Wenn Opa die Gläser nicht mehr zählt

Dass Opa so oft verwirrt ist, führen die Familie wie Nachbarn gern auf sein Alter zurück. Aber vielleicht hat Opa ein Alkoholproblem. In unserer Gesellschaft ist Sucht im Alter ein Tabu. Und auch die Forschung lässt den Bereich links liegen.

Fast 40 Prozent der Männer ab 65 Jahren und 20 Prozent der Frauen tinken täglich Alkohol.

Fast 40 Prozent der Männer ab 65 Jahren und 20 Prozent der Frauen tinken täglich Alkohol.

(Bild: Fotolia)

Lucie Machac@liluscha

«Ja, das cheibe Bier, das kam mir immer in die Quere.» Hans Gerber* lehnt sich im Stuhl zurück. Sein Blick schweift zum Fenster. Wenn der 69-Jährige vom «cheibe Bier» spricht, setzt er einen unschuldigen Blick auf, zuckt verlegen mit den Schultern und lächelt. Als fühlte er sich ertappt. Dabei ist ihm seit Jahren klar, dass das «cheibe Bier» sein Leben fest im Griff hat.

Hans Gerber sitzt im Psychiatriezentrum Münsingen. Sein Zimmer – ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank – wirkt unpersönlich. Keine Fotos, keine Bücher, nur ein paar Kleider über dem Stuhl. Vor zehn Tagen ist er von seinem Wohnheim für psychisch beeinträchtigte Menschen zum Alkoholentzug nach Münsingen überwiesen worden. «Ich bin aus dem Heim abgehauen, weil sie immer an mir herumgenörgelt haben», erzählt Gerber schelmisch.

Sucht nach der Pensionierung

Knapp 10 Prozent der Patienten über 65 Jahre werden dem Psychiatriezentrum Münsingen wegen Verhaltensauffälligkeiten im Rahmen einer Suchterkrankung zugewiesen. «Der effektive Anteil der Suchtprobleme ist aber höher», betont Christian Kämpf, ärztlicher Leiter der Alterspsychiatrie. Nicht selten zeige sich erst mit der Zeit, dass hinter einer Depression oder einer Demenz eine Alkohol- oder eine Tablettenabhängigkeit stecke.

Sucht im Alter ist längst kein Sonderproblem einer kleinen Gruppe, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung: Einerseits werden Langzeitalkoholiker wie Hans Gerber und andere Süchtige heute dank guter medizinischer Versorgung älter als früher. Andererseits erhöht sich im Alter auch für regelmässige Genusstrinker das Risiko eines Alkoholproblems, weil der Körper Rauschmittel langsamer abbaut.

Und eine weitere, gesellschaftlich bisher kaum wahrgenommene Gruppe wird wegen der zunehmenden Bevölkerungsalterung in den nächsten Jahren unweigerlich wachsen: Menschen, die erst nach der Pensionierung zum Alkohol oder zu Beruhigungsmitteln greifen. Weil von einem Tag auf den anderen Strukturen wegfallen, der Lebenssinn nicht mehr klar scheint, weil sich zum Schmerz über den Verlust von nahestehenden Personen körperliche Beschwerden und Einsamkeit gesellen.

Sucht verheimlichen

Heute sei Sucht im Alter gesellschaftlich noch weitgehend tabuisiert, sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologin an der Uni Bern und Expertin für Generationen- und Altersfragen. Viele Senioren können ihr Alkohol- oder Tablettenproblem über Jahre hinweg verheimlichen. Auch weil das Umfeld die paar Gläschen Wein oder die Schlaftablette am Abend als kleines Laster toleriert.

«Provokativ könnte man sagen, dass im Grunde niemand, also weder die Gesellschaft noch die Fachleute, noch die Betroffenen selber so recht ein Interesse daran haben, dieses Phänomen aufzudecken», so Perrig-Chiello. Häufig aus Unwissen, häufig aber auch «aufgrund eines therapeutischen Nihilismus», nach dem Motto: In diesem Alter lohnt sich eine Therapie nicht mehr.

