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«Väter sind nicht öfter Täter als Mütter»

Familiendrama von Flaach: Wie kann es sein, dass Eltern ihre eigenen Kinder umbringen? Die Tatmotive seien sehr unterschiedlich, erläutert Thomas Claussen, der als forensischer Psychiater an der Uni Bern arbeitet.

Herr Claussen, die Tat der 27-jährigen Mutter aus Flaach, die am Neujahrstag ihre beiden Kinder umgebracht hat, empfinden viele als ungeheuerlich. Wie können Eltern ihre Kinder töten?Thomas Claussen:Lassen Sie mich erst einmal etwas ausholen. In der Psychiatrie unterscheiden wir zwischen der Tötung von Neugeborenen innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt, der Kindstötung innerhalb des ersten Lebensjahres und der Kindstötung ab dem ersten Lebensjahr. Je nachdem können die Tatmotive unterschiedlich sein.

Nämlich? Wenn Mütter ihre Kinder gleich nach der Geburt umbringen, sind oft depressive Erkrankungen oder wahnhafte Vorstellungen im Spiel. Die Mutter bildet sich zum Beispiel ein, dass ihr Kind besessen ist oder bösartig. Wenn Kinder heimlich auf Toiletten oder in Hotelzimmern geboren werden, meist von sehr jungen Müttern, kann es aber auch sein, dass der Nachwuchs schlicht nicht gewollt ist und durch die Tötung verneint werden soll. Bis zum ersten Lebensjahr kommt die Kindstötung übrigens fünfmal häufiger vor als danach, weil die Mütter in erhebliche Stresssituationen geraten können, gerade wenn der Vater oder die soziale Unterstützung fehlen. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, weil man bei einem plötzlichen Kindstod die Fremdeinwirkung nicht immer ausschliessen kann.

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