Der ungeklärte Tod von Aspirant Flükiger

Es bleibt ein Rätsel, warum Offiziersaspirant Rudolf Flükiger aus Jegenstorf im Herbst 1977 im Jura umkam. Hatten jurassische Separatisten oder deutsche Terroristen die Hand im Spiel?

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Kurz vor acht Uhr abends läuft Aspirant Rudolf Flükiger los in die einsetzende Dämmerung. Am 16. September 1977 steht ein nächtlicher Postenlauf auf dem Programm der Offiziersschule in der jurassischen Kaserne Bure. Später wird man feststellen, dass Flükiger draussen im Gelände noch einen ersten Posten erreicht hat. Vor Mitternacht registriert man sein Fehlen. Der Kommandant bietet die 140 Offiziersschüler sofort zu einer Suchaktion auf.

Aber Flükigers Spur hat sich im Dunkeln verloren. Am nächsten Tag geht die Suche mit Spürhunden weiter. Die Armee informiert die zivilen Behörden des Bunds und des Kantons Bern. Die nordjurassische Ajoie gehört damals noch zu Bern. Suchbilder werden publiziert. Aber Flükiger bleibt unauffindbar. Es ist ein Rätsel, was dem 21-jährigen Bauernsohn aus Jegenstorf bei Bern zugestossen sein könnte. Ein Schwächeanfall? Ein Racheakt? Dagegen spricht, dass Flükiger fit und unter Kameraden beliebt ist.

Am Nachmittag des 13. Oktober 1977, vier Wochen nach Flükigers Verschwinden, findet ein Jäger in einem Wald beim Dorf Grandvillars, gleich jenseits der Grenze in Frankreich, einen Toten in Schweizer Armeekleidern. Der Körper ist zerfetzt von einer Schweizer Armeehandgranate. Bei der Leiche finden die Untersuchungsbehörden eine sauber halbierte Armeeidentitätsmarke aus Metall. Darauf eingestanzt ist der Name «Flükiger Rudolf».

Unwahrscheinlicher Suizid

Bis heute ist ungeklärt, wie und warum Rudolf Flükiger ums Leben gekommen ist. 40 Jahre später steht Hervé de Weck (74) vor der Kaserne von Bure. Der frühere Gymnasiallehrer, Historiker und Offizier aus Porrentruy blickt zum weitläufigen Waffenplatzgelände, wo Flükiger verschwunden ist. De Weck, aufgewachsen in Fribourg, gehört zu den wenigen, die den Fall nicht vergessen haben. Im Bulletin der jurassischen Offiziersgesellschaft, das er herausgibt, hat er mehrmals hartnäckig nach der Todesursache gefragt.

«Die offizielle Version Selbstmord halte ich für die unwahrscheinlichste aller Hypothesen», sagt de Weck. Suizide mittels Handgranate seien äusserst selten, erklärt er. Eher werde dafür eine Armeepistole verwendet. Flükiger, weiss de Weck, trug sie auf dem Postenlauf auf sich, sie sei aber nie gefunden worden.

Die Suizidthese zweifelt de Weck an, weil die Spezialisten im französischen Belfort und später am Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Bern anhand der verwüsteten Leichenreste nicht eruieren konnten, ob Flükiger vor der Explosion der Handgranate schon tot war oder nicht. Während die Gerichtsmediziner aus Belfort auch ein «Fremdeinwirken» für möglich hielten, erkannten ihre Berner Kollegen mit «hoher Wahrscheinlichkeit» einen Suizid.

Hervé de Weck (74) erzählt bei der Kaserne von Bure vom mysteriösen Verschwinden des Aspiranten Flückiger vor 40 Jahren. Video: Enrique Muñoz García

Rencontre mit Terroristen?

Um zu verstehen, welche Wellen die Affäre geworfen habe, müsse man sie in die damalige Epoche einordnen, sagt Hervé de Weck. Er blendet 40 Jahre zurück: Im politisch heissen Herbst 1977 halten die linksradikalen Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) gerade Deutschland in Atem. Am 5. September entführen sie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Sie wollen mit der Geiselnahme ihre Führungsleute Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Hoch­sicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim freipressen.

Was hat das mit Rudolf Flükigers Verschwinden zu tun? «Später wird man erfahren, dass die Terroristen Schleyer im Auto in die französische Grenzregion verschleppt haben und wohl auch in der schweizerischen Ajoie unterwegs waren», sagt de Weck. Flükiger könnte den Killern der RAF über den Weg gelaufen sein.

Entführt von Separatisten?

