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Müller: Olympia-Turbos planen «unseriös»

Die Olympischen Winterspiele 2026 in die Schweiz zu holen, grenzt für den Tourismus- und Sportspezialisten Hansruedi Müller an Zwängerei. Zu viele Fragen seien offen. Er ist aber nicht gegen eine Kandidatur. Sie brauche einfach mehr Zeit.

Tourismus- und Sportkenner Hansruedi Müller legt dem Sportparlament nahe, morgen Dienstag vertiefter über die Schweizer Kandidatur nachzudenken und sie nicht bloss durchzuwinken.
Tourismus- und Sportkenner Hansruedi Müller legt dem Sportparlament nahe, morgen Dienstag vertiefter über die Schweizer Kandidatur nachzudenken und sie nicht bloss durchzuwinken.
Urs Baumann

Die lokale Zeitung «Südostschweiz» bezeichnete die deutliche Absage der Bündner an eine Olympiakandidatur am 12. Februar als deftige Ohrfeige. Endet «Sion 2026» ebenso?Hansruedi Müller: Zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Denn vorerst steht ja gar keine Volksabstimmung auf dem Programm. Schade ist, dass das Sportparlament morgen Dienstag bloss über eine Kandidatur befinden kann und keine Alternative hat.

Wie steht «Sion 2026» eigentlich im Zeitplan? Der Fahrplan war ausserordentlich sportlich. Das ist eine der Schwächen des bisherigen Prozesses. Er grenzte an eine Zwängerei. Es gibt qualifizierte Stimmen, die der Meinung sind, wir hätten uns von Anfang an auf die Kandidatur für die Spiele von 2030 konzentrieren sollen. Unseriös ist, dass bis heute niemand genau weiss, welche der beteiligten Kantone abstimmen sollen. Auch der Zeitpunkt ist offen. Das hätte man vorher klären müssen. Man hofft, dass nur die Walliser an die Urne gebeten werden müssen, jedoch erst 2018. Im Bündnerland wurde zu einem Zeitpunkt abgestimmt, als noch kaum Geld geflossen war. Das war klug.

Müsste die Übung konsequenterweise abgebrochen werden? Ein guter Grund spricht dagegen. Der Zug hat jetzt Fahrt aufgenommen. Die Dynamik sollte dazu genutzt werden, nicht bloss für 2026, sondern auch gleich für 2030 anzutreten. Unter Umständen wird das Internationale Olympische Komitee (IOC) diese Spiele miteinander vergeben. Denn die Erkenntnis reift, dass sieben Jahre für die Vorbereitung zu knapp sind. Für den Bau von Infrastrukturen ist das Zeitkorsett zu eng.

Die Schweizer sind skeptisch: Auch «Graubünden 2022» oder «Bern 2010» blieben an der Urne hängen. Woran liegt das? Die Schweiz hat keine Tradition im Ausrichten von Grossveranstaltungen, was sich langsam ändert: Die Skiweltmeisterschaften in St. Moritz von 2003 waren der erste Anlass mit einem Budget über 30 Millionen Franken. Dann kam die Fussball-Europameisterschaft 2008. Obwohl es nicht an Kritikern mangelte, bleibt die Euro in guter Erinnerung. Und eben sind die alpinen Ski­weltmeisterschaften wieder in St. Moritz über die Bühne ge­gangen.

Beteiligte Kantone und Standorte von «Sion 2026». Klicken Sie auf die Karte, um diese zu vergrössern.
Beteiligte Kantone und Standorte von «Sion 2026». Klicken Sie auf die Karte, um diese zu vergrössern.

Stimmt es, dass das IOC Angst vor einer erneuten Schweizer Kandidatur hat? Angst nicht, aber Respekt. Jede demokratische Ausmarchung mobilisiert Gegner, die von Monsteranlässen, Korruption und IOC-Diktat sprechen. Das IOC tut sich schwer mit solcher pauschaler Kritik und letztlich mit Absagen aus dem Land, wo sich sein Hauptsitz befindet.

2006, als Turin vor Sitten den Zuschlag erhielt, war der Frust gross. Angeblich mischte beim Entscheid die Fiat-Familie Agnelli massgeblich mit. Ein gewisses Risiko zu Unregelmässigkeiten besteht immer. Demokratische Entscheide sind nie gänzlich transparent. Das ist bei schweizerischen Abstimmungskämpfen, in denen die Kampagnenfinanzierung stets zu reden gibt, ähnlich. Für die Olympischen Winterspiele von 2006 war entscheidender, dass kurz vor deren Vergabe der Berner Fürsprecher und langjährige IOC-Funktionär Marc Hodler mutigerweise Korruptionsfälle in den Reihen des IOC aufdeckte. Das kostete Goodwill und provozierte zusätzliche Nein-Stimmen.

