Wer das Mutterglück verdoppeln will 

Mehr Gesuche für Stiefkindadoptionen: Ein Grossteil der Anträge stammt von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Homosexuellen steht bis anhin nur die Adoption von Stiefkindern eines Partners offen, jedoch nicht die fremder Kinder. Foto: Getty Images

Homosexuellen steht bis anhin nur die Adoption von Stiefkindern eines Partners offen, jedoch nicht die fremder Kinder. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das Kind hat seit dem 20. 4. 2018 offiziell zwei Mütter.» So endet ein Erfahrungs­bericht zur Stiefkindadoption eines lesbischen Paars auf der Website des Dachverbands Regenbogenfamilien. Möglich wurde diese Adoption durch die Änderungen des entsprechenden Rechts, die seit Januar in Kraft sind. Sie ermöglichen, dass gleichgeschlechtliche sowie unverheiratete Paare, die mindestens drei Jahre zusammengelebt haben, Stiefkinder in ihre Familie integrieren und ­Vorkehrungen für den Fall des Todes des leiblichen Elternteils treffen können. Bis anhin war dies nur heterosexuellen Ehepaaren gestattet.

Und die gleichgeschlechtlichen Paare machen vom Adoptionsrecht Gebrauch, wie das Newsportal Watson zuerst berichtete: So sind seit Januar allein im Kanton Bern 53 Stiefkindadoptionsgesuche eingegangen, 38 davon von lesbischen oder schwulen Eltern. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es insgesamt 22 Gesuche. Auch in anderen Kantonen sind zahlreiche Anträge eingegangen: Aargau (9), Basel-Stadt (6), Freiburg (3), Genf (18), St. Gallen (7), Waadt (4). Diese Werte gewinnen an Bedeutung, wenn man sie in Bezug zu den rückläufigen Zahlen bei adoptierten Personen setzt. Gab es vor zwanzig Jahren noch 1039 Adoptierte, waren es letztes Jahr nur noch 305, davon 197 Stiefkinder – ein Tiefstand. Ein Grund für diesen Rückgang sind die Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin.

Doch nicht überall werden ­detaillierte Zahlen erhoben: So verzeichnet der Kanton Zürich – ohne seine Kantonshauptstadt – derzeit ebenfalls 16 Gesuche mehr als im Vorjahr. Diese werden jedoch nicht aufgeschlüsselt. «Wir geben keine Auskunft zur sexuellen Orientierung der Antragstellenden, da diese für die Abklärungen zur Stiefkindadoption keine Bedeutung hat», sagt Heidi Steinegger, Leiterin der kantonalzürcherischen Adoptionsbehörde. Im Rahmen von Adoptionen sei einzig das Kindeswohl ausschlaggebend.

Grosse kantonale Unterschiede

In den angefragten Kantonen haben auch zehn Männerpaare ein Gesuch eingereicht. Die Männer bewegen sich oftmals in einer rechtlichen Grauzone, da ihre Anträge auch Babys betreffen, die im Ausland von einer Leihmutter geboren wurden. Das ist in der Schweiz illegal, doch kam sowohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als auch das Bundesgericht zum Schluss, dass der biologische ­Vater des Kindes als Elternteil anerkannt wird. Somit ist es nun auch möglich, dass der ­Lebenspartner sich als zweiter Vater eintragen lassen kann.

Maria von Känel, Geschäftsführerin vom Dachverband Regenbogenfamilien, zieht nach den ersten Monaten eine durchzogene Bilanz: «Wir sind froh, dass die rechtliche Absicherung von Regenbogenfamilien endlich möglich ist.» Dies habe auch eine hohe symbolische Bedeutung. Trotzdem bestünden noch grosse kantonale Unterschiede: Während in einigen Kantonen bereits im Frühjahr erste Anträge bewilligt wurden, müsse in anderen mit mehrmonatigen Verfahren gerechnet werden. Auch sei die Gesetzesänderung für viele Paare noch unzureichend: «Derzeit sind Kinder während des Adoptionsprozesses ungeschützt», sagt von Känel. Dies birgt etwa die Gefahr, dass, wenn der biologische Elternteil vor der Adoption stirbt oder sich die Eltern trennen, nicht gesichert ist, dass das Kind beim Co-Elternteil leben darf. Es brauche auch für gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit eines Anerkennungsverfahrens bei Geburt.

Die letzte Hürde soll fallen

Die steigenden Gesuchszahlen geben auch einer anderen Diskussion Aufschwung: Homosexuellen steht bis anhin nur die Stiefkindadoption offen, jedoch nicht die fremder Kinder. Pink Cross, der Dachverband für schwule und bisexuelle Männer, kritisiert darum auch diesen Punkt: Nicht die sexuelle Präferenz der Eltern sei entscheidend für das Wohlergehen und die Entwicklung der Kinder, sondern die Beziehungsqualität und das Klima in der Familie. Neben dem vollen Zugang zum Adoptionsrecht fordert Pink Cross auch den Zugang zu fortpflanzungsmedizinischen Behandlungen.

Im nationalen Parlament wird das Thema um die Initiative der grünliberalen Fraktion «Ehe für alle» erneut diskutiert werden, da mit deren allfälliger Einführung automatisch das Recht auf Adoption fremder Kinder in Kraft treten würde. Dies wird in der Parlamentsdebatte eine Knacknuss sein: Während die linken Parteien die Volladoption befürworten, ist die SVP dagegen. Somit werden CVP und FDP den Ausschlag geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 07:36 Uhr

Artikel zum Thema

Bis wann war ein solcher Kuss in der Schweiz verboten?

QUIZ Tamynique kämpfen in der SRF-«Arena» für die Homo-Ehe. Heute kaum zu glauben: Früher hätten sie ihre Liebe verstecken müssen. Testen Sie Ihr LGBT-Wissen im Quiz! Mehr...

Blog

Paid Post

So wird mehr aus Ihrem Spargeld

Es sind karge Zeiten für Sparer: Die Sparkonten werfen so gut wie keinen Zins mehr ab. Doch es gibt eine attraktive Alternative.

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Und die Haare fliegen hoch: Besucher des Münchner Oktoberfests vergnügen sich auf einem der Fahrgeschäfte. (22. September 2018)
(Bild: Michael Dalder ) Mehr...