Aufgeheizt ist die Stimmung damals auch diesseits der Schweizer Grenze im Jura. In den 1960er-Jahren spitzt sich der Konflikt zwischen dem Kanton Bern und jurassischen Separatisten zu, die sich von Bern abspalten wollen. Mit Manifestationen, Brandstiftungen und Sprengstoffattacken provozieren Aktivisten wie die Béliers – die Widder – die Berner Autoritäten. Berntreue Antiseparatisten halten dagegen. Im Vorfeld der Plebiszite über einen eigenen Kanton im Nordjura entlädt sich die Spannung 1975 im Städtchen Moutier in Krawallen mit der Berner Polizei.

Im Herbst 1977 fehlt zur Gründung des neuen Kantons nur noch der Segen des Schweizer Stimmvolkes. Der Abstimmungstermin im September 1978 steht schon fest. Die Separatisten wissen, dass sie ihrem Ziel nahe sind und es nicht mit Provokationen gefährden dürfen. Offenbar haben das aber nicht alle Separatisten begriffen. Ein paar ungeduldige Heisssporne halten sich nicht an die Weisungen der separatistischen Anführer.

Hervé de Weck dirigiert uns von Bure ins nahe Dorf Grandfontaine. Der Gasthof Aigle ist gerade geschlossen. Aber de Weck weiss, dass er am Abend von Rudolf Flükigers Verschwinden geöffnet war. Wirt Alfred Amez steht am 16. September 1977 selber am Tresen und versorgt militante Separatisten mit Bier. Ihre Versammlung wird auch in einer knappen Notiz im Rapport der Berner Kantonspolizei vermerkt.

Aber die Notiz geht unter. Die Untersuchungsbehörden erfahren erst im Februar 1978 vom Treffen in Grandfontaine. Seit Fükigers Verschwinden sind da schon fünf Monate verstrichen, in denen vielleicht Spuren verwischt worden sind.

Publik wird aber, dass Deutschweizer am Morgen des 17. September in der Region ihre Ferienhäuser nicht erreichen können, weil in der Nacht die Zufahrten blockiert worden sind. 1983 wird das französische Blatt «L’Est républicain» schreiben, die Blockade gehöre zu einer Nachtaktion der Militanten aus dem Gasthof ­Aigle. Genau dort, wo Rudolf ­Flükiger auf seinem Postenlauf unterwegs ist. Offiziell bestätigt wird die Aktion nie.

Hervé de Weck (74) gibt im Dorf Grandfontaine Auskunft über das Verschwinden des Aspiranten Flückiger. Im Gasthof Aigle versammelten sich in der Nacht des Verschwindens militante Separatisten. Video: Enrique Muñoz García

Das anonyme Geständnis

Der Verdacht, militante Separatisten seien in Flükigers Verschwinden involviert, erhärtet sich zwei Tage nach dem Fund von dessen Leiche. Die Zeitung «L’Impartial» aus La Chaux-de-Fonds erhält am 15. Oktober einen anonymen Brief, getippt auf einer Schreibmaschine. Der Autor gibt sich darin als reuiger Separatist. Obwohl er Schweigegeld erhalten habe, erklärt er, könne er nicht länger für sich behalten, dass man den jungen Berner Flükiger nachts entführt habe, um ihn später nackt auf dem Berner Bundesplatz freizulassen.

Die Aktion sei aber aus dem Ruder gelaufen: Flükiger sei im Kofferraum eines Autos an Erbrochenem erstickt. Man habe die Leiche dann mit einer Handgranate gesprengt, um einen Suizid vorzutäuschen. Belegt wird die klandestine Geschichte des anonymen Autors bis heute nicht.

Showdown in Mogadiscio

Die separatistische Spur rückt bald wieder in den Hintergrund, weil sich auf dem Schauplatz des Terrorismus die Ereignisse überschlagen. Am 18. Oktober 1977, fünf Tage nach der Entdeckung Flükigers, befreit ein deutsches Sonderkommando auf dem Flughafen im ostafrikanischen Mogadiscio eine von Palästinensern entführte Lufthansa-Maschine.

Die RAF-Topterroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe, die mit der Flugzeugentführung freigepresst werden sollten, findet man am anderen Morgen tot in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim. Sie haben sich das Leben genommen. Am 19. Oktober findet die fran­zösische Polizei den ermordeten Hanns Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos in Mulhouse unweit von Basel.

Wenige Wochen später tritt die RAF dann am 22. Dezember 1977 leibhaftig im Jura auf. Mit Hervé de Weck fahren wir von Grandfontaine zum nahen Grenzposten Fahy, wo sich der Showdown ereignet hat. Seit die Transjurane-Autobahn den Verkehr kanalisiert, ist wenig los im verschlafenen Aussenposten. Die beiden Zöllner fertigen gerade einen einzelnen Lastwagen ab.

(Zum Vergrössern einfach anklicken)

RAF-Rückzugsraum in Ajoie?

