Wie die Berner Polizei in Zimmerwald die Revolutionäre übersah

Wie ein grandioses Theater in der Provinz mutet die vor 100 Jahren eröffnete Konferenz von Zimmerwald an. Unbeachtet von Einheimischen und der Polizei, trafen sich dort knapp 40 Sozialisten zu einer internationalen Friedenskonferenz.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Landjäger Meier aus Belp kommt erst am Dienstag, 7. September 1915, nach Zimmerwald hinauf. Der Polizist geht im Dorf auf dem Längenberg einer Klage nach: In der Pension Beau Séjour sollen junge Einheimische und ein paar Gäste am Sonntagabend lautstark getrunken und getanzt haben – weit über die Sperrstunde hinaus.

Meier ermittelt. Und eruiert, dass die Bewilligung von Wirt Anton Eberle abgelaufen ist und dieser Gäste nicht ordnungsgemäss in der Fremdenkontrolle einträgt. Er brummt Eberle eine Busse von 10 Franken auf. Für Meier ist die Angelegenheit damit erledigt.

Unaufmerksame Polizei

Was der Landjäger übersieht: Schon seit dem Sonntag tagt im Beau Séjour ein klandestiner Zirkel, zu dem Figuren gehören, die heute in keinem Geschichtsbuch fehlen. Etwa Wladimir Illjitsch Lenin und Leo Trotzki, die zwei Jahre später die russische Revolution anführen und die Sowjetunion gründen werden.

Wäre Meier im Dienst des russischen Zaren gewesen, hätte er die zwei gesuchten Revolutionäre sofort verhaftet. Zwar hört der Polizist im Dorf Gerüchte über eine geheime Konferenz, bei der der bekannte Sozialist Robert Grimm aus Bern zugegen sei. Das kantonale Berner Polizeikommando aber erklärt später, man habe «der Sache keine grosse Bedeutung beigemessen».

Heute gilt die Konferenz von Zimmerwald als Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Bernard Degen, Mitarbeiter am Departement Geschichte der Universität Basel, erklärt warum: Seit 1914 bekämpfen sich Europas Grossmächte erbittert im Ersten Weltkrieg. Kein Franzose spricht mehr mit einem Deutschen, seit sich die zwei Nationen in Schützengräben gegenüberstehen. Im idyllischen Zimmerwald aber diskutieren erstmals seit Kriegsbeginn Politiker der Krieg führenden Mächte über Frieden und fordern diesen einstimmig in einem Manifest.

Historisch bedeutsam sei noch ein zweiter Punkt, sagt Degen, der als Koautor eben ein Buch über die Konferenzen von Zimmerwald und 1916 in Kiental herausgegeben hat: Das Zimmerwalder Manifest spricht sich unter anderem dezidiert gegen Kriegsentschädigungszahlungen aus. Heute weiss man, dass die hohen Entschädigungszahlungen, die Deutschland nach dem Weltkrieg auferlegt wurden, ein epochaler Fehler waren. Sie haben das Land ausgeblutet und den Aufstieg der Nationalsozialisten erleichtert.

Linker Katzenjammer

In Zimmerwald sollen am Sonntagabend vor 100 Jahren auch einige Konferenzteilnehmer bis in die Nacht getanzt haben. Wohl auch, um sich aufzuheitern. Denn in Europas Linksparteien herrscht Katzenjammer. Das Treffen der Delegierten in Zimmerwald dient auch dazu, die eigenen Wunden zu lecken. 1889 haben Europas Linke in Paris die Sozialistische Internationale formiert.

Der grenzüberschreitende Schulterschluss ist ein Statement gegen den Nationalismus: «Arbeiter aller Länder Europas, ihr seid Brüder und sollt nicht gegeneinander Krieg führen. Vielmehr müsst ihr die Herrschenden in eurem Land stürzen und das kapitalistische Ausbeutungssystem stoppen.» Für die Linke kommt Klasse vor Vaterland.

