Vier von zehn Kindern erhalten Sprachförderung

Kinder, die zu wenig gut Deutsch können, werden in Basel bis zum Kindergarten gefördert. Der Bedarf ist hoch.

Fremdsprachige Kinder, die in Basel die Frühe Deutschförderung besuchen, haben einen besseren Start in den Kindergarten. Foto: Felizitas Fischer

Fremdsprachige Kinder, die in Basel die Frühe Deutschförderung besuchen, haben einen besseren Start in den Kindergarten. Foto: Felizitas Fischer

Der Thurgau machte die mangelnden Deutschkenntnisse von Vorschulkindern zum nationalen Thema. Mit einer Standesinitiative verlangt der Kanton eine Änderung der Bundesverfassung: Eltern, die sich vor Schuleintritt zu wenig um die Integration ihrer Kinder gekümmert haben, sollen deren Deutschunterricht selber bezahlen.

Basel-Stadt geht einen anderen Weg. Und der bewährt sich. Auch dort spielte sich während Jahren dieselbe Geschichte wie in anderen Kantonen ab: Kinder wurden in den Kindergarten eingeschult und verstanden kein Wort. 2013 wurde jedoch ein Pilotprojekt zur Deutschförderung von Kleinkindern gestartet. Seit 2016 ist diese Massnahme im Schulgesetz verankert.

Ein Brief für jede Familie

Die «Frühe Deutschförderung Basel» sei ein ausgeklügeltes System, sagt Leiterin Susann Täschler. Jeweils im Januar werden alle Eltern von Kindern angeschrieben, die anderthalb Jahre vor dem Kindergarteneintritt stehen. 2019 waren es 1721 Familien.

Die Eltern erhalten einen Fragebogen, mit welchem sie die Deutschkenntnisse ihres Kindes beurteilen – dieser liegt in zwölf Sprachen vor. Darin wird beispielsweise gefragt, ob das Kind bestimmte Tätigkeiten auf Deutsch benennen kann. Versehen ist er mit Bildern, etwa von einem essenden oder einem rennenden Kind. Die Frage lautet: «Kann Ihr Kind die Tätigkeiten auf Deutsch benennen? Das wird mit einem Kreuz bestätigt oder verneint. Wächst ein Kind deutschsprachig auf, können Eltern dies auf dem Fragebogen bestätigen und müssen die weiteren Fragen nicht beantworten. Die Fragebogen werden von der Universität Basel ausgewertet. So wird ermittelt, welches Kind einen Förderbedarf hat.

38 Woche à zwei Halbtagen

Alle Eltern müssen den Fragebogen ausfüllen und ans Erziehungsdepartement zurückschicken. «Der Rücklauf ist fantastisch», sagt Täschler. Nach zwei Wochen erhalte die Abteilung Volksschulen beim Erziehungsdepartement bereits 50 Prozent zurück. Insgesamt liegt die Rücklaufquote bei 99,8 Prozent. Allerdings müssen rund 15 Prozent der Eltern erinnert werden. Wenn das nicht ausreicht, werden sie gemahnt, und falls sie noch immer nicht reagieren, werden sie gebüsst. «Jedes Jahr gibt es eine oder zwei Familien, bei denen der Fragebogen erst nach einer Busse zurückkommt», sagt Täschler.

40 Prozent der Kinder der fraglichen Altersgruppe wurden 2018 zur Deutschförderung verpflichtet – rund 670 Kinder. Tendenz steigend. Diese Förderung ist keine Schulung im klassischen Sinn. Es wäre kaum kindgerecht, wenn Dreijährige in einen Kurs sitzen müssten. Die Eltern werden jedoch verpflichtet, ihr Kind während 38 Schulwochen an mindestens zwei Halbtagen pro Woche in eine deutschsprachige Spielgruppe oder eine andere deutschsprachige Institution, beispielsweise eine Kindertagesstätte, zu schicken. Zwei Drittel der Eltern entscheiden sich für eine Spielgruppe. Schicken die Eltern ihr Kind in eine der 40 Sprachförder-Spielgruppen Basels, werden die Elternbeiträge vom Kanton übernommen. Diese Kosten belaufen sich pro Kind und Jahr auf rund 3500 Franken.

Sprachliche Fortschritte

«Wir erhalten von den Kindergärtnerinnen unterschiedliche Rückmeldungen», sagt Täschler. Ein Grossteil beurteile den Entwicklungsstand der so vorbereiteten Kinder sehr positiv. Andere hätten zu hohe Erwartungen an die Frühe Deutschförderung und sind enttäuscht, dass die Kinder beim Kindergarten-Eintritt nicht besser Deutsch können. «Das Optimale können wir mit maximal 76 Besuchen in einer Spielgruppe nicht erreichen», sagt die Projektleiterin. Dennoch könne das Kind viel mehr, als wenn es die Frühe Deutschförderung nicht gäbe. Die Kinder verstehen danach zum Beispiel einfache Anleitungen.

In einer Studie der Universität Basel wiesen Kinder mit Migrationshintergrund, die eine solche Betreuungseinrichtung besuchten, deutlich bessere Deutschkenntnisse auf als die, welche keine besuchten. In einer Evaluation kommt die Fachhochschule Nordwestschweiz zum selben Schluss. Im Verlauf eines Jahres werde bei fast allen Kindern deutliche sprachliche Fortschritte beobachtet. Sie würden mit gestärkten kommunikativ-pragmatischen Kompetenzen in den Kindergarten eintreten.

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