Wie man die Gesellschaft nach links rückt

SP-Nationalrat Cédric Wermuth verteidigt das genehmigte und umstrittene Wirtschaftspapier, verneint einen Zwist in seiner Partei und ist überzeugt, dass die gesellschaftliche Mitte auf Kapitalismuskritik anspricht.

Cédric Wermuth (30), Aargauer SP-Nationalrat am linken Flügel.

Cédric Wermuth (30), Aargauer SP-Nationalrat am linken Flügel.

(Bild: Keystone)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Sie gelten als ein Urheber des heiss diskutierten SP-Wirtschaftspapiers. Darf man Ihnen nach dessen Genehmigung am SP-Parteitag gratulieren?Cédric Wermuth: Das Papier entstand in einer Arbeitsgruppe. Ich habe bloss einige Inputs beigetragen. Ich habe mich für das Papier stark gemacht und bin froh, dass es so deutlich durchkam.

Parteiintern zu den Siegern zu gehören ist gut, wenn Sie, wie Medien vermuten, künftiger SP-Parteipräsident werden wollen. Wir haben eben den Parteipräsidenten Christian Levrat wiedergewählt. Die Frage stellt sich deshalb nicht.

Muss Christian Levrat nach der kontroversen Debatte vom Samstag über das Papier in der SP Gräben zuschütten? Nein. Wir hatten eine versöhnliche Diskussion. Pascale Bruderer, die für die Rückweisung des Papiers votiert hat, und ich kennen uns schon lange und arbeiten seit Jahren zusammen. Dieses Spannungsverhältnis in der SP ist uns seit 15 Jahren vertraut. Die Partei fällt doch nicht auseinander, wenn wir mal etwas lauter diskutieren. Darauf bin ich stolz. Die SP ist die einzige Partei, die sich überhaupt noch traut, basisdemokratisch ein Papier zu diskutieren. Von aussen wird das dann fälschlicherweise als Zerreissprobe interpretiert.

Rote Einigkeit und grosse Zustimmung am SP-Parteitag in Thun. Das umstrittene Wirtschaftspapier wurde deutlich gutgeheissen. Bild: Keystone

Verträgt die SP wirklich einen Spagat zwischen Kapitalismuskritikern und Freunden einer sozialen Marktwirtschaft? Die Sozialdemokratie kann nur als Volkspartei stark sein, das ist meine Überzeugung. Sie muss also den Anspruch haben, von Mitte Links bis ganz links alles abzudecken. Mit dieser Spannung muss sie leben und hat sie in ihrer Geschichte auch immer gelebt.

Das Wirtschaftspapier soll zur Überwindung des Kapitalismus beitragen. Ist das wirklich im Sinn von Mitte-Links-Wählern? Natürlich. Eine auf Profit ausgerichtete Wirtschaft zerstört die soziale Sicherheit und unseren Planeten. Das kann niemand wollen. Aber der Inhalt des Papiers ist halb so revolutionär, wie er dargestellt wird. Wir reden niemandem nach dem Mund. Wir formulieren eine Position, von der wir überzeugt sind, und versuchen die Menschen davon zu überzeugen. Nur so verschiebt man eine Gesellschaft nach links, nicht mit Opportunismus.

«Wenn die SVP die Gesellschaft nach rechts holt, ist es auch möglich, die Menschen von ei- ner linken Position zu überzeugen.»

Das schaffen Sie, die Gesellschaft nach links zu verlagern? Das hoffe ich. Die SVP hat es ja auch geschafft, die Gesellschaft und vor allem die politischen Opportunisten in der Mitte nach rechts zu holen. Also muss es auch möglich sein, die Menschen von einer linken Position zu überzeugen. Das schaffen wir nicht von heute auf morgen.

Erreicht man Wähler in der Mitte, wenn man wie die SP vom Klassenkampf spricht? Das Wirtschaftspapier ist alles andere als klassenkämpferisch, es ist vielmehr auf schrittweise Reformen ausgelegt. Der Kampf um mehr Demokratie, auch in der Wirtschaft, gehört seit jeher zur DNA der Sozialdemokratischen Partei.

Warum fehlen im Papier konkrete Sorgen wie die, mit über 50 Jahren oder wegen der Digitalisierung den Job zu verlieren? Das Papier enthält 20 konkrete Vorschläge. Die SP setzt sich seit Jahren für den Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende ein. Dieses Positionspapier ist aber kein Wahlkampfprogramm. Es gehört zur Aufgabe einer Partei, eine Gesellschaftsanalyse anzubieten. Ich halte wenig von der Entwicklung der bürgerlichen Parteien zu reinen Marketing- und Kampagnenorganisationen mit austauschbarem Inhalt. Es ist für die Demokratie verheerend, wenn sich niemand mehr traut, sich vertieft mit Problemen auseinanderzusetzen. Wir tun das.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt