Viele Gesuche aus Bern und Zürich

Verdingkinder

Seit April können sich Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen für einen Solidaritätsbeitrag melden. Bislang sind 2536 Gesuche eingegangen – weniger als erwartet.

Man wolle alles versuchen, um die Opfer dazu zu bewegen, ihr Recht wahrzunehmen, sagt Luzius Mader, Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen.

Man wolle alles versuchen, um die Opfer dazu zu bewegen, ihr Recht wahrzunehmen, sagt Luzius Mader, Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen.

(Bild: Keystone)

Sandra Rutschi

300 Millionen Franken – so viel Geld stellt der Bund insgesamt für Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981 zur Verfügung. Im April trat das neue Gesetz in Kraft, das pro Opfer einen Solidaritätsbeitrag von bis zu 25 000 Franken vorsieht.

Betroffene können sich an die Opfer­hilfestellen und Staatsarchive in ihren Wohnkantonen wenden. Sie helfen dabei, das Gesuch zu stellen und Akten zu suchen. Das Bundesamt für Justiz nimmt aber auch direkt Gesuche entgegen.

Anfangs schien es, als würde der Bund von Anfragen überflutet: Bereits im Dezember gingen die ersten Gesuche ein. Doch drei Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes sind lediglich 2536 Gesuche beim Bundesamt für Justiz eingegangen, sagt der Delegierte für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen Luzius Mader.

Das sind weniger als erwartet, denn insgesamt rechnete der Bundesrat mit 12 000 bis 15 000 Opfern. Der Verein Fremdplatziert fordert nun, dass das Bundesparlament die Obergrenze von 25 000 Franken pro Opfer aufhebe. Der Rahmenkredit müsse ausgeschöpft werden.

Viele schon gestorben

Allerdings können sich Betroffene noch bis Ende März 2018 melden. Man wolle alles versuchen, um die Opfer dazu zu bewegen, ihr Recht wahrzunehmen, sagt Mader. Die Gründe, weshalb sich weniger Leute als erwartet melden, seien vielseitig, hat Mader aus den Rückmeldungen der Betroffenen erfahren: Einige wissen nicht, dass sie Anrecht auf einen Beitrag hätten; andere wollen alte Wunden nicht wieder aufreissen oder schämen sich; weitere finden die Gesuchsformulare und das Prozedere zu kompliziert, haben das Geld nicht nötig oder möchten generell nichts vom Staat annehmen.

«Dabei handelt es sich beim Solidaritätsbeitrag nicht um Almosen, sondern um eine Anerkennung von Unrecht», sagt Guido Fluri, der Initiator der Wiedergutmachungsinitiative, welche der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte Schub gegeben hatte. Wer dieses Geld nicht selber wolle oder brauche, könne es auch spenden.

Für Fluri ist klar: «Der allergrösste Teil der vielen Opfer ist bereits verstorben.» Weiteren dürfte es ähnlich ergehen, bevor sie ab nächstem April Geld erhalten. Denn viele sind betagt oder krank. Ihre Gesuche werden mit Priorität behandelt. Falls sie den Beitrag einst nicht selber erhalten, geht er an ihre Erben über.

Je Kanton verschieden

Ein Blick auf die Kantone zeigt: In Bern und Zürich klären am meisten Betroffene ab, ob sie Anrecht auf einen Beitrag haben. In Bern meldeten sich bislang 736 Leute bei der Opferhilfe, 195 Gesuche aus Bern gingen beim Bund ein. Das sei aufgrund der Grösse des Kantons und der Einrichtungen nicht erstaunlich, sagt Peter Gomm, Präsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren.

In Zürich sind 402 Fälle bekannt, 155 davon haben ein Gesuch eingereicht. Gemessen an der Bevölkerungszahl überdurchschnittlich betroffen ist der Kanton Freiburg: 266 Fälle sind bekannt, 166 Gesuche sind eingegangen. Spitzenreiterin punkto eingereichter Gesuche ist die Waadt mit 370.

Allerdings trat das Gesetz dort früher in Kraft. Zum Vergleich: Aus dem Jura sind lediglich 30 Fälle bekannt und 10 Gesuche eingegangen, aus Obwalden haben sich bislang nur 2 Opfer gemeldet.

Bei den meisten Kantonen ist noch unklar, inwiefern sie sich finanziell am Solidaritätsbeitrag beteiligen. Appenzell Innerrhoden und Solothurn sowie rund zwanzig Gemeinden haben bislang einen Beitrag zugesichert.

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