Von den 98 IOC-Delegierten stammt fast die Hälfte aus fernen Ländern ohne jeglichen Bezug zum Wintersport. Immer wieder gibt es Bestechungsvorwürfe... Sehen Sie: Was ist geschicktes Lobbying, und wo beginnt Korruption? Diese Frage wird nicht überall auf der Welt gleich beantwortet. Ich kenne beispielsweise Indien etwas besser. Dort sind die Gepflogenheiten beim Lobbying schon anders als bei uns.

Wenn die Schweiz diese Spiele will, muss sie also alle Bedenken der entscheidenden Abstimmung des IOC im Jahr 2019 unterordnen? Wenn Sie schon auf diesem Punkt beharren, muss ich zur Vorsicht mahnen. In den letzten Jahren ist bei internationalen Sportverbänden viel gegangen bezüglich ethischer Fragestellungen. Auch beim IOC gab es Säuberungskuren. Ich bin nicht als Freund olympischer Kandidaturen bekannt, doch wenn wir antreten, dann, um zu gewinnen. Das IOC ist wohl nicht das entscheidende Handicap, eher sind dies unsere direktdemokratischen Prozesse oder unsere Standortnachteile. Wir sind nicht prädestiniert für Olympische Spiele.

Kandidiert Innsbruck, wäre das der Anfang vom Ende? Die Spiele fanden bereits zweimal in Innsbruck statt. Die Destination ist tatsächlich sehr gut geeignet dafür. Allerdings sagte die Bevölkerung seither auch mehrmals Nein. Dort stellt sich also ebenfalls die Frage, ob man überhaupt einsteigen wird. Wir müssen uns so oder so rechtzeitig darüber klar werden, gegen wen wir antreten, und es gezielt darauf anlegen, unsere Trümpfe geschickt auszuspielen. Denn es wird Kandidaturen wie Calgary geben, welche per se – von der Erschliessung bis zu den kompakt gelegenen Anlagen – viele Vorteile auf ihrer Seite haben werden.

Bei «Bern 2010» gehörten Sie noch zu den Gegnern. Warum sehen Sie es heute anders? Erstens hat sich das IOC gewandelt und ermöglicht dank der sogenannten Agenda 2020 nun auch dezentrale Spiele. Vorher erfüllte die Schweiz zig Kriterien nicht. Da waren ganz andere Kaliber gefragt. Nun sind die Erfolgsaussichten besser für das, was die Schweiz bieten kann und will. Zweitens hat die Schweiz nun ­etwas mehr Erfahrungen mit Grossanlässen und kann besser abschätzen, auf was sie sich einlässt. Drittens organisierte ich als damaliger Präsident des Leichtathletikverbands 2014 die Europameisterschaften in Zürich mit, was mich stärker mit der Sportwelt verband. Aber Fragezeichen bleiben.

Das 50-seitige Konzept verspricht, dass alle mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, dass «Sion 2026» ein unvergessliches Fest wird, der Wintersport, die Tourismusorte und gleich auch noch der nationale Zusammenhalt profitieren werden. Glauben Sie all das? Das sind schon richtige Ziele. Ich hinterfrage eher, ob wir gross ­genug anrichten, damit wir gegenüber der internationalen Konkurrenz bestehen können. Zentral ist für mich die Frage, wie diese Kandidatur mit weiter-führenden Projekten verknüpft wird. Nur die anständige Durchführung der Spiele für sich genommen kann kein Ziel sein. Es braucht mehr.

Was denn? Wir sollten mithilfe des Grossevents eine Region, den Tourismus, den Sport in der Schweiz weiterentwickeln. In diesem Zusammenhang erinnere ich immer gerne an den Baldachin auf dem Berner Bahnhofplatz. Ich behaupte, man hätte dieses Dach noch lange nicht gebaut, wenn nicht dank der Fussball-Europameisterschaft 2008 ein «Verfalldatum» gesetzt worden wäre. Solche Anlässe sollen etwas bewirken, das ohne sie nicht möglich gewesen wäre, seien es innovative Lösungen oder ein positives Vermächtnis, das über die Dauer der Spiele hinaus Wirkung ent­faltet.

Zum Beispiel eine durchgehende Doppelspur durch den Lötschberg, weil er sich als Nadelöhr herausstellt? Ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Wenn ein Grossanlass uns jedoch eine durchgehende Doppelspur brächte, für die ja auch eine Nachfrage existiert, wäre das ein gutes Beispiel.

Thun soll ein dauerhaftes Stadtquartier bauen, das als olympisches Dorf 1500 Personen beherbergen soll. Bern brauchte für das Stadtquartier Brünnen 40 Jahre. Kann unter Zeitdruck etwas Nachhaltiges entstehen? Brünnen war ja sogar als olympisches Dorf für «Bern 2010» vorgesehen. In Thun sind tatsächlich noch sehr viele Fragen offen. Beim zweiten olympischen Dorf in Collombey ist man etwas weiter. Es käme auf der Brache einer ehemaligen Raffinerie zu stehen und folgt einem innovativen Ansatz. Aber klar: Die Zeitvorgaben wären sportlich.

