Wie Flüchtlinge kinderleicht Deutsch lernen

Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration von Flüchtlingen. Herkömmliche Sprachkurse aber setzen wie in der Schule auf grammatische statt auf kommunikative Kompetenz. Mit einer alternativen Methode, könnte man schneller mehr erreichen.

Integration von Flüchtlingen: In traditionellen Sprachkursen sind ungebildete Erwachsene oft überfordert.

Integration von Flüchtlingen: In traditionellen Sprachkursen sind ungebildete Erwachsene oft überfordert. Bild: Fotolia

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Nach dem Wahldebakel für die CDU bei den Wahlen in Berlin hat Parteichefin und Bundeskanz­lerin Angela Merkel im Herbst erstmals klipp und klar Fehler und Versäumnisse in der eigenen Flüchtlingspolitik eingeräumt: «Wir waren nicht gerade Weltmeister bei der Integration.» Selbstkritisch ergänzte sie, dass zu wenig Sprachkurse angeboten würden und dass man nicht genügend Lehrkräfte habe. Es fehlt also primär nicht an Geld, sondern an Lehrenden.

Integrationskurse als Pflicht

Dass Deutschkenntnisse für die gesellschaftliche Integration und für intakte Chancen auf dem Arbeitsmarkt unerlässlich sind, darüber herrscht in Deutschland Einigkeit. Nur: Wie genau soll das erreicht werden? Darüber läuft seit der Ankunft von gegen einer Million Flüchtlingen im letzten Jahr eine Debatte, die auch für die Schweiz von Bedeutung ist. Denn auch hierzulande enthalten Integrationsvereinbarungen oft die Bedingung, einen Sprach- oder Integrationskurs besucht zu haben.

Auf der Website des Staatssekretariates für Migration (SEM) etwa steht: «Besonders wichtig ist, dass Ausländer möglichst rasch nach ihrer Ankunft in der Schweiz eine Landessprache erlernen.»

Letztes Jahr hatte Berlin ein Massnahmenpaket verabschiedet «für den Erwerb der deutschen Sprache, das Erkennen von Kompetenzen und Potenzialen von Flüchtlingen und für die Integration in Ausbildung und Beruf». Als Teil des neuen Integrationsgesetzes sind inzwischen Integrationskurse für anerkannte Flüchtlinge obligatorisch. Auf dem Papier, denn die Nachfrage ist weit höher als das Angebot. Nach Presseberichten fehlen Hunderttausende von Plätzen in den Integrationskursen.

Integrationsbarrieren

Angesichts der Dimension der Herausforderung stösst man mit herkömmlichen Integrationsmethoden rasch an Grenzen – gerade was den Spracherwerb betrifft. Zu einem traditionellen Sprachkurs gehören Bücher, gebüffelt wird Grammatik. Doch «Bildungsferne», so nennt der Fachjargon die weniger gut Gebildeten unter den erwachsenen Flüchtlingen, sind damit rasch überfordert.

Wenn Fortschritte ausbleiben, sind Enttäuschungen und Frustrationen vorprogrammiert, bei den Asylsuchenden, aber auch bei den Lehrkräften und bei potenziellen Arbeit­gebern.

Deshalb plädiert die Sprachwissenschaftlerin Inge Egner für eine alternative Lernmethode: den Growing Participator Approach (GPA), einen Ansatz, der vom kanadischen Linguisten Greg Thomson in den letzten fünfundzwanzig Jahren entwickelt worden ist. Egner hat in Westafrika selbst afrikanische Sprachen in der von Thomson vorgeschlagenen Weise gelernt.

Eines der Grundprinzipien beim GPA-Ansatz ist, dass Sprachen in Beziehungen am besten gelernt werden. Für die 67-jährige Deutsche ist daher klar, dass man mit GPA gerade in der Flüchtlingsarbeit erfolgreich Integrationsbarrieren überwinden kann.

Das Lernen geschieht ohne Lehrbuch, durch spielerische Sprachübungen mit Gegenständen und Bildern und in echten Interaktionen mit dem «Sprachpaten», wie die Lehrkraft bei GPA genannt wird.

