«Wir schauen Katzenvideos, statt uns Sorgen zu machen»

Ist Yuval Harari ein Pessimist, der seine Zukunftsängste publiziert? Er warne vor gefährlichen Möglichkeiten, die man noch stoppen könne, erwidert er. Sonst würden uns bald Kindle-Lesegeräte aushorchen und Algorithmen Entscheide für uns fällen.

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Herr Harari, Sie prognostizieren, dass der Mensch sich durch ­Zukunftstechnologien selber entmachten könnte. Ist das Ihre persönliche Befürchtung?Yuval Noah Harari: Teilweise. Was ich in der Tat fürchte, ist, durch zu viel Information überflutet zu werden. In der Vergangenheit blockierte die Zensur den Zugang zu relevanten Informationen. Heute funktioniert Zensur so, dass wir mit irrelevanten oder falschen Informationen bombardiert werden.

Die Leute verbringen heute Stunden damit, Katzenvideos zu schauen, statt sich Sorgen über den Klimawandel zu machen. Deshalb verwende ich kein Smartphone, sondern ein altes Nokia-Handy ohne Kamera und Internetzugang.

Wollen Sie uns in Ihrem Buch eigentlich nahelegen, dass wir uns vor der Zukunft fürchten sollten?Ich will mit meinem Buch vor ­gefährlichen Möglichkeiten warnen. Das sind aber nur Möglichkeiten, nicht Sicherheiten. Wer Möglichkeiten fürchtet, kann etwas dagegen tun. Die Technologie ist nie deterministisch. Aus der gleichen Technologie sind im 20. Jahrhundert kapitalistische wie auch kommunistische Gesellschaften entstanden.

«Heute funktioniert Zensur so, dass wir mit irrelevanten oder falschen Informationen bombardiert werden.»

Der Aufstieg der Biotechnologie und der künstlichen Intelligenz wird im 21. Jahrhundert zweifellos die Welt verändern, wie genau, ist aber nicht vorausbestimmt. Wie weise wir diese neuen Technologien anwenden, ist deshalb heute eine zentrale Frage. Sie ist viel wichtiger als eine Wirtschafts­krise, als der Nahostkonflikt oder Europas Flüchtlingsfrage.

Sie schreiben, die Biochemie entthrone das menschliche Individuum mit seinem freien Willen. Glauben Sie das wirklich?Je mehr wir von der Biologie verstehen, desto mehr zeigt sich, dass unsere Konzepte des Individuums und des freien Willens inhaltsleer sind. Woher kommt der nächste Gedanke, der in Ihrem Kopf auftaucht? Haben Sie frei entschieden, dass Sie genau diesen Gedanken denken wollten? Natürlich nicht!

Wir sollten diese Realität akzeptieren und aufhören, alles entscheiden und kontrollieren zu wollen. Seit je wollen die Menschen die Welt unter ihre Kontrolle bringen, sie haben dabei aber das ökologische Gleichgewicht zerstört.

Algorithmen würden uns besser verstehen als wir uns selbst, ­sagen Sie. Aber Algorithmen liefern doch nur ein blasses Abbild unseres messbaren Verhaltens.Täuschen Sie sich nicht. Es beginnt mit kleinen Dingen. Früher wählten Sie ein Buch aufgrund von Gefühlen und Tipps von Freunden aus. Heute weiss Amazon, welche Bücher Sie kaufen. Das Kindle-Lesegerät kann registrieren, welche Teile eines Buchs Sie schnell lesen, wo Sie aussteigen.

«Je mehr wir von der Biologie verstehen, desto mehr zeigt sich, dass unsere Konzepte des Individuums und des freien Willens inhaltsleer sind.»

Wird der Kindle mit einer Gesichtserkennungssoftware und biometrischen Sensoren aufgerüstet, kann er Ihren Herzschlag und Ihren Blutdruck messen. Er weiss, wo Sie lachen, sich ärgern. Nicht nur Sie lesen das Buch, das Buch liest auch Sie. Wenn Amazon aufgrund dieser Daten für Sie Bücher auswählt, kann es vielleicht bald noch ganz andere Entscheide für Sie treffen.

Werden diese Daten auch bald unsere Weisheit ersetzen?Das bezweifle ich. Aber: Wie viele Leute sind schon interessiert an wahrer Weisheit? So weit gehen die menschlichen Ambitionen nicht. Deshalb haben Algorithmen eine gute Chance, uns zu übertreffen.

Ist der Homo sapiens so dumm, sich selbst zu entmachten?Vielleicht. In ihrem Streben nach Macht und Vergnügen machen die Menschen viele Dummheiten. Das Kernproblem ist, dass Menschen selten in der Lage sind, die langfristigen Folgen ihrer Aktionen vorauszusehen.

Sind Populisten wie Donald Trump nicht gerade daran, der unheimlichen globalen Entwicklung entgegenzutreten?Trump, der Brexit und nationalistische Bewegungen bilden eine gefährliche Entwicklung. In der Vergangenheit war der Nationalismus gefährlich, weil er Krieg heraufbeschwor. Im 21. Jahrhundert ist er noch gefährlicher, weil er zudem die Menschen davon abhalten könnte, die grossen Probleme zu lösen. Denn diese sind globaler Natur: die Klimaerwärmung, die Ungleichheit, der Aufstieg von Technologien, die Jobs vernichten.

«Das Kernproblem ist, dass Menschen selten in der Lage sind, die langfristigen Folgen ihrer Aktionen vorauszusehen.»

Um diesen Problemen zu begegnen, ist globale ­Zusammenarbeit unabdingbar. Donald Trump kann keine Mauer gegen die klimabedingte Erhöhung des Meeresspiegels bauen. Die aktuelle Welle des Nationalismus halte ich für eine Art Flucht. Die Leute verschliessen vor den Problemen des 21. Jahrhunderts die Augen, indem sie sich in eine traditionelle, lokale Identität zurückziehen. Ich hoffe, dass sie früh genug erwachen.

Yuval Noah Harari beantwortete die Fragen per E-Mail.

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