Dass das Grosi so oft stürzt oder verwirrt ist, führen Familie wie Nachbarn lieber auf das fortgeschrittene Alter zurück. «Älteren Menschen ist oft auch gar nicht bewusst, das ihr ‹kleines Hilfsmittel› zum Problem wird, und mit der Zeit kommen die negativen Folgen für ihre Lebensqualität zum Tragen», erläutert Perrig-Chiello. Kommt hinzu, dass «jede Abhängigkeit auch einen Freiheitsverlust bedeutet und soziale wie finanzielle Folgekosten verursacht».

82000 Senioren betroffen

Gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik konsumieren fast 40 Prozent der Männer ab 65 Jahren und 20 Prozent der Frauen täglich Alkohol. Laut Perrig-Chiello tendieren Frauen eher zu übermässigem Medikamentenkonsum. Trinkt ein Senior täglich mehr als vier Glas Wein und eine Seniorin mehr als zwei Glas, sprechen Fachleute von einem chronisch-problematischen Alkoholkonsum, der gesundheitsschädigend ist.

Leber und Gehirn werden am häufigsten in Mitleidenschaft gezogen. 2012 gehörten zu dieser Gruppe 6 Prozent der 65- bis 74-Jährigen und 5 Prozent der über 75-Jährigen in der Schweiz. Das sind rund 82000 Menschen.

Hans Gerber hat mit dem «cheibe Bier» schon in der Schriftsetzerlehre angefangen, wie er in seinem Zimmer in Münsingen erzählt. «Aber damals habe ich noch Hockey gespielt und habe das Bier deshalb kaum gemerkt.» Schnaps habe er übrigens nie gemocht. Doch dann hat er wegen des Alkohols seine Stelle verloren, «weil ich halt zu spät kam oder gar nicht erst auftauchte». Und das passierte bei mehreren Arbeitgebern.

Drei Bier waren zu wenig

Gerbers Ehe ist nach sieben Jahren kaputtgegangen. Mitte dreissig stand er allein da. «Hätte ich Kinder gehabt, wäre es vielleicht anders gekommen.» Aber Hunde und Katzen habe er immer gehabt. Ob seine Ex-Frau und die spätere Freundin, mit der er offenbar in Indien und auf Haiti war, ebenfalls getrunken haben, wird aus Gerbers Erinnerungsfetzen nicht klar. «Wir waren oft in Bars», sagt er.

Gerbers Erzählungen sind unterhaltsam, aber oft diffus. Vielleicht weiss er es wirklich nicht mehr genau. Vielleicht ist ihm die Sucht aber auch nach Jahrzehnten noch peinlich. Erst gegen Ende des Gesprächs wird er sich «erinnern», was er mit «Im Heim haben sie an mir herumgenörgelt» tatsächlich gemeint hat: Die Betreuer im Wohnheim hatten ihm nahegelegt, er müsse seinen Bierkonsum herunterfahren.

«Im Heim bekam ich drei Bier pro Tag. Also bin ich ins Dorf und habe mir ein paar mehr besorgt», erzählt Gerber unschuldig. Vielleicht drei, vielleicht mehr. «Es war halt cheibe langweilig im Heim.» Wohl auch deshalb ist Gerber im Heim zunehmend als aggressiv und schwierig im Umgang aufgefallen.

Geeignetes Umfeld

Mindestens einen Alkoholentzug hat Hans Gerber hinter sich, «vor etwa dreissig Jahren in der Waldau», wie er sich erinnert. «Ich war auch bei den Anonymen Alkoholikern, aber die Cheibe haben immer dasselbe erzählt.» Das sei ihm verleidet. In Münsingen hingegen gefällt es Gerber «sehr gut», sein Alkoholentzug scheint ihn kaum zu belasten. «Wenns mich überkommt, gehe ich spazieren, oder wir basteln etwas, oder ich rauche eine.» Am liebsten plaudere er aber mit «den vielen netten Damen hier». Und Mandala malen habe er auch erst hier gelernt. «Am liebsten würde ich hierbleiben.»

