«Wir sind übertölpelt worden»

Von einem «Asylanten-Tsunami» spricht der Gemeindeammann von Giffers FR, Othmar Neuhaus. Der Bund habe sein kleines Dorf mit den Plänen für ein Asylzentrum überfahren.

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Tina Huber@tina__huber

Othmar Neuhaus, Sie haben gestern an der Informationsveranstaltung von einem «Asylanten-Tsunami» gesprochen. Ein heftiger Ausdruck.
(lacht schallend.) Sie glauben nicht, wievielmal ich darauf angesprochen wurde. Natürlich ist der Ausdruck heftig. Aber man soll merken, wo uns der Schuh drückt. Ein Zentrum für 300 Asylsuchende in einer Gemeinde mit 1500 Einwohnern: Das ist kein Verhältnis. Hier geht es um ein definitives Zentrum, nicht ein Provisorium. Es ist Schönschwätzerei, wenn man sagt, das gehe dann schon. Ich habe noch nie so viele Leute in der Turnhalle gesehen wie gestern. Viele haben mir gesagt, sie seien froh, dass wir uns wehren.

Wieso wollen Sie kein Bundesasylzentrum in Ihrer Gemeinde?
Wir sind übertölpelt worden. In den Unterlagen des Bundes heisst es, die Standortgemeinden sollen frühzeitig eingebunden werden. Davon kann keine Rede sein. Wir haben erst am 9. Februar vom geplanten Asylzentrum erfahren, als eine Delegation von Bund und Kanton in die Gemeinde kam. Der Besuch wurde ohne Betreff angekündigt, doch wir konnten uns denken, worum es ging anhand der Namen der Besucher. Wir wurden nicht informiert und haben keine Ahnung, was auf unsere Gemeinde zukommt.

Der Bund stellt mit dem geplanten Asylzentrum 40 neue Stellen in Aussicht. Ein Gewinn für eine 1500-Seelen-Gemeinde wie Giffers.
Das ist lediglich eine Verlagerung. Im Seminarzentrum Guglera, wo das Asylzentrum entstehen soll, bestehen diese Stellen schon jetzt.

Es arbeiten kaum 40 Personen in dem Seminarzentrum.
Gut, vielleicht sind es nicht mehr 40, seit aus Spargründen Stellen gestrichen wurden. Aber früher waren es sogar mehr. Und auch wenn neue Arbeitsplätze entstehen, weiss ich ja nicht, ob die Angestellten in einer der betroffenen Gemeinden wohnen.

Sie sind Mitglied der CVP, Ihre Partei hat das Wort «christlich» im Namen. Wo bleibt Ihr soziales Gewissen?
Natürlich habe ich ein soziales Gewissen, aber hier geht es um unsere Gemeinde. Es kann nicht sein, dass die Probleme des Bundes auf dem Buckel der Gemeinde gelöst werden. Haben Sie den Namen Giffers zuvor schon einmal gehört?

Nein.
Eben. Und jetzt ist das Wort in aller Munde. Wir sind eine ruhige Wohngemeinde, da ist es nicht förderlich, wenn wir in Verbindung mit einem Asylzentrum gebracht werden. Kommt hinzu, dass Giffers aus meiner Sicht zu weit abgelegen für ein solches Zentrum ist.

Es gibt auch Leute, die Giffers zum neuen Asylzentrum gratulieren. Ein Leserbriefschreiber sprach von einem «Sechser im Lotto». Wie viel positive Resonanz haben Sie erhalten?
Kaum. Es gab im Vorfeld die von Ihnen erwähnten positiven Reaktionen. Aber das ist einfach, wenn man davon nicht betroffen ist.

Der Verkauf des Seminarzentrums an den Bund ist beschlossene Sache. Was können Sie nun noch unternehmen?
Jetzt muss sich der höchst emotionsgeladene Abend erst mal setzen. Es wird schwierig, überhaupt noch etwas zu erreichen. Der Reputationsschaden ist schon da. Vom Bund fordern wir, dass er seine Versprechen hält, die er gestern gemacht hat: Uns die volle Unterstützung geben, bald Gespräche führen, auch die Nachbargemeinden einbinden. Und: Wir wissen nicht einmal, ob es ein Ausschaffungs- oder Verfahrenszentrum wird. Diese Frage blieb gestern unbeantwortet.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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