Ihre Vorgänger halten kurz vor Weihnachten 1977 die beiden RAF-Terroristen Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller an, weil diese auf Waldwegen unerlaubterweise die Grenze überquert haben. Am Zollposten Fahy eröffnen die Terroristen das Feuer und verletzen beide Zöllner schwer. Kröcher und Möller flüchten mit dem Auto in die Schweiz und werden kurz darauf in Delémont verhaftet. Das Kartenmaterial, das sie bei sich haben, nährt den Verdacht, dass die RAF hinter der Schweizer Grenze in der Ajoie einen versteckten Rückzugsraum hatte.

Hervé de Weck spaziert am Zoll von Fahy ein paar Schritte hinüber nach Frankreich und dann wieder zurück in die Schweiz, wo er sich mit den Zöllnern unterhält. Dann erzählt er, ein Freund besitze unweit vom Grenzposten Fahy eine Scheune. Im Herbst 1977 habe er dort einen geparkten Mercedes mit deutschen Schildern gesehen. Die Schweizer Polizei sei seiner Meldung aber nicht nachgegangen. Auch Alfred Amez, der in Grandfontaine die Separatisten bewirtete, besass eine grenznahe Scheune.

Haben militante Jurassier womöglich den Terroristen Unterschlupf in verlassenen Scheunen in der Ajoie gewährt? Die Bundespolizei untersucht jedenfalls damals, ob es geheime Kontakte zwischen Terroristen und Separatisten gibt.

Im März 1978 erwähnt die Genfer Zeitung «La Suisse» – unter dem Titel «De Schleyer à Flükiger» – eine vertrauliche Notiz des französischen Polizeiaufklärungsdienstes, wonach die RAF-Terroristen den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer über Schweizer Boden in der Ajoie transportiert haben. Wenn das wahr ist, könnten RAF-Leute nachts zeitgleich mit Rudolf Flükiger auf dem damals nicht eingezäunten Waffenplatz unterwegs gewesen sein.

Alarmierte Berner Politiker

Nach dem Schusswechsel in Fahy erhält bald wieder die These einer separatistischen Täterschaft Auftrieb. Am 15. Februar 1978 bekommt Bundesrat und Verteidigungsminister Rudolf Gnägi einen anonymen Brief einer «Groupe action vérité af­faire Flükiger». Das Schreiben schliesst an den ersten anonymen Brief vom Oktober an und macht das bis jetzt von den Behörden übersehene Treffen im Aigle Grandfontaine publik.

Berner Politiker reagieren alarmiert. SVP-Parlamentarier Albrecht Rychen stellt im Berner Grossen Rat in «zehn dringenden Fragen» zur Affäre Flükiger die Suizidthese infrage. Anfang März löst die Affäre gar im Bundeshaus einen Schlagabtausch aus. Der Berner Nationalrat Valentin ­Oehen von der rechtsbürgerlichen «Nationalen Aktion für Volk und Heimat», ein scharfer Kritiker der Separatisten, wirft Justizminister Kurt Furgler vor, aktiv die Wahrheit zu vertuschen. Furgler reagiert heftig. «Er hat mich masslos angegriffen und alle Fragen abgeblockt», erinnert sich der heute 86-jährige Oehen.

Wer stahl Handgranaten?

Auf der Rückfahrt von Fahy erwähnt Hervé de Weck, dass Wirt Alfred Amez des Schmuggels verdächtigt worden sei. Überhaupt hätten Schmuggler in den 1970er-Jahren oft nachts den damals offenen und unbewachten Waffenplatz Bure durchquert. Vielleicht sind sie für Rudolf Flükigers Tod verantwortlich. «Woher hätten sie dann die Armeehandgranate gehabt?», fragt de Weck skeptisch. Als ehemaliger Offizier und Militärkenner weiss er, dass man Handgranaten nicht so leicht stehlen kann.

«Die professionellen Terroristen brauchten sie nicht, weil sie eigene Waffen hatten. Und ein Offiziersaspirant konnte nicht einfach eine Granate mitlaufen lassen», sagt de Weck. Und die separatistischen Béliers? «Bei ihnen hat man tatsächlich Schweizer Armeehandgranaten gefunden», sagt de Weck, «allerdings erst Jahre nach Rudolf Flükigers Tod.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.09.2017, 09:05 Uhr

Serie: Folge 1

Es waren irre Wochen, als sich im Herbst 1977 und Frühjahr 1978 im Jura drei rätselhafte Todesfälle ereigneten. Die Epoche damals war aufgeheizt: Deutsche Terroristen und jurassische Separatisten forderten gleichzeitig je ihren Staat heraus. Der verjährte Fall Flükiger, um den es im ersten Serieteil geht, lässt sich nach 40 Jahren kaum mehr klären. Soll der Jura-Konflikt richtig beigelegt werden, muss man aber noch einmal darüber reden. Nächste Folge: Wie Polizist Rodolphe Heusler und Wirt Alfred Amez im März 1978 umkamen.
Bilder und Filme über die Schauplätze auf der Website dieser Zeitung. svb

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