«Viele sind sich einig, die Karikaturisten seien selber schuld»

Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl arbeitet in seinen Gruppentherapien auch mit jungen Muslimen, die vom Jihad fasziniert sind. Wie haben die Jugendlichen auf den Anschlag von Paris reagiert?

Lucie Machac@liluscha

Viele haben einen Migrationshintergrund, manche sind Christen, manche Muslime: Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl therapiert in Bern und Zürich eine Vielzahl von Jugendlichen – teils einzeln, teils in Gruppen. Bei der Erziehungsberatung in Bern arbeitet er mit insgesamt zehn Gruppen, in denen Themen wie Ängste, Phobien, Schulprobleme oder Schwierigkeiten wegen Konflikten in der Familie besprochen werden.

Berechtigtes Attentat?

«Verständlicherweise beschäftigt die muslimischen jungen Männer häufig die Auseinandersetzung mit dem Islam, einige sind fasziniert vom Jihad, wollen sich ihm anschliessen», erzählt Guggenbühl. Ein 16-Jähriger habe sogar den Wunsch geäussert, Selbstmordattentäter zu werden.

«Seine Haltung widerspiegelt den ultimativen Wunsch, etwas für seine eigene Kultur zu tun.» Der Terrorakt sei für den Jugendlichen ein Projektionsfeld, sagt Guggenbühl. «Er stellte sich vor, dass er seinem Dasein dadurch einen Sinn gibt und Berühmtheit erlangt. Er wird bewundert und im Nachhinein gefürchtet, das gibt ihm fast einen Heiligenstatus.»

Wie reagieren diese Jugendlichen nun auf das «Charlie Hebdo»-Attentat in Paris? «Alle finden die Tat grässlich», sagt Allan Guggenbühl. «Aber viele sind sich auch einig, dass die Karikaturisten selber schuld seien.» Wer den Propheten Mohammed beleidige, müsse ganz klar damit rechnen, dass er umgebracht werde. In vielen Diskussionen werde zudem die Überzeugung geäussert, Christen wehrten sich genau gleich, wenn Jesus beleidigt würde, so Guggenbühl. «Den Unterschied zwischen einer zivilisierten Art der Gegenwehr und einem Terroranschlag scheinen sie dabei zu verwischen.»

Freie Meinungsäusserung?

Gleichzeitig wurde für die Attentäter weder Bewunderung geäussert, noch hätten die Jugendlichen die Tat für nachahmungswürdig befunden, erzählt Guggenbühl. Während die Muslime sehr emotional und betroffen diskutiert hätten, seien die Jugendlichen mit einem anderen Migrationshintergrund und die Schweizer weniger aufgewühlt.

Paris, so Guggenbühl, scheine für einige genau gleich weit weg wie Bagdad. «Viele Jugendliche sind zudem überzeugt, es breche nun ein Krieg zwischen den Religionen aus. Sie sehen darin jedoch keine Bedrohung, sondern eine Tatsache.»

Welche Reaktion überrascht den Zürcher Jugendpsychologen am meisten? «Dass die Idee der freien Meinungsäusserung in den Köpfen der Jugendlichen wenig verankert ist. Sie können nicht nachvollziehen, dass freie Meinungsäusserung bedeutet, auch Dinge sagen zu können, über die sich andere empören oder die man als Blasphemie empfindet. Und dass niemand das Recht hat, einen Menschen wegen seiner Äusserungen zu eliminieren.»

Berner Zeitung

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