Die Lernenden machen auf ihren Smartphones Tonaufnahmen des Lehrstoffs, den sie so zu Hause wiederholen können. Ein zweites Grundprinzip von GPA ist, dass das Sprachelernen und die «kommunikative Kompetenz» bereits mit dem Hörverstehen beginnen und nicht erst mit dem Sprechen, wie es auch beim kindlichen Spracherwerb der Fall ist.

Alltagsbewältigung als Ziel

«Warum sollte beim Zweitspracherwerb nicht funktionieren, was beim Erstspracherwerb normal ist?», fragt Egner im Gespräch. Durch den Fokus auf dem Hören kommen überdies die Bildungsunterschiede zwischen den Lernenden kaum zum Tragen.

«Warum sollte beim Erwerb einer Fremdsprache nicht funktionieren, was beim Erlernen der Muttersprache ­normal ist?»

Inge Egner

Analphabeten haben hier sogar einen Vorteil, denn sie sind es ­gewohnt, sprachliche Informationen über ihr Gehör aufzunehmen. Der GPA-Unterricht führt in einem 6-Phasen-Programm von insgesamt 1500 Stunden von der völligen Unkenntnis einer Sprache zu umfassender Sprechkompetenz.

Dann kommt Egner auf die Situation in Deutschland zu sprechen: «Man darf sich fragen, ­wieso der Grammatikunterricht überhaupt beibehalten wird, gerade in den Integrationskursen. Denn diese sollen ja dazu dienen, im deutschen Alltag sprachlich ohne Dauerstress zurechtzukommen.»

Den Integrationskursen aber liege ein Mythos zugrunde: «Er besteht in der Annahme, dass grammatische Kompetenz quasi automatisch zu kommunikativer Kompetenz führt.» Eine Sprache werde jedoch nicht dadurch erlernt, dass man über sie kommuniziert, sondern dadurch, dass man in ihr kommuniziert.

Egner und andere Verfechter des GPA-Ansatzes würden diesen gern bei Integrationsträgern und Behörden bekannter machen. Immerhin bieten inzwischen ­einzelne Volkshochschulen in Deutschland entsprechende Sprachkurse für Flüchtlinge an, ebenso finden Schulungen für ­ehrenamtliche Sprachpaten statt.

Und Lernende, die mit GPA unterrichtet wurden, haben die Deutschtests für Zuwanderer (DTZ) und damit die vom deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) vorgegebenen Lernziele ausnahmslos erreicht. Die GPA-Methode hat also den Tatbeweis erbracht. Doch der Weg durch die Institutionen ist lang. Er hat erst begonnen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.11.2016, 11:37 Uhr

Kathrin Pope. (Bild: Dale Peacock)

Neue Lernmethode kommt auch in die Schweiz

In der Schweiz engagiert sich Kathrin Pope, Sprachlern­expertin vom Missionswerk Wycliffe Schweiz, für die GPA-Lernmethode bei der Integration von Flüchtlingen.

Auch für Kathrin Pope sind die traditionellen Sprachkurse zu grammatik- und schriftlastig. Schlimmer aber sei: «Die oft lange Zeit zwischen Asylantrag und Asylentscheid wird nicht für den Spracherwerb genutzt.» Deswegen ist für sie klar: «Wenn niemand bereit ist, sich auf die Fremden einzulassen, sie kennen zu lernen, mit ihnen Zeit zu verbringen, ihnen zu ­erklären, wie die Schweizer ­ticken, was man hier macht und nicht macht, dann bleiben sie Fremde.»

Die frühere Sekundarlehrerin lebt in Basel und bietet in der Schweiz seit diesem Frühling Seminare für Laien an, in denen der Sprachlernansatz vorgestellt und praktisch geübt wird. Die Unterlagen «Deutsch für Flüchtlinge» und Videolektionen sind gratis auf der Wycliffe-Website greifbar.

An der nationalen Flüchtlingskonferenz vom nächsten Samstag in Bern (www.stop­armut.ch) hält sie den Workshop «Spielerisch Deutsch lernen – ohne Lehrbuch». Sie stellt dort Methoden vor, mit denen künftige Sprachpaten arbeiten können. Damit die praktischen Übungen möglichst realitätsnah sind, beinhaltet der Workshop unter anderem einen Crashkurs in einer westafrikanischen Sprache. Diese beherrscht Pope, seit sie von 1984 bis 1994 in einem Bibelübersetzungsprojekt in Benin gearbeitet hat.asr

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