Die Realität hält sich leider nicht an dieses schöne Programm. Von nationalistischem Fieber gepackt, stürzen sich die Grossmächte 1914 in den Weltkrieg. Auch die linken Parteien erliegen dem patriotischen Überschwang und stimmen in Europas Parlamenten mehrheitlich den Kriegskrediten zu. Sie willigen gar in einen nationalen Burgfrieden mit ihren politischen Feinden ein: den bürgerlichen und konservativen Parteien.

Dieser Verrat an den völkerverbindenden Idealen killt die Internationale. Nur radikale linke Minderheiten wagen noch die Opposition gegen den Kriegskurs. Den sozialdemokratischen Parteien droht dadurch die Spaltung, was ihren Einfluss noch schwächen würde.

Der vernetzte Robert Grimm

Auch der 33-jährige Schweizer Arbeiterführer Robert Grimm (siehe Infobox) unterstützt als Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei (SP) vorerst kriegsbedingte Sondervollmachten für den Schweizer Bundesrat. Doch schon wenige Monate später kehrt er in der «Berner Tagwacht» zurück zum Klassenkampfvokabular. Grimm ist Chefredaktor der 1997 eingestellten linken Tageszeitung.

1915 setzt er die kühne Idee um, an einem internationalen Konferenztisch in der neutralen Schweiz die nationale Fixierung der Linksparteien zu überwinden. Beim Parteivorstand der SP Schweiz blitzt Grimm mit dem Vorhaben ab, er erhält aber grünes Licht, auf eigene Faust aktiv zu werden. Grimm ist dafür der richtige Mann, denn nach Besuchen in Berlin, Paris oder London ist er hervorragend vernetzt in der internationalen linken Szene.

Bald kommen Frankreichs und Italiens linke Spitzenkräfte auch gern zu Grimm nach Bern. Denn durch die Eröffnung der Lötschbergbahn 1913 können sie auf der nun durchgehenden Strecke zwischen Mailand und Paris bequem in Bern einen Zwischenhalt einlegen.

In der zweiten Augusthälfte 1915 verschickt Grimm Einladungen an Delegierte in ganz Europa. Er bietet sie für eine Konferenz am Sonntag, 5. September, um 10 Uhr nach Bern auf. Ins 1914 eröffnete Volkshaus an der Zeughausgasse.

Auf vier Pferdefuhrwerken

In der Einladung merkt Grimm knapp an, er gebe «den wirklichen Tagungsort in der Umgebung Berns» erst am Sonntagmorgen bekannt. Am 5.September 1915 lässt er die Delegierten auf dem Eigerplatz auf vier Kutschen aufsteigen. In seinen Erinnerungen schreibt Leo Trotzki: «Man fuhr per Pferdefuhrwerk durch liebliche grüne Wiesen und Wälder auf die Höhen des Längenbergs, allen neugierigen Fragen über das Wohin ausweichend.» Trotzki frotzelt, dass man 50 Jahre nach der Schaffung der Internationalen «alle Internationalen auf vier Pferdewagen unterbringen» könne.

Die Quittung des Berner Fuhrhalters nennt 37 Passagiere. Die genaue Teilnehmerzahl ist umstritten. Es sind Vertreter und fünf Vertreterinnen aus Frankreich, Italien, Deutschland, Holland, Bulgarien, Lettland, Polen, Russland, Rumänien, Schweden, Norwegen und der Schweiz. Einige sind illustre Figuren. Etwa Alphonse Merrheim, Chef der französischen Metallarbeitergewerkschaft. Oder der Pole Karl Radek sowie die Russen Lenin, Trotzki und Sinowjew, die bald zum Spitzenpersonal der Sowjetunion gehören werden.

