«Wir wollen keine Schule, die auf Drill beruht»

Pisa-Weltmeister Finnland galt als Musterschüler bei der Bildung. Nun wird dieses Image demontiert. Experte Urs Moser sagt, was dran ist und was das für die Schweiz bedeutet.

Sollen Schweizer Schüler mit strenger Hand unterrichtet werden, um beim Pisa-Test besser abzuschneiden?

Sollen Schweizer Schüler mit strenger Hand unterrichtet werden, um beim Pisa-Test besser abzuschneiden?

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Eine Studiestellt die These auf, dass der Erfolg finnischer Schüler bei Pisa-Tests nicht auf den heutigen liberalen Unterrichtsformen in Finnland beruht, sondern auf den Nachwirkungen der langen Tradition von autoritären Lehrpersonen. Was sagen Sie dazu?
Es stimmt natürlich, dass die Ursachen für die Ergebnisse bei einer solchen Schulleistungsmessung weit zurückliegen. Man muss aber sehen, dass bei dieser Studie offenbar Dinge vermischt wurden. Es ist richtig, dass es in Finnland im Fach Mathematik zwischen 2003 und 2012 eine Verschlechterung von 26 Punkten bei Pisa-Tests gab. Tatsächlich passierte aber zwischen 2003 und 2009 diesbezüglich gar nichts. Die Veränderung kam erst ab 2009: Ab dann ist die Leistung rapide um 22 Punkte gesunken. Das kann also ein Ausreisser sein. Zudem weiss man, dass sich in Finnland die Population seit 2009 verändert hat, sprich, es gab mehr Zuwanderung. Man sollte also noch zwei, drei Zyklen warten, bevor man von einem Absturz spricht.

Glauben Sie also, dass an der These gar nichts dran ist?
Das kann ich nicht beurteilen. Um sie zu bestätigen, müsste man alle anderen Faktoren – etwa die Zuwanderung – konstant halten. Die These ist gewagt, denn die Pisa-Studie ist wie ein Thermometer, eine Momentaufnahme, die lediglich zeigt, was ist.

Wie stark hat sich die Schweiz von diesem angeblich erfolgreichen liberalen finnischen Schulsystem inspirieren lassen?
Ich erinnere mich, dass es vermehrt Studienreisen nach Finnland gab. Selbst habe ich keine gemacht. Man lässt sich natürlich immer von anderen Ländern inspirieren, aber ein Schulsystem kann man nicht importieren wie Wein oder Käse. Es muss im eigenen Land wachsen und sich entwickeln. Fremde Reformen auf das eigene Land zu übertragen, funktioniert nicht.

Wohin bewegt sich die Schule in der Schweiz im Moment? Zu eher autoritären oder eher liberalen Schulformen?
Die Frage ist, was mit «autoritär» gemeint ist – die Unterrichtsform oder das Verhalten der Lehrperson?

Zum Beispiel die Unterrichtsformen Frontalunterricht oder selbstständige Arbeiten in der Gruppe.
Das ist eine sinnlose Diskussion, denn sie betrifft nur die Oberfläche des Unterrichts. Eine Lehrperson kann sich auch bei einer offenen Unterrichtsform sehr autoritär verhalten. Die Bildungsforschung zeigt eher, dass ein gutes Klassenmanagement sowie direktives und fürsorgliches Vorgehen im Unterricht wichtig sind. Und es ist klar, dass offene Unterrichtsformen schwache Schüler oft überfordern.

Sie sagen, dass beim Thema Autorität vieles an der Lehrperson hängt. Damit erklärt die Studie, dass finnische Schüler auch nach der Umstellung von autoritär zu liberal noch einige Jahre lang sehr erfolgreich blieben.
Tatsächlich führen neue Schulmethoden und der Schulstrukturen nicht automatisch zu einem veränderten Verhalten von Lehrpersonen, erfolgreichem Lernen und besseren Leistungen. Auch bei einer Umstellung der Schulform ist die Lehrperson entscheidend, die idealerweise einen klaren Rahmen vorgibt und die Kinder gleichzeitig Eigeninitiative und Spass am Lernen entwickeln lässt. Das geht über die starren Kategorien «autoritär» und «laissez faire» hinaus.

Welche Faktoren wirken sich denn positiv auf die bei Pisa-Tests gemessene Schulleistung aus?
Erfolgreich sind Lehrpersonen, die mit Leidenschaft unterrichten und über gutes fachliches und fachdidaktisches Wissen verfügen. Lehrpersonen in Finnland sind gut ausgebildet, unterrichten gerne und erleben eine hohe Wertschätzung. Dies ist auch ein Ziel in der Schweiz, das mit der Professionalisierung in der Lehrerbildung, guter Bezahlung und angenehmen Arbeitsbedingungen angestrebt wird.

Kann die Pisa-Studie wirklich messen, wie intelligent die Schüler sind?
Man kann mit ihr nicht alles erklären, aber man erhält ein gutes Bild davon, wie gut die Kinder auf zukünftige Aufgaben in der Schul- und Berufslaufbahn vorbereitet sind. Vor 20 Jahren hatte man davon noch keine Ahnung, deshalb halte ich die Studie für wichtig. Und in jenen Bereichen, die bei Pisa-Tests getestet werden, hatte die Studie auch einen positiven Einfluss auf die Didaktik in den Schulen.

Zum Beispiel?
Im Lesen wurden die Erwartungen beispielsweise angehoben. Im Vergleich zu früher wird die Bedeutung des Lesens für den Erfolg in naturwissenschaftlichen Fächern stärker betont. Im Unterricht kommen wie im Pisa-Test unterschiedliche Textsorten zum Einsatz: Literatur, Sachtexte, Tabellen, Grafiken und so weiter. Das war früher weniger der Fall.

Noch einmal zur These, dass die Finnen mit dem Wechsel zu einem liberaleren Schulsystem an Leistung eingebüsst haben. Muss das nicht auch Konsequenzen für die Schweiz haben?
Nein, denn die These ist so nicht haltbar. Selbstverständlich könnte man theoretisch auch in der Schweiz einen Unterricht einführen, der wie in China auf Autorität und Drill beruht. Dann würden die Schweizer Schüler bei der Pisa-Studie besser abschneiden. Das will aber niemand. In der Schweiz wollen wir eine ganzheitliche Bildung mit kreativen Kindern, die sich fürs Lernen begeistern. Und der vermeintliche Niedergang Finnlands bezieht sich wie gesagt nur auf drei Jahre, deshalb sollte man besser abwarten.

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