Wie die Bettelkinder aus Bern verschwanden

Sie betteln, stehlen und musizieren in Schweizer Städten – alles unfreiwillig. Die Zahl der delinquierenden Roma-Kinder aus Osteuropa hat zugenommen. Die Stadt Bern hat ein Rezept gegen das Phänomen.

Banden bringen Kinder und Jugendliche aus tiefster Armut in die Schweiz: Strassenkinder in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. (Archivbild)

Banden bringen Kinder und Jugendliche aus tiefster Armut in die Schweiz: Strassenkinder in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Hinter diesen Fakten stehen Schicksale: In den letzten vier Jahren hat sich die Zahl der verurteilten minderjährigen Kriminaltouristen verdoppelt. Wurden 2009 noch 410 Kinder und Jugendliche ohne Wohnsitz in der Schweiz festgenommen, so waren es 2013 gemäss der SRF-Nachrichtensendung «10 vor 10» bereits 830. Sie kommen vorwiegend aus Osteuropa – und üben ihre kriminelle Tätigkeit in der Schweiz nicht freiwillig aus. In ihren Heimatländern werden sie von Schleppern angeworben und schliesslich an gut organisierte Banden ausgeliehen. Viele von ihnen sind Roma aus Rumänien oder Bulgarien.

In Bern ist das Phänomen seit längerer Zeit bekannt. Dort, in der Innenstadt unter den Lauben, mehrten sich vor Jahren die bettelnden, stehlenden und musizierenden Roma-Kinder. 2009 führte die Fremdenpolizei schliesslich eine verdeckte Überwachungsaktion durch, um herauszufinden, wie die Banden arbeiten. Fazit: Die Kinder stehen unter ständiger Beobachtung der agilen Hintermänner. Sie müssen mit Sanktionen rechnen, wenn sie nicht bestimmte Geld- und Wertsachenbeträge generieren. Und sind den Menschenhändlern damit schutzlos ausgeliefert.

Aufruf an die Öffentlichkeit

Darum rief Alexander Ott, Chef der Berner Fremdenpolizei, vor vier Jahren die Öffentlichkeit dazu auf, den Bettelkindern kein Geld mehr zu geben. Davon würden nur die Banden profitieren. Dieser Aufruf habe seine Wirkung nicht verfehlt, sagt Ott rückblickend gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz: «Nicht nur die Öffentlichkeit wurde dadurch sensibilisiert – auch die Menschenhändler wurden abgeschreckt.» Dies insbesondere auch deshalb, weil die Stadt Bern im selben Jahr das Pilotprojekt Agora lancierte. Damit wollte sie nicht nur die sichtbaren Symptome des Menschenhandels bekämpfen, sondern die minderjährigen Opfer nachhaltig schützen. Mit dem Ziel, die Reisewege der Bettler zu verfolgen und letztlich an die Hintermänner zu gelangen, vernetzte sich die Berner Fremdenpolizei stärker mit den rumänischen Behörden und dem Bundesamt für Polizei. Das sprach sich gemäss Ott in den professionell organisierten und gut informierten kriminellen Banden rasch herum. «Seither meiden sie Bern. Ihr lukratives Geschäft funktioniert schliesslich nur, wenn sie ungestört arbeiten können.»

Das Projekt Agora steht auch für eine andere Herangehensweise der Behörden: Wird ein Kind aufgegriffen, wird dessen Herkunft genau geprüft. Wer sind seine Eltern? In welchem Land ist es gemeldet? Um diese aufwendigen Abklärungen machen zu können, besteht seit der Lancierung 2009 die Möglichkeit, die Kinder vorübergehend in einem städtischen Kinderheim unterzubringen. Dort sind stets eine Handvoll Plätze für solche Fälle reserviert. «Diese Massnahme mussten wir bis heute aber noch nie anwenden – die Bettelkinder sind dank unserer offensiven Strategie weitestgehend aus dem Strassenbild verschwunden», so Ott. Wegen Agora sei die Polizei jedoch jederzeit für eine solche Situation gerüstet: Würde ein Bettelkind aufgegriffen, dann würde während des Heimaufenthalts die Rückkehr ins Heimatland vorbereitet. Vor Ort unterhalte man Kontakte mit den zuständigen Vormundschaftsbehörden sowie mit Kinderhilfsorganisationen. In deren Obhut kämen die Betroffenen, wenn eine Unterbringung bei der Familie oder bei Verwandten nicht zumutbar wäre. Das würde die Gefahr für die Kinder mindern, erneut in die Fänge der Menschenhändler zu geraten.

Umdenken in den Städten

Seit diesen Bemühungen gilt die Stadt Bern als Pionierin bei der Bekämpfung der organisierten Kleinkriminalität und Bettelei. Weil Städte in der ganzen Schweiz von dem Problem betroffen sind, hat der Schweizerische Städteverband – gestützt auf die Erfahrungen aus dem Agora-Projekt – vor zwei Jahren gemeinsam mit Bern und der Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel des Bundes einen Bericht erarbeitet. Dies habe eine Sensibilisierung bewirkt, sagt der stellvertretende Direktor Martin Tschirren. «Es hat ein Umdenken stattgefunden: Bettelnde und stehlende Kinder aus Osteuropa werden nicht länger als Täter, sondern vielfach als Opfer des organisierten Menschenhandels wahrgenommen.» Das Berner Vorgehen zeige anderen Städten einen konkreten Lösungsansatz für die Problematik auf. Zudem werde dadurch ein koordiniertes Vorgehen begünstigt.

Ott bestätigt das Interesse an den Berner Erfahrungen. «Luzern, Lausanne oder Genf: Wir tauschen uns mit Städten aus der ganzen Schweiz aus. Unser Pilotprojekt hat die Vernetzung zu diesem Thema gefördert. Gezielte Abklärungen bei Verhaftungen von Kindern und Jugendlichen sind heute üblicher geworden.» Bei Bedarf stehen zudem die Plätze im Berner Kinderheim auch für aufgegriffene Kinder aus anderen Kantonen offen.

Das langfristige Ziel der beteiligten Behörden wäre es, den Machenschaften der Menschenhändler in der Schweiz den Boden zu entziehen. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass dies die Behörden vor eine grosse Herausforderung stellt – denn die agilen Banden passen ihr Vorgehen den situativen Gegebenheiten an und verlagern ihren kriminellen Wirkungskreis flexibel.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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