker durchsetzen. Denn Privatsender spielen in der Regel sehr wenig Schweizer Musik. Nur sechs ­Privatradios haben gemäss einer Publicom-Studie aus dem Jahr 2012 einen Anteil von über 10 Prozent an Schweizer Musik.

Die grosse Ausnahme ist Radio BeO mit 30,2 Prozent Anteil Schweizer Musik. Im ­Berner Oberland beheimatet, präsentiert BeO auch oft volkstümliche Musik. Bei den restlichen Privatsendern herrscht in Sachen Schweizer Musik mehr Ebbe als Flut. «Und sie spielen einen Schweizer Song erst, wenn er ein Hit ist», sagt Christoph Trummer, Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz und selbst Musiker. «Doch wie soll ein Lied ein Hit werden, wenn es nicht gespielt wird?»

Natürlich gibt es – gerade im digitalen Zeitalter – viele Wege, wie ein Lied zum Hit avanciert. Die Radios haben aber immer noch einen beträchtlichen Einfluss. Ein Lied einer neuen Schweizer Band kann einschlagen, indem es zum Beispiel erstmals von Radio Virus, das junges Publikum ansprechen will, gespielt wird. Irgendwann wandert der Song vielleicht zu SRF 3 und dann im besten Fall zu den Privaten.

Charta statt Quote

Eine Quote, wie viel Schweizer Musik ­gespielt werden soll, gibt es auch bei den SRG-Sendern nicht. Aber seit 2004 gibt es eine Charta, die zwischen der SRG und Verbänden und Institutionen der Schweizer Musikszene ausgearbeitet wurde. Damit wollen die Verantwortlichen die Präsenz von Schweizer Musik im Radio fördern, es soll eine «breitgefächerte Auswahl an Titeln» gespielt werden.

Für jeden Sender gibt es Richtwerte, wie hoch der Anteil an Schweizer Musik sein soll. Am höchsten ist er bei Virus – mit angepeilten 50 Prozent. 2013 wurde dieser Wert mit 51,6 Prozent gar übertroffen. Bei der Musikwelle liegt der effektive Anteil bei 41 Prozent. Für SRF 1, 2 und 3 liegt der Richtwert bei 20 Prozent Schweizer Musik.

«Viele neue, junge Bands hätten ohne die Spartensender keine Chance mehr, gespielt zu werden», fürchtet Christoph Trummer. Die Digitalisierung helfe ihnen nur bedingt: «Auf Streamingdiensten oder bei Youtube hören die Leute in der Regel Musik, die sie schon kennen», sagt er. Und bei automatischen Vorschlägen, durch Algorithmen kreiert, habe die Schweizer Musik einen schlechten Stand. «Wenn ich einen englischen Song auf Spotify höre, bekomme ich höchstwahrscheinlich nicht ein Schweizer Lied vorgeschlagen», erklärt er.

Einsparung wäre minimal

Bei der Volksmusik ist die Digitalisierung noch viel weniger eine Chance: Die Hörerschaft setzt sich vorwiegend aus älterem Publikum zusammen. Und spricht mit Sendungen wie dem Wunschkonzert für die Kranken auch klar diese Klientel an. Klar setzen sich Volksmusiker und ihre Fans nun mit Furor für die Erhaltung der Spartenradiosender ein.

Doch auch nüchtern – sprich: finanziell – betrachtet wäre eine Abschaffung nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein: Mit der Einsparung aller Spartenradios würde die SRG lediglich 5,6 Millionen Franken jährlich einsparen – bei einem Budget von insgesamt 1,6 Milliarden.

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