Insgesamt sind neben diesen Dörfern nur eine Sprungschanze in Kandersteg und ein Dach über die Eisschnelllaufanlage in Aigle als grosse Neubauten vorgesehen. «Sion 2026» baut voll auf die Agenda 2020. Ist sie wirklich mehr als ein Lippenbekenntnis? Sie ist ein Kind des neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Bisher konnte er noch nicht beweisen, dass es dem IOC Ernst ist ­damit. Dazu braucht er gute Kandidaturen – wer weiss, vielleicht «Sion 2026».

Ist diese Agenda nicht bloss ein PR-Coup von Thomas Bach, der realisierte, dass Europa das Interesse an Kandidaturen verlor? Das können Sie behaupten, ich halte mich zurück. Doch die Umsetzung wird anspruchsvoll, das gebe ich zu. Denn im Hintergrund wirken wahnsinnige Kräfte. Ich denke da an mediale und wirtschaftliche Player, die Märkte entwickeln, Bahnen bauen und Geld verdienen möchten.

«Sion 2026» rechnet mit einem Budget von 1,65 Milliarden Franken, Sotschi kostete 54 Milliarden... Man erfüllt die Übungsvorgabe von Swiss Olympic. Budgetiert sind reine Durchführungskosten. Investitionen in die allgemeine Infrastruktur und die Sicherheit sind darin nicht enthalten. Erfahrungsgemäss explodieren die Budgets immer wegen der Investitionskosten. Wer diese finanzieren soll, ist bis jetzt unklar. Da waren die Bündner weiter. Sie konnten quasi für jede Bahnweiche sagen, aus welchem Budget diese bezahlt würde. Aber es ist sowieso unfair, alle Investitionen und Aufwände zum Beispiel für das Sicherheitsdispositiv ausschliesslich dem Grossanlass anzurechnen.

Wieso? Infrastrukturen erfüllen danach weiter ihren Zweck. Und das Militär rüstet nicht extra auf, nur um einen solchen Anlass zu schützen. Einzuräumen ist, dass nicht alle Kosten exakt vorausgesagt werden können. Die Sicherheitskosten für die Ski-WM in St. Moritz stiegen wegen des ­Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin im letzten Moment noch einmal an.

Ist nicht genau dies die verständliche Angst der Stimmbevölkerung: Sagen wir A, müssen wir auch B sagen? Dieser Dynamik muss man sich bewusst sein, ja.

Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse hegt Zweifel, dass solche Grossanlässe der richtige Hebel für die kriselnden Tourismusorte in den Bergen sind. Angesichts des Klimawandels würden falsche Anreize geschaffen. Auf «Sion 2026» bezogen bin ich zum Teil einverstanden. Es ist tatsächlich fraglich, ob ein Anlass dieses Formats in unsere Strukturen passt. Hingegen bin ich anderer Meinung, wenn es um kleinere Grossanlässe geht. Wir sind daran, die längerfristigen Wirkungen der Ski-WM zu untersuchen. Der Eispavillon beim Hotel Kulm, den man damals für die Olympischen Spiele 1928 und 1948 baute, wurde renoviert und erweitert. Er ist wunderschön. 22 Projekte wurden als weiterführende Initiativen lanciert, welche die Destination vorantreiben sollen. Die meisten davon sind gelungen.

Avenir Suisse mahnt, es mache keinen Sinn, einseitig auf den Wintertourismus zu setzen. Es brauche regionale Ansätze, die ein zweites Standbein fördern. Der Wintertourismus ist für die meisten Orte mittelfristig unersetzbar. Ich gehe davon aus, dass Skifahren noch lange ­möglich bleibt. Doch den Sommertourismus zu stärken, ist tatsächlich ein zentraler Schlüssel – nicht nur für die Jungfrauregion.

Zurück zu «Sion 2026»: Besteht nicht das Risiko, dass die Spiele zu einem Walliser Fest würden und den Rest der Schweiz ziemlich kalt liessen?

Ich würde den Wallisern dieses Fest gönnen. Sie haben tatsächlich das Talent zum Feiern. Ich bin aber überzeugt, dass der Funke auf den Rest der Schweiz überspringen würde.

Zumindest, wenn wir über eine Kandidatur abstimmen, sollten wir dies mit nüchternem Kopf tun. Wäre nicht eine nationale Abstimmung angebracht? Das wäre klug gewesen. Dafür ist es jetzt wohl zu spät. Wir müssten den Prozess für solche Kandidaturen dringend überdenken. Nun stimmt morgen Dienstag das Sportparlament ab. Das ist zwar hübsch, aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Es werden keine würdigen Debatten geführt, der Entscheid wird quasi einstimmig ausfallen.

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