Raffinierte Tarnung

Nach zwei Stunden Fahrt erreichen sie kurz nach Mittag Zimmerwald und checken im Beau Séjour ein. Heute würde man ihm höchstens einen Stern verleihen, der Komfort ist minimal, die Delegierten schlafen je zu zweit in Zimmern, einige müssen sich mit Wolldecken aus der nahen «Armenanstalt Kühlewil» begnügen. Für die Russen, die im westlichen Exil ein karges Leben führen, ist das kein Problem. Die Teilnehmer müssen Kost und Logis selber zahlen. Wirt Eberle verrechnet am Ende total 300 Franken. Die Druckkosten der Konferenz sind höher.

Landjäger Meier aus Belp übersieht das Treffen wohl auch deshalb, weil Robert Grimm es raffiniert tarnt. Historiker Degen geht davon aus, dass Grimm das Beau Séjour bewusst gewählt hat: «Er wusste , dass es eine kriselnde, billige Pension ist, deren Wirt sich über eine volle Bude freuen würde und es mit der Gästeregistrierung nicht so genau nimmt.» Grimm habe auch annehmen können, dass «Fremde» in Zimmerwald nicht weiter auffallen, da sich das Dorf damals als Kurort zu etablieren versucht.

Die Legende, dass Grimm die Konferenz als Zusammenkunft von Ornithologen ausgegeben habe, sei zwar nicht erhärtet, aber plausibel, sagt Degen. So wäre jedenfalls die Einreise der teilweise polizeilich überwachten Delegierten in die?Schweiz nicht aufgefallen. Während der Konferenz unterbindet Grimm gar den Postverkehr der Teilnehmer, damit keine Nachrichten nach aussen dringen.

Grimm selber logiert bei Tierarzt Robert Streit. Vielleicht auch, um den Informationsfluss unter Kontrolle zu haben. Denn Streit verfügt über einen der drei Zimmerwalder Telefonapparate. Der clevere Grimm hätte womöglich gar die Abhöranlage Onyx ausgetrickst, die die Schweizer Armee heute in Zimmerwald betreibt. Allerdings erst seit dem Jahr 2000.

Linke Hahnenkämpfe

Wenn Linke zusammensitzen, zerstreiten sie sich in Richtungskämpfen und spalten sich in Fraktionen auf, besagt ein Klischee. Ganz falsch ist es nicht. Und für die Konferenz von Zimmerwald trifft es zu, suggeriert der Journalist Willi Gautschi 1973 in seinem Buch «Lenin als Emigrant in der Schweiz». Mit ironischem Unterton spricht Gautschi von der «heterogenen» Schar der Delegierten.

Der Mehrheit um Robert Grimm und Alphonse Merrheim geht es darum, «der darniederliegenden Internationale neue Impulse zu geben und durch die Wiedererweckung des Klassenkampfs eine Friedensaktion einzuleiten». So formuliert es Grimm am Sonntag in seiner Eröffnungsrede.

Die radikale achtköpfige Minderheit um Lenin aber hält das für ein aussichtsloses Softprogramm. Lenin will die alte, in seinen Augen korrumpierte Internationale durch einen revolutionären Schulterschluss unter seiner Führung ersetzen. Und er fordert, den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg von Europas Proletariern gegen die Herrschenden umzuwandeln.

Für die gemässigte Konferenzmehrheit ist diese Idee, den Lauf der Geschichte gewaltsam zu beschleunigen, viel zu drakonisch und realitätsfern. Sie setzen auf Reform statt auf Revolution. Zwischen den beiden Fraktionen steht noch die kleine Zentrumsgruppe um Leo Trotzki, den späteren Kriegsminister Lenins.

Der Verhandlungsmarathon

Lenin, damals ausserhalb linker Kreise noch gänzlich unbekannt, wird nur drei Jahre später sein radikales Programm in der russischen Revolution gnadenlos umsetzen. Aber in Zimmerwald ist er dem souveränen Konferenzleiter Robert Grimm, der die Fäden in der Hand hält, unterlegen. Nur fünfmal meldet sich Lenin jeweils kurz zu Wort. In einer Separatsitzung bis tief in die Nacht aber feilt er an einer Minderheitserklärung und trimmt seine Gefolgsleute knallhart auf seine harte Linie.

