Weiblich, mächtig – und verhasst

Eine Auswertung von über 700'000 Onlinekommentaren zeigt: SP-Bundesträtin Simonetta Sommaruga wird von allen Schweizer Politikern mit Abstand am meisten beschimpft.

«Projektionsfläche männlich-bürgerlicher Aggressionen»: Simonetta Sommaruga. Foto: Adrian Moser

«Projektionsfläche männlich-bürgerlicher Aggressionen»: Simonetta Sommaruga. Foto: Adrian Moser

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Jeden Tag um 12 Uhr Schweizer Zeit muss sich Marc Baader* besonders konzentrieren. Dann sind die Leserinnen und Leser kaum mehr zu halten. Im ­Sekundentakt schreiben sie Onlinekommentare, etwa auf den Portalen des Newsnet-Verbunds, zu dem auch diese Zeitung gehört. Baaders Aufgabe besteht darin, die guten von den schlechten ­Beiträgen zu trennen; die rassistischen, sexistischen, obszönen Leserbriefe, die nicht den Leitlinien der Leserforen entsprechen, von den kritischen, konstruktiven, anständigen Leserkommentaren.

Bei Social Media wird alles ungefiltert publiziert, der Hass steigert sich bis zu Morddrohungen, wie das «Arena»-­Moderator Jonas Projer gerade erfahren musste. In den Kommentarspalten von Portalen wie Newsnet geht es anständiger zu und her – zumindest im öffentlichen Bereich. Wer einen Kommentar schreibt, muss durch die Kontrolle von Baader und vier weiteren Freischaltern. Erst dann wird er publiziert. Die Mehrheit des Newsnet-Teams sitzt in Südamerika, vier Stunden hinter Schweizer Zeit. Wenn der Kommentarsturm losbraust, nippt Baader vor dem Bildschirm an ­seinem Morgenkaffee.

Jede Woche Morddrohungen

Marc Baader liest alles, was Leser in die Tasten hauen. In einem Jahr kommen über eine Million Leserbriefe zusammen. Viele triefen vor Rassismus, Anfeindungen, Fluchwörtern. Auch Morddrohungen findet Baader jede Woche. Wegen dieses feindseligen Klimas bittet er darum, seinen richtigen Namen in diesem Artikel nicht zu verwenden: «Ich muss mich schützen.»

Das beliebteste Opfer von Gehässigkeiten sei SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga, sagt Baader. Das klingt dann etwa so: «Diese total verblödete und unfähige Sommaruga gehört von ihrem Job entfernt!» Wobei diese Wortwahl noch zur anständigen Sorte gehört.

Um Baaders Ahnung nachzuprüfen, wurden für diesen Artikel alle Onlinekommentare von Ende Juli 2017 bis ­Januar 2018 genauer analysiert: total 700'000 Beiträge. 500'000 konstruktive Kommentare haben Baader und seinem Team durchgewinkt; 200'000 landeten im Papierkorb. Je nachdem, wie häufig ein Wort in einem gelöschten oder ­bewilligten Kontext auftauchte, wurde für den Begriff ein Wert errechnet. So entstand ein Positiv-negativ-Index des gesamten verwendeten Wortschatzes ­aller Kommentarschreiber.

Die stärkste Aussage erlaubt das Ranking dort, wo Gleiches mit Gleichem verglichen wird. Also wenn etwa nur die Nachnamen der Bundesräte unter die Lupe genommen werden. Das Resultat bekräftigt Baaders Vermutung: An Simonetta Sommaruga entlädt sich mit Abstand der meiste Hass. Ihr Name ist in der Auswertung sogar negativer besetzt als Wörter wie «spucken», «lachhaft», oder «Landesverrat». Auf die SP-Frau folgen FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann und CVP-Bundesrätin ­Doris Leuthard. Bei SP-Bundesrat Alain Berset halten sich die positiven und ­negativen Kommentare die Waage. Der neu gewählte Ignazio Cassis (FDP), der in seinen ersten 100 Tagen als Aussen­minister von der Presse scharf kritisiert wurde, erhält einen positiven Wert. Genauso wie die beiden SVP-Bundesräte Ueli Maurer und Guy Parmelin.

