Vom Bundesratsanwärter zum Buhmann

Der Genfer Regierungspräsident Antonio Hodgers disqualifiziert sich mit einer abfälligen Bemerkung über eine Journalistin.

Reagierte mit einem beleidigenden Klischee auf Kritik: der Genfer Regierungspräsident Antonio Hodgers (Grüne). Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Reagierte mit einem beleidigenden Klischee auf Kritik: der Genfer Regierungspräsident Antonio Hodgers (Grüne). Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Edgar Schuler@Edgar_Schuler

Der Fall vom Star zum Schreckgespenst, vom Krisenmanager mit Bundesratsqualitäten zum Buhmann, er ist tief, dauert aber oft nur kurz. Beim Genfer Regierungspräsidenten Antonio Hodgers waren es drei oder vier Sekunden. Nicht länger ist die Szene in einer Satiresendung des welschen Fernsehens, in der der grüne Politiker eine ihm unliebsame Journalistin der Zeitung «Le Temps» ein Groupie nannte: Sie sei in seinen FDP-Kontrahenten Pierre Maudet «verliebt wie ein junges Mädchen in Justin Bieber».

Es ist nie gut, wenn man sich als Politiker mit der vierten Gewalt im Staat anlegt. Noch schlechter ist es, wenn man sich dabei als beleidigter Narzisst zu erkennen gibt. Als einer, dem es an Anstand schmerzlich fehlt und der mit einem beleidigenden Klischee auf Kritik reagiert. Es waren dann längst nicht allein Genfer Feministinnen, die «sexistisch» aufschrien. Und es war nicht nur der «Le Temps»-Chefredaktor Stéphane Benoît-Godet, der die Auslassung als «unwürdig» für einen Regierungspräsidenten bezeichnete. Die Konsternation in Genf ist gross. Und das auch unter den Grünen, die sich als die Partei verstehen, in der Gleichberechtigung so selbstverständlich ist wie das Wasser im Genfersee.

Dabei war es bis dahin so wunderbar gelaufen für den 43-jährigen Genfer. Als Regierungspräsident hatte er die unmögliche Situation um seinen unter Korruptionsverdacht stehenden freisinnigen Regierungskollegen Pierre Maudet so gut gelöst, wie das unter diesen verkorksten Umständen eben möglich ist. Der fulminante Wahlsieg der Grünen auf nationaler Ebene brachte ihn als möglichen Bundesratskandidaten ins Gespräch.

Die guteidgenössische Diskretion beim Umgang mit dem eigenen Ehrgeiz geht Hodgers offenbar ab. 

Es wäre die Krönung einer politischen Bilderbuchkarriere. Hodgers kam als Kind aus Argentinien mit seiner Mutter und seiner Schwester in die Schweiz. Der Vater war ein Opfer der damaligen Militärdiktatur. Die Familie erhielt politisches Asyl. Mit 15 Jahren wurde Hodgers eingebürgert und begann sich politisch zu engagieren. Zehn Jahre gehörte er dem Grossen Rat des Kantons Genf an. 2007 wurde er in den Nationalrat gewählt als damals jüngster Vertreter des Welschlandes. Ab 2010 war er Fraktionspräsident. Als Hodgers im November 2013 in den Genfer Regierungsrat gewählt wurde, trat er aus dem Bundesparlament zurück.

Die guteidgenössische Diskretion beim Umgang mit dem eigenen Ehrgeiz geht Hodgers aber offenbar ab. Als nach den Wahlen ein Sitz für die Grünen im Bundesrat diskutiert wurde, brachte er sich gern ins Spiel: Diese Frage stelle sich «natürlich», sagte er verschiedenen Medien (lesen Sie hier, warum Antonio Hodgers im Bundesrat mitregieren will). Das fiel der Journalistin des «Le Temps» auf. In ihrem Porträt schildert sie Hodgers als wendigen Kommunikator, der sich alle Optionen offenhält, sobald der Wind aber dreht, die Medien beschuldigt, sie hätten ihn verzerrt zitiert.

Und, bingo, genau diese Argumentation war Hodgers’ Strategie in der Satiresendung. Nur ging er mit dem Groupie-Vergleich noch einen entscheidenden Schritt weiter – alles mit Mikrofon und Kamera zweifelsfrei belegt. Nun tut Hodgers das, was er in letzter Zeit ohnehin besser häufiger getan hätte: Er schweigt auf Journalistenanfragen eisern.

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