Was die Kinder kranker Eltern beschäftigt

Wie ist es, wenn der Vater oder die Mutter psychisch krank ist? Eine Frau erzählt, wie sie zuerst als Kind und später als Mutter mit psychischen Belastungen konfrontiert wurde und wie sie diese erlebt hat.

Wenn Kinder Antworten auf ihre Fragen erhalten, stärkt sie das (Symbolbild).

Wenn Kinder Antworten auf ihre Fragen erhalten, stärkt sie das (Symbolbild).

(Bild: Keystonne)

«Als Kind wusste ich nie, was auf mich zukommt. Meine Mutter war oft traurig, und sie redete mit Personen, die ich nicht sah. Es kam vor, dass sie morgens nicht aufstand, an diesen Tagen füllte ich das Kindergartentäschli jeweils selber mit einem Znüni, damit es nicht auffiel. Einmal ging sie mit einem Messer auf mich los, daran erinnere ich mich heute nur in Sequenzen.

Ich fühlte mich nie sicher. Wir hatten Angst, dass sich meine Mutter etwas antun könnte, man sagte mir deshalb, ich solle die Polizei rufen, falls sie von zu Hause weglaufe. Als Teenager unternahm ich Suizidversuche. Nach aussen vertuschte ich das. Ich habe viel musiziert und Sport gemacht, das half mir, denn dabei spürte ich mich. Später in der Ausbildung erhielt ich die Bestätigung, die mir bisher gefehlt hatte. Ich erkannte, dass gute Leistung Anerkennung bringt, und so zeigte ich immer mehr als vollen Einsatz. Ich zog mit einem Mann zusammen und bekam Kinder.

Als Kind habe ich wenig Lob oder Respekt erhalten. Ohne es zu realisieren, übernahm ich diese abwertende Haltung und brachte sie nun meinem Mann und den Kindern entgegen. Nach der Scheidung hatte ich gleichzeitig verschiedene Stellen inne und arbeitete sehr viel. Ärzte, die ich wegen der Kinder und nach einer Verletzung aufsuchte, fragten mich, ob ich gestresst sei. Mir selbst fiel das nicht auf. Sie schlugen mir eine Therapie oder einen Klinikaufenthalt vor. Ich willigte nur ein, um Ruhe vor all diesen Ratschlägen zu haben. Ich plante den Klinikaufenthalt wie eine kurze Ferienabsenz und nahm Arbeit mit, weil ich überzeugt war, dass ich nach wenigen Tagen wieder im Alltag sein würde.

In der Klinik hatte ich einen Zusammenbruch. Für die Kinder war das schlimm, sie waren noch klein. Das eine äusserte starke Verlust- und Verlassenheitsängste. Das andere zeigte im Spiel sein geringes Selbstvertrauen. Ich kannte all diese Gefühle aus meiner eigenen Kindheit. Auf einmal begannen sich die Eindrücke von damals mit den aktuellen zu überlagern. Das machte mir Angst, weil ich nun spürte, dass etwas nicht stimmt. Ich blieb mehrere Monate in der Klinik.

Während der Ferien kamen die Kinder zu mir, was uns allen guttat. Die Kinder konnten sich ein eigenes Bild von der Situation machen, mich zu den Therapien begleiten und mit anderen Kindern dort spielen. Sie verloren die Angst und kehrten beruhigt, aber auch gestärkt nach Hause zurück. Je früher man die Kinder einbezieht, desto gelassener nehmen sie die Situation, davon bin ich überzeugt. Es gibt auch gute Kinderbücher, mit denen man Kinder über psychische Erkrankungen informieren kann. Transparenz ist wichtig, aber nicht einfach. In meiner Kindheit wurden die Probleme verschwiegen, und weil ich mich anpassen und die Familie schützen wollte, tat ich als Kind selbst alles, um Normalität darzustellen, auch wenn ich mich dabei permanent verstellen musste.

Nach meiner Rückkehr aus der Klinik haben mich die Kinder beobachtet: Koche ich, mache ich die Wäsche? Tat ich es nicht, war das für sie ein Alarmzeichen, und sie setzten mich unter Druck. Auch ich hatte früher aufgrund solcher Beobachtungen die Stimmung zu Hause einzuschätzen versucht. Meine Kinder erhielten therapeutische Hilfe. Ich war auch immer dankbar um die Lehrer, die mithalfen. Mit meiner Situation gingen die Kinder unterschiedlich um, wollten entweder alles wissen oder liessen nichts an sich heran, das änderte auch je nach Altersstufe. Ich selbst gebe gerne Auskunft, weil ich finde, dass psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit präsenter sein sollten, sodass die Hemmschwelle abgebaut wird. Dann kann Hilfe einfacher angeboten, aber auch angenommen werden.»

Berner Zeitung

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