In anderen Worten: Kommentare, welche die zwei SVP-Minister und Cassis betreffen, sind in der Regel so gehaltvoll verfasst, dass sie sich in den Kommentarspalten publizieren lassen. Die Kritik an diesen Bundesräten läuft auf höherem Niveau als jene an Simonetta Sommaruga oder Doris Leuthard.

Der Abstieg zur Hassfigur

Die schlechte Rangierung der beiden Frauen hat zum Teil mit ihren Ämtern zu tun. Das Asylwesen im Departement von Sommaruga lässt die Emotionen seit Jahren hochkochen. Ähnlich wirkt die No-Billag-Initiative, die das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) betrifft – Leuthards Departement. Johann Schneider-Ammann wird meist für seine Vergangenheit als Unternehmer angefeindet, ihm fehle die Nähe zum Volk.

Diese Ergebnisse erklärt sich der Zürcher Politgeograf Michael Hermann mit dem politischen Mainstream der Schweiz: «Links steht für das Abweichende, nicht für die Norm.» Das äussere sich aktuell bei den Zürcher Stadtwahlen. «Dass die Stadt seit 28 Jahren eine linke Regierung hat, ist Wahlkampfthema. Aber niemand redet darüber, dass seit 150 Jahren im Kanton die ­Bürgerlichen regieren.»

Die Wahrnehmung Sommarugas habe sich nach ihrer Wahl zur Bundesrätin vor acht Jahren markant gewandelt, sagt Hermann. «Als Ständerätin genoss sie das Image der umsichtigen Konsumentenschützerin. Eine beinahe mütterliche Figur, die gut in ein bürgerliches Weltbild passt.» Seit der Übernahme des Eidgenössischen Justiz- und Polizei­departement (EJPD) habe sich diese Fremdwahrnehmung allerdings komplett verändert. «Obwohl sie eigentlich weniger links ist als etwa Alain Berset, ist Sommaruga zur Projektionsfläche männlich-bürgerlicher Aggressionen geworden. Dazu genügt, dass sie als grazile linke Frau im Zentrum der Macht steht.»

Ein Blick in die Kommentare bestätigt: Nicht nur Amt und Partei provozieren die Beleidigungen. Am Ursprung des Hasses steht noch etwas anderes: das Geschlecht. «Jeder kennt doch ‹No woman no cry› von Marley», schrieb etwa ein Leser nach dem Auftritt von Leuthard an der vergangenen «Arena». «Und was passiert? Sommaruga und Leuthard!» Auf das Ausrufezeichen folgen ­diverse Obszönitäten.

Dieses Muster lässt sich auch bei der Beurteilung der politischen Weltelite erkennen. An der Spitze der meistbeleidigten Politiker steht zwar der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker. Auf ihn folgen aber Hillary Clinton und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der türkische Präsident Recep Erdogan wird ähnlich oft beleidigt, seltener treffen Beschimpfungen US-Präsident Donald Trump oder den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Eine Ausnahme ist die britische Premierministerin Theresa May. Ihr Name ist sogar positiv konnotiert.

Für Politikwissenschaftlerin Sarah Bütikofer von der Universität Zürich liegt das auch an der politischen Kultur der Schweiz: «Eine Politikerin fällt immer noch vielerorts auf, weil sie als Frau zur Minderheit auf dem politischen Parkett gehört.» Auch die Medien treffe eine Mitschuld, da sie über Frauen in der Politik anders berichteten als über Männer. Persönlichkeit, Aussehen, Stil und Privatleben würden stärker thematisiert. «Frauen müssen sich eher dafür rechtfertigen, dass sie an der Macht teilhaben wollen und nicht die ihr zugestandene Mutter- oder Ehefraurolle in den Vordergrund stellen.»