Doch das geht nicht. Wegen Sparmassnahmen duldet der Kanton in psychiatrischen Kliniken keine Daueraufenthalter mehr, die nicht spitalbedürftig sind. In sein altes Heim will Gerber aber «lieber nicht mehr zurück», wie er mehrmals betont. Offenbar hat der 69-Jährige dort keine Bezugsperson mehr, weil sein Lieblingsbetreuer pensioniert wurde, was ihn zusätzlich deprimiert habe, wie er andeutet.

Christian Kämpf, Leiter der Alterspsychiatrie, geht davon aus, dass der Therapieschwerpunkt bei Hans Gerber nicht auf einer medikamentösen Behandlung liegen wird. «Bei diesem Patienten ist es wichtig, dass wir ihn in Strukturen entlassen können, die ihm Halt geben und wo er Beschäftigung hat.» So weit die Praxis.

Weniger ist manchmal mehr

Und die Forschung? «Bisher interessiert sich die Suchtforschung wenig für ältere Menschen», hält Kämpf fest. Auch die meisten Institutionen und Suchtprogramme seien auf jüngere Menschen ausgerichtet, die es wieder ins Arbeitsleben einzugliedern gilt. «In der Alterspsychiatrie versuchen wir, Therapien, die sich bei Jüngeren bewähren, auf unsere Patienten zu übertragen.»

Bei Langzeittrinkern und bei Patienten mit bereits vorhandenen Hirnschädigungen sei eine komplette Abstinenz schwierig, weil die Konditionierung auf Alkohol sehr weit fortgeschritten sei, führt Kämpf aus. «Wenn wir diese Patienten so weit behandeln können, dass sie Abstinenzphasen einschalten oder während einiger Monate lediglich moderat trinken, ist dies bereits ein Erfolg.»

Bei älteren Menschen könne ausserdem eine leichte Demenz den Entzug zusätzlich erschweren. «Die Patienten sind noch so weit fit, dass sie sich selber Alkohol besorgen können, vergessen dann aber, dass sie getrunken haben.» Doch auch im Alter sei eine Bewältigung der Sucht durchaus realistisch und der Erfolg oft auch anhaltend, insbesondere bei Menschen, die erst spät zu trinken angefangen hätten, so Kämpf.

Forschung wird investieren

Der Alterspsychiater ist überzeugt, dass eine Suchtbehandlung auch bei betagten Patienten angebracht ist. Gerade weil Senioren nicht mehr für den Arbeitsmarkt und den Leistungsdruck fitgemacht werden müssten, könne die Therapie viel individueller angepasst werden. «Oft hilft schon eine gute Tagesstruktur oder auch eine Paartherapie, die Lebensqualität wieder zu verbessern», erläutert Kämpf.

Darüber hinaus sei es wichtig, das Selbstvertrauen wieder zu stärken, denn gerade bei älteren Suchtpatienten seien Ängste vor bestimmten Alltagssituationen ein häufiges Phänomen: Wie sage ich dem Nachbarn, dass er zu laut Musik hört? Wie wehre ich mich, wenn einer in der Schlange vordrängelt? «Solche Stresssituationen spielen die Patienten in einem Sozialkompetenztraining durch und lernen dabei, ihre Hemmungen abzubauen.»

Was die Hemmungen der Forschung im Altersbereich betrifft, blickt Christian Kämpf vorsichtig optimistisch in die Zukunft: «Die Motivation, in diesem Bereich mehr zu investieren, wird steigen, weil der Anteil der Senioren an der Bevölkerung und damit auch am Gesundheitsmarkt immer grösser wird.»

lucie.machac@bernerzeitung.ch

*Name von der Redaktion geändert

Berner Zeitung

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