Auch das Plenum debattiert in der Schlussnacht auf Donnerstag bis in die frühen Morgenstunden. Die Marathonsitzungen von Zimmerwald stehen denen der EU-Kommission beim Schnüren des Griechenland-Sparpakets in nichts nach. Die Delegierten inszenieren sich mit heiligem Eifer wie Staatsmänner in einem Theaterstück ohne Publikum.

«Sie standen unter dem Druck, ein Resultat, einen Durchbruch vorzulegen, um sich zu legitimieren und nicht wie frühere Konferenzen auf halbem Weg stehen zu bleiben», erklärt Historiker Degen. Taktiker Grimm lässt deshalb die drei Fraktionen zuerst je eigene Entwürfe eines Schlussmanifests abfassen. Im schattigen Garten des Beau Séjour destilliert er daraus mit Trotzki und der mehrsprachigen ukrainisch-italienischen Delegierten Angelica Balabanoff dann eine Hauptfassung.

Wenig überraschend torpedieren Lenin und seine Leute diese mit Streichungs- und Zusatzanträgen. Auch für Lenin geht der Wille zur Einigkeit schliesslich vor, und er begnügt sich mit einer Zusatzerklärung zum Konferenzprotokoll. Bis Donnerstag früh um halb drei feilschen sie um das Abschlussmanifest. Am Ende erheben sich alle Delegierten, als Zeichen der Zustimmung, und stimmen erleichtert die Internationale an. Erschöpft kriechen sie dann unter die kratzigen Wolldecken aus Kühlewil.

Zehntägige Sperrfrist

Die Welt erfährt vorerst nichts vom Friedensbeschluss in der Schweizer Provinz. Damit die Delegierten unbehelligt in ihre Heimatländer zurückreisen können, hat Grimm eine Informationssperre verhängt. Als der «Petit Parisien» von einer Geheimkonferenz in Bern schreibt, dementiert die «Berner Tagwacht» umgehend. Zehn Tage nach Konferenzschluss druckt sie dann das ganze Zimmerwalder Manifest ab. Trotz Zensur in den Krieg führenden Ländern berichtet bald auch Europas Presse.

Frankreichs Geheimdienst hat schon Anfang September erfahren, dass Gewerkschafter Merrheim an eine Konferenz in die?Schweiz fahren will. Um Aufsehen zu vermeiden, lässt sie ihn reisen. Auch die deutsche Gesandtschaft in Bern hat Kenntnis von einer Sozialistenkonferenz in der Schweiz, die «den Kampf mit revolutionären Mitteln» fordere. Die offizielle Schweiz reagiert spät und erst auf Druck des Auslands.

Die Bundesanwaltschaft verlangt von der Berner Kantonspolizei eine Untersuchung. Diese erklärt die Konferenz – in einer auch heute noch vertrauten Schweizer Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Weltfremdheit – für unwichtig.

«Sowjetisches Rütli»

Die Konferenz von Zimmerwald ist ein Paukenschlag, der ohne Nachwirkung verhallt. Weder den Weltkrieg noch den Zerfall der Internationale hält sie auf. Die Ironie von Zimmerwald aber ist, dass ausgerechnet die gewaltbereiten Nebendarsteller des leicht skurrilen Friedenstheaters, Lenin und Trotzki, den Sprung auf die Weltbühne schaffen. Zimmerwald ist für Lenin Karrieresprungbrett und Gründungsort. Hier präsentiert er erstmals wirksam seine Bewegung. Schweizer Historiker nennen das Dorf auf dem Längenberg deshalb augenzwinkernd das «sowjetische Rütli».

Berner Zeitung

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