Aus dieser Ablehnung heraus entstehen die höhnischen Rufnamen für Sommaruga oder Leuthard, die in vielen nicht freigegebenen Leserkommentaren zu lesen sind. Als «Klavier-Klimperin» wird Sommaruga beschimpft, sie ist ­ausgebildete Pianistin; Leuthard heisst «Grins-Doris» oder «Joker-Face». Die meisten Spitznamen sind nicht druckreif.

Den Betroffenen geht es nahe

Wie Bundesrätin Sommaruga gegenüber dieser Zeitung schon erklärt hat, gehen ihr die Angriffe teils nahe. Im Wahlkampf könne sie davon abstrahieren, da seien die Angriffe durchsichtig. Doch gerade die andauernde Aggression in den sozialen Medien stimme sie nachdenklich. Sommaruga geht davon aus, dass das Ausmass, wie im Netz Menschen mit Hass und Verachtung überschüttet werden, heute Hemmschwellen senke.

Doris Leuthard gibt via Sprecher an, dass die Hasskommentare auch sie nicht kaltliessen. «Bei Frauen liegt die Hemmschwelle zur Beleidigung offenbar tiefer als bei Männern.» Das sei bedauerlich. Leuthard ruft Politik, Medien und Gesellschaft auf, sich gegen diffamierende Äusserungen einzusetzen und für eine respektvolle Gesprächskultur zu sorgen.

Einen der wohl grössten Beitrage dazu leistet Marc Baader in Südamerika. Ihm kehrt es noch immer fast den Magen um, wenn er bei der Arbeit beobachtet, wie sich ein Leser-Mob auf eine Person einschiesst. Doch Baader wundert sich auch: Einige besonders wütende Kommentatoren verfassen selbst nach Jahren noch immer Kommentare voller Beleidigungen, obwohl noch kein einziger ihrer Beiträge publiziert wurde. «Offenbar schreiben sich hier einige einfach den Frust vom Leib», sagt Baader. Egal, ob er sie freischaltet oder nicht.

Klare Positionen, mehr Hass

Generell habe die Qualität der Leserbeiträge abgenommen, sagt Marc Baader. Vor fünf, sechs Jahren sei er immer wieder auf neue Argumente und spannende Internetlinks gestossen. Solche Links habe er sich jeweils für ruhige Stunden nach der Arbeit zur Seite gelegt. Wann ihm das in jüngster Zeit wieder passiert sei, könne er sich nicht erinnern.

Die Politikwissenschaftlerin Sarah Bütikofer erklärt sich das sinkende Niveau mit der immer stärkeren Polarisierung. «Viele Parteien, Politiker und Politikerinnen haben dank mehr Öffentlichkeit und Social Media ihre Profile geschärft.» Das Resultat: «Die Debatte findet vermehrt übereinander und weniger miteinander statt.» Das führe immer ­öfter zu Positionen, die keine Kompromisse zulassen. Und aus solchen gehen offenbar jene Kommentare hervor, die Baader und sein Team im virtuellen Papierkorb versenken.

Interview Simonetta Sommaruga.

* Name geändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 18:36 Uhr

717'336 Beiträge analysiert

29 Prozent wurden gelöscht

Jährlich kommen im Newsnet-Verbund über eine Million Kommentare zusammen. Publiziert wird, was sich an die Leitlinien hält. Nicht geduldet werden Rassismus, Beleidigungen, Ehrverletzungen oder Werbung. Die Regeln sind unter regeln.tagesanzeiger.ch einsehbar. Der Anteil der Kommentare, die im Papierkorb landen, schwankt zwischen 20 und 30 Prozent. Zwischen Juni 2017 und Januar 2018 lagen die unzulässigen Kommentare am oberen Ende. Von 717'336 wurden 207'661 nicht publiziert, also 29 Prozent. Dank der Teilung in «publizierbar» und «nicht publizierbar» lässt sich das Verhältnis jedes Wortes berechnen, nach dem es in einer der zwei Gruppen auftritt. Berücksichtigt wurden Wörter, die in den Kommentaren mindestens 50-mal vorkamen. Werte unter 1 signalisieren eine positive Konnotation; Werte über 1 eine negative. (bsk)

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