Wie lange dauert Betroffenheit?

Aus der Flüchtlingskrise ist ein Drama geworden. Damit wachsen die Hilfsbereitschaft und der Druck, mit Flüchtlingen menschenwürdig umzugehen.

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Res Strehle@resstrehle

Das Bild des toten syrischen Kleinkinds an der Küste von Bodrum geht vielen nicht mehr aus dem Kopf. Aus der Flüchtlingskrise ist nun definitiv ein Flüchtlingsdrama geworden. Diese Wende in der öffentlichen Wahr­nehmung hatte vor zehn Tagen der Last­wagen auf dem Pannenstreifen bei Parndorf mitbewirkt. Nahe der österreichisch-ungarischen Grenze waren in einem Kühllastwagen die Leichen von 71 erstickten Flüchtlingen gefunden worden. Die Vorstellung, wie die Eingeschlossenen, unter ihnen vier Kinder, im slowakischen Kühlwagen um den letzten Sauerstoff rangen, ist unerträglich.

Unter diesen Eindrücken spricht eine Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr von Asylanten und Scheinflüchtlingen, sondern von gestrandeten Menschen an der Grenze zu Europa. Das Verhältnis zu diesen Migranten gleicht wieder jenem während des Kosovokriegs 1998 oder 1956 nach der Ankunft ungarischer Flüchtlinge. Auch heute ist die überwiegende Zahl der Migranten auf dieser Route einem Horror in ihren Herkunftsländern entflohen, die Flüchtlingslager in den umliegenden Ländern sind berstend voll, in Griechenland und Ungarn dazu menschenunwürdig.

Die Boulevardmedien, Seismografen der Befindlichkeit ihrer Leserschaft, empörten sich diese Woche für einmal nicht über Migranten, sondern über zynische Postings konservativer Politiker auf Facebook. Auch in den sozialen Medien dominierten die empathischen Reaktionen bis hin zu Solidarität. Die Frage wird sein, wie lange die Betroffenheit dauert. Nach der Katastrophe in Fukushima dauerte sie ein gutes Jahr, danach war Japan zurück bei der alten Energiepolitik und der Wahleffekt bei den grünen Parteien auch international verpufft.

Historische Wendepunkte

Es gab andere historische Wendepunkte, die zu einer fundamentalen Wende in der öffentlichen Wahr­nehmung führten: Die Bilder vom Massaker der US-Armee 1968 an der Dorf­bevölkerung im südvietnamesischen My Lai, die von Bomben zerstörten Deiche in Nordvietnam im Sommer 1972, die Gefangenenlager in Bosnien, das Massaker an jungen Männern in Srebrenica 1995 – diese Bilder sind vielen noch in Erinnerung. Sie haben in diesen Kriegen zum Stimmungs­umschwung geführt, ähnlich wie heute die Bilder der prekären Schlepperboote im Mittelmeer. Sie erinnern, auch wenn die Ursache nicht vergleichbar ist, an die Leidensbilder der Drogenabhängigen an Platzspitz und Letten zu Beginn der Neunzigerjahre. Not und Elend waren hier in einem Ausmass sichtbar, das niemanden gleichgültig liess. Zahlreiche private Helfer brachten damals Decken und kochten Suppe.

Auch jetzt wächst die Hilfsbereitschaft in der westeuropäischen Bevölkerung und damit verbunden die Bereitschaft, höhere Kontingente von Flüchtlingen aufzunehmen. Das ist wichtig, weil Voraussetzung dafür, dass die Politiker dieser Länder einem neuen Abkommen in der EU zu­stimmen können, ohne gleich mit ihrer Abwahl rechnen zu müssen.

Dublin 2, oder wie das Abkommen dann heissen wird, muss die Schwächen von Dublin 1 beseitigen: die zu hohe Last der südeuropäischen Länder mit direkter Aussengrenze zu den Krisenräumen in Nahost und Nordafrika, die vielerorts fehlende Integration. Vorab Frankreich wird wie bei der Eurorettung und der Ukrainekrise zusammen mit Deutschland eine Schlüsselrolle spielen ­müssen, um die Populisten zur Vernunft zu bringen. Wenn der Spielraum für Sozialisten und Bürgerliche gegenüber dem Front National grösser wird, kann dies entscheidend sein für den Durchbruch zu einer Lösung am EU-Sondertreffen vom 14. September.

Vielleicht sind die Eckpunkte einer Lösung dann gar nicht so anders als im Fall der Eurokrise und beim Drogenproblem: Nothilfe, Repression gegen die Dealer (hier heissen sie Schlepper) und Aufbau neuer tragfähiger Strukturen. Die Schweiz hat das bis jetzt nicht schlecht gemacht, profitierte dabei auch von ihrer geografisch einfacheren Lage. Jetzt muss sie zeigen, wie sie auch mit einer deutlich höheren Zahl von Flüchtlingen menschenwürdig umgehen kann.

Europas Leitbild hat mit Freiheit, Aufklärung und Menschenrechten zu tun. Dazu gehören nicht nur Wirtschafts­freiheiten und eine ­gemeinsame Währung. Sondern auch die Bereitschaft, sich echter Not anzunehmen. – Seite 7

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